• 07.11.2002, 17:58:29
  • /
  • OTS0267 OTW0267

DER STANDARD-Kommentar: "Dort Verzweiflung, hier Sturheit" (von Eric Frey) - Erscheinungstag 8.11.2002

Die Zinspolitik der Fed ist waghalsig, jene der EU-Notenbank mut- und instinktlos

Wien (OTS) - Niemand soll behaupten, alle Zentralbanker seien
gleich. Fed-Chef Alan Greenspan hat mit einer waghalsigen Zinssenkung
seine wohl vorletzte Kugel im Kampf gegen die Wirtschaftsflaute in
den USA eingesetzt. Bei einem Leitzinssatz von 1,25 Prozent ist nach
unten hin kaum noch Spielraum. Denn unter null können die (nominalen)
Zinsen bekanntlich nicht fallen.

Ebenso wie Greenspan beklagte EZB-Präsident Wim Duisenberg am Tag
darauf die wachsende Unsicherheit in der Weltwirtschaft. Doch er
blieb stur: Die Inflationsgefahr ist nicht gebannt, daher bleibt der
Zinssatz bei 3,25 Prozent. Das Zinsgefälle zwischen Europa und den
USA, das sich im Vorjahr gewendet hat, ist dadurch weiter gewachsen.

Dass Greenspan mit seiner Entscheidung mehr Applaus aus Politik und
Medien einheimst als sein europäischer Kollege, sagt noch nichts aus
über die Qualität der Politik: Zinssenkungen sind immer populär,
Erhöhungen nie. Die Fed hatte wahrscheinlich keine Wahl, als die
Zinsschraube erneut zu lockern, doch der Schritt wirkt wie ein
Verzweiflungsakt des einstigen "Meisters" der Geldpolitik.

Elf Zinssenkungen in zwei Jahren haben in den USA zu keinem
nachhaltigen Aufschwung geführt, und es ist nicht anzunehmen, dass
die zwölfte dies schafft. Viele Ökonomen warnen inzwischen vor
Zuständen wie in Japan, wo die Wirtschaft trotz Nullzinsen lahmt.
Schuld daran ist die Deflation: Wenn das Preisniveau sinkt, sind auch
zinslose Kredite teuer, weil sie ja später mit Geld, das mehr wert
geworden ist, zurückgezahlt werden müssen.

So weit ist Amerika noch nicht, aber es hat sich auch dort gezeigt,
dass Firmen ihre Investitionsentscheidungen weniger von den Zinsen
als den Gewinnaussichten abhängig machen. Billige Kredite haben zwar
im vergangenen Jahr die Konsumausgaben hochgehalten, aber den bereits
hoch verschuldeten Amerikanern geht nun dennoch die Luft aus. Und der
Boom bei Immobilienpreisen zeigt immer mehr Anzeichen einer Blase -
ähnlich den überhitzten Börsenkursen der Neunzigerjahre, deren
Kollaps erst die heutige Misere verursacht haben. Greenspan bekommt
jetzt die Rechnung dafür präsentiert, dass er jahrelang die
US-Realzinsen zu niedrig gehalten hat.

Diesen Vorwurf kann man der EZB nicht machen. Auch wenn ihre
Geldpolitik lang nicht so strikt ist, wie oft behauptet, bleibt es
dennoch unverständlich, dass die Frankfurter Währungshüter ein Jahr
lang die Zinsen nicht antasten, obwohl das Wachstum absackt.

Sicher hat es die Fed leichter: Sie besitzt eine institutionelle
Glaubwürdigkeit, die der jüngeren und politisch weniger abgesicherten
EZB fehlt. Als Folge klammern sich die Notenbanker mutlos an ihre
Satzung, die als einziges Ziel die Sicherung der Preisstabilität
kennt. Ihre jüngste Zinsentscheidung erklärt sich aus den jüngsten
Inflationsdaten: Mit 2,2 Prozent wurde im Oktober das Inflationsziel
von zwei Prozent für die gesamte Eurozone (von Griechenland bis
Finnland) überschritten.

Dieses Inflationsziel hat sich die EZB selbst gesetzt - und könnte
es jederzeit wieder ändern. Immer mehr Studien zeigen, dass eine
Euro-Inflation von zwei Prozent zu niedrig ist, weil dies Länder wie
Deutschland an den Rand der Deflation bringt. Vor einigen Jahren war
Deflation noch ein Mythos. Heute stellt sie auch in Europa eine
größere Gefahr dar als die Inflation, die nicht einmal durch die
Umstellung auf den Euro angeheizt worden ist. Nicht steigende,
sondern fallende Preise sollten die Notenbank beunruhigen.

Das allein spricht für eine rasche Zinssenkung in der Eurozone. Noch
stärker aber wiegt die Debatte um den Stabilitätspakt. Gerade weil
sich die EZB für eine restriktive Budgetpolitik einsetzt, zeugt es
von höchster politischer

Instinktlosigkeit, dass sie es Ländern wie Frankreich, Deutschland
und Italien nicht mit niedrigeren Zinsen leichter macht, ihre
Defizite zu senken. Und ein Zerbrechen des Stabilitätspaktes würde
dem Euro viel mehr schaden als ein Alzerl mehr Inflation.

Rückfragehinweis:
Der Standard
Tel.: (01) 531 70/428

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PST

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel