Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Die Bilanz einer Ära" (Von Claus Reitan)

Ausgabe vom 25. Oktober 2002

Innsbruck (OTS) - Man muss schon wenig von Politik verstehen, um
so flott über Wendelin Weingartner zu urteilen, wie es sich manche erlaubten. Doch nun, da er das Amt des Landeshauptmannes übergibt, schweigen die Kritiker, lässt er Selbstkritik erkennen und sind die Lobredner am Wort. Wieder macht man es sich zu einfach.

Weingartner war ein Landeshauptmann seiner Zeit. Seine Ära ist Spiegelbild der Umbrüche in Gesellschaft und Politik, seine Bilanz Ausdruck fälliger Lektionen für das politische Leben und seine Akteure.

So bleibt es unverständlich, dass die ÖVP ihren Chef und Landeshauptmann seit dessen Wahlerfolg 1999 feuern statt feiern wollte. Die Legende, Weingartner hätte auf Lawinenkegeln den Sieg errungen, ist widerlegt. Bestätigt ist, dass man so lange Stimmen nachzählte, bis das zur absoluten ÖVP-Mehrheit führende 19. Mandat wieder weg war. Da wurden Rechnungen beglichen, die Weingartner gar nicht ausgestellt hatte.

Weingartner und seine Mitspieler sind einander wenig schuldig geblieben. Anstatt sich über Projekte zu verständigen, lieferten sie sich einen Buschkrieg ohne Terraingewinn. Tourismus und Transit, Musikschulen und Müllverbrennung, Fußball- und Finanz-Skandal, - je geringer der Spielraum der Politik war, desto mehr verkam die Restfläche zur Spielwiese der Akteure. Doch wer Weingartner vorwirft, dieser habe als Landeshauptmann zu wenig oder zu langsam entschieden, hätte ihn ja bei dessen Entscheidung für eine grenzüberschreitende Tirol-Bank unterstützen können, oder?
Zweifelsohne hat Weingartner in den großen Fragen des Landes weit über den Tag hinaus gedacht. Hat sich bei Sachthemen mehr als viele andere in die Materie vertieft, weswegen er bei seiner Meinung blieb, sobald er eine hatte und nicht nur andere sammelte.
Er war mehr als nur ein ordentlicher Verwalter, verzichtete auf eine Politik der Feindbilder, pflegte eine der Öffnung. Als Intellektueller kannte er den Zweifel, den er als Politiker nicht überwinden konnte. Als Politiker hätte er Netzwerke gebraucht, die er als Individualist nicht leicht zu knüpfen vermochte.
Weingartner wusste, dass die Zeit der einfachen Lösungen vorbei ist, dass aber die Gegenwart nach Lösungen drängt. In diesem Dilemma hat er sich gut behauptet. Und ist seinen Anforderungen eher gerecht geworden als andere in ihrem Urteil über ihn. rei

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