- 22.10.2002, 11:47:19
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Warnung vor Desinfektionsmittel im Haushalt
Ein keimfreies Zuhause schadet der Gesundheit, besonders der von Kindern
Wien (OTS) - Nach dem Motto "Alles garantiert keimfrei" wird zur
Zeit dafür geworben, Kinderspielzeug, Geschirr und Kleidung,
Badezimmer und Küche regelmäßig mit Desinfektionsmitteln
einzusprühen. "Da wird wieder einmal mehr versucht, mit Panikmache
Geld zu verdienen", meint DI Marion Jaros von der Wiener
Umweltanwaltschaft, die sich seit Jahren mit den Auswirkungen von
Desinfektionsmitteln auf Umwelt und Gesundheit beschäftigt. Ist nur
zu hoffen, dass das Versprechen der Werbung nicht stimmt. Denn gerade
das Immunsystem von Kindern braucht den täglichen Kontakt mit Keimen.
Übertriebene Hygiene hingegen schwächt die Abwehr und fördert
Hautkrankheiten sowie Allergien. Eine ständig wachsende Anzahl von
Studien beweist dies. "Desinfektionsmittel haben im Haushalt nichts
verloren", betonen führende Institutionen der Ärzteschaft, Hygiene
und Wissenschaft, sowie des Konsumenten- und Umweltschutzes.****
"Wenn Tierfütterungsversuche mit einem Desinfektionsmittel
zeigen, dass es akut nur schwach giftig ist, hat das wenig
Aussagekraft. Längst nicht alle gesundheitlichen Auswirkungen, die
durch den Kontakt mit Desinfektionsmitteln auftreten können, werden
im Rahmen einer Zulassung untersucht. Eines steht jedoch fest: Ein
Mittel, das alles keimfrei macht, kann nicht völlig unschädlich für
Mensch und Tier sein. Denn Menschen und Tiere leben in einer
wechselseitigen Abhängigkeit mit diesen Kleinlebewesen, welche von
der Werbung völlig übertrieben zum Feindbild erklärt werden", so
Jaros.
Bakterien sind lebensnotwendig für Mensch und Haustier
Ao. Univ.-Prof. Mag. Dr. Renée Schroeder von der Universität
Wien setzt fort: "Im menschlichen Körper leben 10 mal mehr Bakterien
als eigene Körperzellen. Bakterien schützen die Haut vor Krankheiten
und helfen bei der Verdauung. Sie sind für die Gesundheit und
Existenz lebensnotwendig." Nur ein winziger Bruchteil der Bakterien
gehört zu den Krankheitserregern, und selbst diese müssen regelmäßig
in geringen Dosen aufgenommen werden, um das Immunsystem fit zu
halten.
Keimfreiheit fördert Allergien
"Durch das Leben in einer bakterienfreien Umgebung, würde das
Immunsystem beginnen, sich mit völlig ungefährlichen Stoffen zu
beschäftigen. Das Ergebnis sind Allergien," ergänzt Schroeder.
Das zeigt z.B. eine kürzlich fertig gestellte Studie über
Bakterienbestandteile und Allergien bei Bauernkindern. "Diese zeigt,
dass das Immunsystem durch den häufigen Kontakt mit Keimen toleranter
wird. Dadurch kommt es seltener zur Ausbildung von Allergien," sagt
Dr. med. Peter Wallner von "Ärzte und Ärztinnen für eine gesunde
Umwelt.
DI Dr. med. H.-P. Hutter vom Institut für Umwelthygiene der
Universität Wien ergänzt: "Der unüberlegte Einsatz von
Desinfektionsmitteln im Haushalt ist bestenfalls wirkungslos,
schlimmstenfalls mit diversen Nebenwirkungen und Gefahren behaftet.
So sind die Folgen einer Störung der natürlichen Hautflora des
Menschen durch wiederholten Kontakt mit "antibakteriellen"
Reinigungs- und Waschmitteln derzeit nicht absehbar. Außerdem werden
bei deren Anwendung Schadstoffe zum Beispiel mit allergenem Potential
freigesetzt, die eine zusätzliche Quelle für Belastungen der
Innenraumluft darstellen. Die Anwendung sanfter Wasch- und
Reinigungsmittel ist völlig ausreichend, um sich zu Hause vor
Infektionen mit Krankheitserregern zu schützen."
Desinfektionsmittel sind auch eine Gefahr für die Umwelt
Desinfektionsmittel töten Krankheitserreger nicht spezifisch.
Sie sind giftig für ein sehr breites Spektrum an Mikro- und
Wasserorganismen. Gelangen sie nach ihrem Gebrauch ins Abwasser,
stellen sie eine Belastung für Kläranlagen dar, deren
Leistungsfähigkeit auf dem Zusammenwirken verschiedenster Bakterien
beruht.
"Bei dem Wirkstoff, der in einem aktuell massiv beworbenen
Produkt enthalten ist, kann man nur hoffen, dass er in der Kläranlage
rasch und umfassend inaktiviert wird. Wie die Herstellerfirma selbst
einräumt, besitzt dieser Stoff fischtoxische Eigenschaften und ist
biologisch schlecht abbaubar." gibt Stoffexperte Dr. Manfred Klade
vom Interuniversitäten Forschungszentrum für Arbeit, Technik und
Kultur (IFZ) zu bedenken.
Ein Anstieg desinfizierender Stoffe im Abwasser führt durch
Abtötung und Hemmung empfindlicher Bakterien zu einer Abnahme der
biologischen Reinigungsleistung der Kläranlage. Eine Abnahme der
Leistungsfähigkeit begünstigt gleichzeitig den Eintrag
desinfizierender Wirksubstanzen in natürliche Oberflächengewässer wie
Flüsse und Seen, wodurch Krebstiere und Fische geschädigt werden
können. Dazu meint Dr. Karin Büchl-Krammerstätter, Leiterin der
Umweltschutzabteilung der Stadt Wien: "Wenn man bedenkt, dass in
Österreich pro Jahr 120.000 Tonnen Wasch- und Reinigungsmittel
verbraucht werden - das entspricht einem pro Kopf Verbrauch von etwa
15 kg - wird deutlich, dass auch schon der teilweise Ersatz von
herkömmlichen Reinigungsprodukten durch solche mit desinfizierenden
Zusätzen eine ernstzunehmende Umweltbelastung darstellt."
Vorgangsweise in Krankenhäusern
"Desinfektion hat grundsätzlich nichts im Haushalt zu suchen,
sondern hat ihren Platz für eng definierte Aufgaben in Krankenhäusern
und Ordinationen, wo sie unter fachlicher Kontrolle höchst wirksam
ist", erläutert Prof. Ing. Bruno Klausbruckner, Wiener
Krankenanstaltenverbund. Die zur Erzielung einer Desinfektion
verwendeten Wirkstoffe können die Gesundheit des Menschen sehr wohl
beeinträchtigen. So registriert die AUVA in Österreich jedes Jahr
Neuerkrankungen von Personen aus dem Gesundheitsdienst an schwer
heilbaren Hautekzemen, welche nachweislich durch den regelmäßigen
Umgang mit Desinfektionsmitteln ausgelöst wurden. Weil der Einsatz
von Desinfektionsmitteln für den Menschen selbst nicht unbedenklich
ist und auch um die Umwelt zu entlasten, bemüht man sich in den
Krankenhäusern, die Anwendung dieser Mittel auf das unbedingt
notwendige Maß zu reduzieren. Die Anwendung erfolgt nur über
Anweisung von Hygienefachkräften. "Dabei wird besonders darauf
geachtet, dass die Bestimmungen des Arbeitnehmerschutzes lückenlos
eingehalten werden" betont Klausbruckner.
Desinfektionsmittel stellen eine enorme Unfallgefahr im
Haushalt dar
Der Verein für Konsumenteninformation und internationale
Verbraucher-Organisationen konnten feststellen, dass
Haushaltsreiniger mit bakterientötenden Wirkstoffen und vor allem die
Werbung hierfür lediglich auf vermeintliche Hygieneprobleme abzielen,
während tatsächliche Risken unberührt bleiben und verschleiert
werden. Überdies stellen solche "Hygienereiniger" und ein vermehrter
unkritischer Einsatz von Chemikalien ein zusätzliches Risiko im Bezug
auf die Unfallgefahr im Haushalt dar. Mängel bei Lagerung, Anwendung
und Entsorgung bergen ein beträchtliches Risikopotential für
Kleinkinder und AnwenderInnen. Im Zusammenhang mit
hypochlorithaltigen Reinigungsmittel (Chlorreinigern) ist ein
besonderes Unfall- und Vergiftungsrisiko durch chemische Reaktionen
mit Bestandteilen anderer Reinigungsmittel evident. "So kann es beim
Kontakt mit ammoniakhaltigen Reinigern zur Entwicklung gefährlicher
Dämpfe kommen, mit Säuren (saure Sanitär- und WC-Reiniger) kommt es
zur Entwicklung von giftigem Chlorgas", erklärt Thomas Tobisch vom
Verein für Konsumenteninformation.
Hygienemaßnahmen als Schutz vor Krankheitskeimen
"Das Bad sollte gut gelüftet werden, da hohe Keimzahlen und
Schimmelbefall durch Feuchtigkeit begünstigt werden. Ein weiterer
sensibler Bereich im Privathaushalt ist die Küche. Rohes Fleisch,
insbesondere Geflügel und rohe Eier sollten getrennt von anderen
Lebensmitteln gelagert und verarbeitet werden. Auf Geschirr- und
Schwammtüchern sind laut Untersuchungen die höchsten Bakteriendichten
zu finden. Daher ist es wichtig, diese häufig zu waschen und zu
wechseln. Beachtet man diese einfachen Hygienemaßnahmen, erhält man
ausreichend Schutz vor der Übertragung von möglichen
Krankheitserregern, und eine Verwendung irgendwelcher
antibakterieller Reinigungsmittel ist völlig übertrieben, unnötig und
sogar gefährlich", rät Dr. Susanna Stark, "die umweltberatung" .
Gesetzliche Vorgaben
Vor dem Hintergrund des Vorsorgeprinzips wurde vom
österreichischen Gesetzgeber das Biozid-Produkte-Gesetz (BGBl I Nr.
105/2000) erlassen, das mit 1. Oktober 2000 in Kraft getreten ist.
Neben diversen Schädlingsbekämpfungsmitteln fallen auch als
desinfizierend ausgewiesene Wasch- und Reinigungsmittel unter das
Biozid-Produkte-Gesetz. In §26 ist z.B. fest gelegt, dass bei
jeglicher Werbung für Biozid-Produkte die Sätze "Biozide sicher
verwenden. Vor Gebrauch stets Kennzeichnung und Produktinformation
lesen" aufzuscheinen haben, wobei das Wort "Biozid" durch
"Desinfektionsmittel" ersetzt werden darf. Diese Regelung gilt ohne
Übergangsfrist, und somit müsste dieser Zusatz in der Werbung für
solche Produkte vorkommen.
Appelle der ExpertInnen an BürgerInnen und die Industrie
o "Antibakterielle" Reinigungsmittel sind im Haushalt unnötig.
o Zuerst informieren, dann konsumieren. KonsumentInnen sollten
sich und ihre Kinder vor Gesundheitsrisiken durch nutzlosen
Chemikalieneinsatz in ihrer Wohnung schützen.
o Die Industrie muss sich ihrer Verantwortung den KonsumentInnen
und der Umwelt gegenüber bewusst werden.
Rückfragen und Bestellung des Folders "Nein zur Desinfektion im
Haushalt":
o Wiener Umweltanwaltschaft:
Dipl. Ing. Marion Jaros
Tel.: 379 79-88994
mailto:[email protected]
Muthgasse 62, 1190 Wien
http://www.magwien.gv.at/wua/desinfekt.htm
o "die umweltberatung":
Dr. Susanna Stark
Tel.: 270 41 24-11
mailto:[email protected]
Galvanigasse 17, 1210 Wien
http://www.umweltberatung.at/
o Ärztinnen und Ärzte für eine gesunde Umwelt und Institut für
Umwelthygiene:
DI Dr. Hans-Peter Hutter
Tel.: 427 7-64727
mailto:[email protected]
Bestellung des Folders "Nein zur Desinfektion im Haushalt" auch
unter:
o MA 22 - Umweltschutz
Folderservice Tel.: 4000-88220
"die umweltberatung" Service
Tel.: 01-8033232
mailto:[email protected]
(Schluss) ru
Rückfragehinweis:
PID-Rathauskorrespondenz:
http://www.wien.at/vtx/vtx-rk-xlink/
Romana Uhyrek
Wiener Umweltanwaltschaft
Muthgasse 62
1190 Wien
01-37979/88985
mailto:[email protected]
http://www.wien.gv.at/wua/
OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | NRK






