Pogromgedenken: "Glut des Antisemitismus" ist nicht erloschen

Weihbischof Krätzl ruft bei ökumenischem Bußgottesdienst in der Wiener Ruprechtskirche zur "Brandwache" auf - "Das Abbild Gottes wurde entstellt"

Wien (OTS) - Die "Glut des Antisemitismus" sei nicht erloschen, daher müsse ständig "Brandwache" gehalten werden, betonte Weihbischof Helmut Krätzl in der Wiener Ruprechtskirche beim ökumenischen Bußgottesdienst zum 64. Jahrestag des antijüdischen NS-Pogroms. In der Nacht von 9. auf 10. November 1938 seien nicht nur die Synagogen verbrannt worden, auch die Würde vieler Menschen sei eingeäschert worden, unterstrich Krätzl. Das habe aus heutiger Perspektive nicht nur die Opfer betroffen, sondern auch die Täter und die ohnmächtigen Zuschauer. Wörtlich erklärte der Wiener Weihbischof: "Das Abbild Gottes wurde entstellt". Dafür müsse Sühne geleistet und Buße getan werden.

Kardinal Franz König betonte in einem Grußwort, das von Kirchenrektor P. Joop Roeland verlesen wurde, der 9. November habe sich in Wien von einem für die Christen belastenden Datum zu einem "Zeichen des Bemühens um neues Vertrauen im Verhältnis zu den jüdischen Mitbürgern" entwickelt. Der Wiener Alterzbischof verwies auf die Weichenstellungen des Zweiten Vatikanischen Konzils und die großen Gesten Papst Johannes Pauls II., insbesondere seinen Besuch in der römischen Synagoge und sein Bußgebet an der Klagemauer in Jerusalem.

Die Bedeutung der Konzilerklärung "Nostra Aetate" über den katholischen Bereich hinaus unterstrich auch der Vorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Präses Manfred Kock, der sich aus Anlass des 50-Jahr-Jubiläums der Evangelischen Akademie zu einem offiziellen Besuch in Wien aufhält. Auch er sei skeptisch, dass es keinen Antisemitismus mehr gibt, unterstrich Kock. Heute verstecke sich der Antisemitismus oft hinter der Feindschaft gegen Israel; hier müsse klar gesagt werden, dass man nur kritisieren könne, wenn es Grundsolidarität mit dem jüdischen Volk gebe. Der EKD-Vorsitzende sagte, in ehrlicher Gewissenserforschung müsse man einräumen, dass der jahrhundertelange kirchliche Antijudaismus den Boden für die Ausbreitung auch des rassistischen Antisemitismus bereitet habe. Die Christen hätten zu den Verbrechen gegen die Juden geschwiegen.

Nach dem ökumenischen Gottesdienst zogen die Teilnehmer in einem stillen Gedenkmarsch zum Shoaoh-Mahnmal auf dem Judenplatz und entzündeten dort Kerzen für die ermordeten jüdischen Menschen. Gottesdienst und Gedenkmarsch fanden im Rahmen der alljährlich von der Gemeinde Ruprechtskirche veranstalteten Bedenkwoche "Mechaye Hametim" statt.

Weihbischof Krätzl nahm anschließend als Referent der Österreichischen Bischofskonferenz für den interreligiösen Dialog und in Vertretung von Kardinal Christoph Schönborn gemeinsam mit dem evangelischen Bischof Herwig Sturm an der Einweihung der Gedenkstätte für 65.000 jüdische Opfer des NS-Regimes im Wiener Stadttempel in der Seitenstettengasse teil. Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg erinnerte daran, "wie wichtig für Juden ein würdiges und gleichzeitig ewiges Grab ist". Die Gedenkstätte sei ein "symbolisches Grab" für alle von den Nazis ermordeten österreichischen Juden. Während das Mahnmal auf dem Judenplatz dem Geschehen der Shoah insgesamt gelte, stehe die nun eröffnete Gedenkstätte in der Hauptsynagoge für die Einzelschicksale der jüdischen Menschen. Das Mahnmal zeigt auf schwarzen Tafeln 62.400 Namen von ermordeten jüdischen Menschen; die Namen wurden vom "Dokumentationsarchive des österreichischen Widerstands" in den vergangenen Jahren ermittelt.

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