DER STANDARD-Kommentar: "Dort Verzweiflung, hier Sturheit" (von Eric Frey) - Erscheinungstag 8.11.2002

Die Zinspolitik der Fed ist waghalsig, jene der EU-Notenbank mut- und instinktlos

Wien (OTS) - Niemand soll behaupten, alle Zentralbanker seien gleich. Fed-Chef Alan Greenspan hat mit einer waghalsigen Zinssenkung seine wohl vorletzte Kugel im Kampf gegen die Wirtschaftsflaute in den USA eingesetzt. Bei einem Leitzinssatz von 1,25 Prozent ist nach unten hin kaum noch Spielraum. Denn unter null können die (nominalen) Zinsen bekanntlich nicht fallen.

Ebenso wie Greenspan beklagte EZB-Präsident Wim Duisenberg am Tag darauf die wachsende Unsicherheit in der Weltwirtschaft. Doch er blieb stur: Die Inflationsgefahr ist nicht gebannt, daher bleibt der Zinssatz bei 3,25 Prozent. Das Zinsgefälle zwischen Europa und den USA, das sich im Vorjahr gewendet hat, ist dadurch weiter gewachsen.

Dass Greenspan mit seiner Entscheidung mehr Applaus aus Politik und Medien einheimst als sein europäischer Kollege, sagt noch nichts aus über die Qualität der Politik: Zinssenkungen sind immer populär, Erhöhungen nie. Die Fed hatte wahrscheinlich keine Wahl, als die Zinsschraube erneut zu lockern, doch der Schritt wirkt wie ein Verzweiflungsakt des einstigen "Meisters" der Geldpolitik.

Elf Zinssenkungen in zwei Jahren haben in den USA zu keinem nachhaltigen Aufschwung geführt, und es ist nicht anzunehmen, dass die zwölfte dies schafft. Viele Ökonomen warnen inzwischen vor Zuständen wie in Japan, wo die Wirtschaft trotz Nullzinsen lahmt. Schuld daran ist die Deflation: Wenn das Preisniveau sinkt, sind auch zinslose Kredite teuer, weil sie ja später mit Geld, das mehr wert geworden ist, zurückgezahlt werden müssen.

So weit ist Amerika noch nicht, aber es hat sich auch dort gezeigt, dass Firmen ihre Investitionsentscheidungen weniger von den Zinsen als den Gewinnaussichten abhängig machen. Billige Kredite haben zwar im vergangenen Jahr die Konsumausgaben hochgehalten, aber den bereits hoch verschuldeten Amerikanern geht nun dennoch die Luft aus. Und der Boom bei Immobilienpreisen zeigt immer mehr Anzeichen einer Blase -ähnlich den überhitzten Börsenkursen der Neunzigerjahre, deren Kollaps erst die heutige Misere verursacht haben. Greenspan bekommt jetzt die Rechnung dafür präsentiert, dass er jahrelang die US-Realzinsen zu niedrig gehalten hat.

Diesen Vorwurf kann man der EZB nicht machen. Auch wenn ihre Geldpolitik lang nicht so strikt ist, wie oft behauptet, bleibt es dennoch unverständlich, dass die Frankfurter Währungshüter ein Jahr lang die Zinsen nicht antasten, obwohl das Wachstum absackt.

Sicher hat es die Fed leichter: Sie besitzt eine institutionelle Glaubwürdigkeit, die der jüngeren und politisch weniger abgesicherten EZB fehlt. Als Folge klammern sich die Notenbanker mutlos an ihre Satzung, die als einziges Ziel die Sicherung der Preisstabilität kennt. Ihre jüngste Zinsentscheidung erklärt sich aus den jüngsten Inflationsdaten: Mit 2,2 Prozent wurde im Oktober das Inflationsziel von zwei Prozent für die gesamte Eurozone (von Griechenland bis Finnland) überschritten.

Dieses Inflationsziel hat sich die EZB selbst gesetzt - und könnte es jederzeit wieder ändern. Immer mehr Studien zeigen, dass eine Euro-Inflation von zwei Prozent zu niedrig ist, weil dies Länder wie Deutschland an den Rand der Deflation bringt. Vor einigen Jahren war Deflation noch ein Mythos. Heute stellt sie auch in Europa eine größere Gefahr dar als die Inflation, die nicht einmal durch die Umstellung auf den Euro angeheizt worden ist. Nicht steigende, sondern fallende Preise sollten die Notenbank beunruhigen.

Das allein spricht für eine rasche Zinssenkung in der Eurozone. Noch stärker aber wiegt die Debatte um den Stabilitätspakt. Gerade weil sich die EZB für eine restriktive Budgetpolitik einsetzt, zeugt es von höchster politischer

Instinktlosigkeit, dass sie es Ländern wie Frankreich, Deutschland und Italien nicht mit niedrigeren Zinsen leichter macht, ihre Defizite zu senken. Und ein Zerbrechen des Stabilitätspaktes würde dem Euro viel mehr schaden als ein Alzerl mehr Inflation.

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