- 10.11.2002, 18:26:59
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Pogromgedenken: "Glut des Antisemitismus" ist nicht erloschen
Weihbischof Krätzl ruft bei ökumenischem Bußgottesdienst in der Wiener Ruprechtskirche zur "Brandwache" auf - "Das Abbild Gottes wurde entstellt"
Wien (OTS) - Die "Glut des Antisemitismus" sei nicht erloschen,
daher müsse ständig "Brandwache" gehalten werden, betonte Weihbischof
Helmut Krätzl in der Wiener Ruprechtskirche beim ökumenischen
Bußgottesdienst zum 64. Jahrestag des antijüdischen NS-Pogroms. In
der Nacht von 9. auf 10. November 1938 seien nicht nur die Synagogen
verbrannt worden, auch die Würde vieler Menschen sei eingeäschert
worden, unterstrich Krätzl. Das habe aus heutiger Perspektive nicht
nur die Opfer betroffen, sondern auch die Täter und die ohnmächtigen
Zuschauer. Wörtlich erklärte der Wiener Weihbischof: "Das Abbild
Gottes wurde entstellt". Dafür müsse Sühne geleistet und Buße getan
werden.
Kardinal Franz König betonte in einem Grußwort, das von
Kirchenrektor P. Joop Roeland verlesen wurde, der 9. November habe
sich in Wien von einem für die Christen belastenden Datum zu einem
"Zeichen des Bemühens um neues Vertrauen im Verhältnis zu den
jüdischen Mitbürgern" entwickelt. Der Wiener Alterzbischof verwies
auf die Weichenstellungen des Zweiten Vatikanischen Konzils und die
großen Gesten Papst Johannes Pauls II., insbesondere seinen Besuch in
der römischen Synagoge und sein Bußgebet an der Klagemauer in
Jerusalem.
Die Bedeutung der Konzilerklärung "Nostra Aetate" über den
katholischen Bereich hinaus unterstrich auch der Vorsitzende der
Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Präses Manfred Kock, der
sich aus Anlass des 50-Jahr-Jubiläums der Evangelischen Akademie zu
einem offiziellen Besuch in Wien aufhält. Auch er sei skeptisch, dass
es keinen Antisemitismus mehr gibt, unterstrich Kock. Heute verstecke
sich der Antisemitismus oft hinter der Feindschaft gegen Israel; hier
müsse klar gesagt werden, dass man nur kritisieren könne, wenn es
Grundsolidarität mit dem jüdischen Volk gebe. Der EKD-Vorsitzende
sagte, in ehrlicher Gewissenserforschung müsse man einräumen, dass
der jahrhundertelange kirchliche Antijudaismus den Boden für die
Ausbreitung auch des rassistischen Antisemitismus bereitet habe. Die
Christen hätten zu den Verbrechen gegen die Juden geschwiegen.
Nach dem ökumenischen Gottesdienst zogen die Teilnehmer in einem
stillen Gedenkmarsch zum Shoaoh-Mahnmal auf dem Judenplatz und
entzündeten dort Kerzen für die ermordeten jüdischen Menschen.
Gottesdienst und Gedenkmarsch fanden im Rahmen der alljährlich von
der Gemeinde Ruprechtskirche veranstalteten Bedenkwoche "Mechaye
Hametim" statt.
Weihbischof Krätzl nahm anschließend als Referent der
Österreichischen Bischofskonferenz für den interreligiösen Dialog und
in Vertretung von Kardinal Christoph Schönborn gemeinsam mit dem
evangelischen Bischof Herwig Sturm an der Einweihung der Gedenkstätte
für 65.000 jüdische Opfer des NS-Regimes im Wiener Stadttempel in der
Seitenstettengasse teil. Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg erinnerte
daran, "wie wichtig für Juden ein würdiges und gleichzeitig ewiges
Grab ist". Die Gedenkstätte sei ein "symbolisches Grab" für alle von
den Nazis ermordeten österreichischen Juden. Während das Mahnmal auf
dem Judenplatz dem Geschehen der Shoah insgesamt gelte, stehe die nun
eröffnete Gedenkstätte in der Hauptsynagoge für die Einzelschicksale
der jüdischen Menschen. Das Mahnmal zeigt auf schwarzen Tafeln 62.400
Namen von ermordeten jüdischen Menschen; die Namen wurden vom
"Dokumentationsarchive des österreichischen Widerstands" in den
vergangenen Jahren ermittelt.
Rückfragehinweis:
Kathpress
(Katholische Presseagentur)
CR Erich Leitenberger
Tel.: +43 1 512 52 83
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