- 15.10.2002, 17:20:27
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"Heimat großer Lösungen" (von Helmut Spudich) - Erscheinungstag 16.10.2002
Die "Gas-Allianz" hat europäische Dimension, engt aber den heimischen Markt ein
Wien (OTS) - Es ist ein bemerkenswertes Phänomen des
österreichischen Aufbruchs nach Europa und in liberalisierte Märkte:
Kaum werden bisherige Monopole aufgehoben, drängt es die heimischen
Exmonopolisten mit tatkräftiger Unterstützung der Politik zu so
genannten "österreichischen Lösungen". Ob beim Strom, der Milch oder
zuletzt beim Gas: Patriotismus ist gefragt.
Der letzte Streich der Vaterlandsverbundenheit ist die
"Gas-Allianz", der Zusammenschluss der ost- und oberösterreichischen
Gasversorger, die untereinander vier Fünftel des heimischen Gasmarkts
aufteilen. Gerade erst - am 1. Oktober - wurde von der Politik dem
Konsumenten ein wahlkämpferisches "Der Markt ist frei!"
entgegengerufen, kurz danach nehmen wir zur Kenntnis, dass die
Konzentration auf dem heimischen Gassektor größer, nicht geringer
wird.
Das Kernproblem der Deregulierung oder Liberalisierung von
Versorgungseinrichtungen ist deren jeweilige Infrastruktur, die
Monopole oder De-Facto-Monopole so natürlich erscheinen lässt.
Niemand, der bei Trost ist, wird ein zweites oder gar drittes Gas-
oder Stromnetz von Haus zu Haus legen, um ein Konkurrenzprodukt
anzubieten. Es gibt fast immer nur einen Netzbetreiber, ergo fehlt
die Konkurrenz, wie wir sie im Handel mit Waren kennen.
Also besteht die "Freiheit" des Marktes darin, dass die
Infrastruktur auch von anderen benutzt werden kann - man schickt den
Strom oder das Gas durch die Leitungen des regionalen
Ex-Monopolisten. Damit haben zwar alle dieselben Leitungskosten (die
kontrolliert werden), aber unterschiedlichen Energiekosten, womit
unterm Strich ein Preisunterschied entsteht.
Soweit die Theorie, an deren Entwicklung übrigens der jüngste
Nobelpreisträger Vernon Smith durch seine Experimente wesentlich
mitbeteiligt war. In der Praxis kann dies bei Strom funktionieren,
bei Gas hingegen wird es überaus schwierig. Denn was einen Anbieter
zum Letztverbraucher drängt, ist der Rohstoff: Wer selbst ein
Kraftwerk hat und Strom produziert, will diesen verkaufen, also macht
er einem Platzhirschen seinen Markt streitig. Bei Gas ist die Sache
anders, denn im Land wird kaum Erdgas produziert - es wird fast alles
importiert. Das macht die Konkurrenz unmöglich, denn wenn die
Netzkosten für alle gleich sind und die Gaskosten detto, dann ergeben
sich keine unterschiedlichen Preise.
Es sei denn, dass aus dem Ausland ein Konkurrent kommt, der das Gas
zwar gleichfalls zukauft, aber bessere Verträge hat (weil er ungleich
größere Mengen kauft, wie z.B. deutsche Anbieter). Diese Konkurrenz
ist in erster Linie an einer Handvoll Großkunden interessiert, denn
die Betreuung vieler kleiner Abnehmer ist mühsam und kostenintensiv,
während es bei den Großen schlicht um die Kosten des Rohstoffs geht.
Gegen diese Konkurrenz (insbesondere E.ON und Ruhrgas), die um einen
Faktor 10 größer ist als unsere kleine heimische Gaswelt,
positioniert sich die "österreichische Gaslösung". Durch den
Zusammenschluss wird es tatsächlich billiger - aber nur für wenige
Großkunden.
Das Problem der Politik ist, dass sie die Liberalisierung
stimmenmaximierend so verkaufte, als wäre sie das ureigene Anliegen
hunderttausender Haushalte und nicht von ein paar Dutzend Betrieben.
Und die Gefahr des Zusammenschlusses ist, dass man sich bei den
Kleinen holt, was man zur Verteidigung der Großkunden braucht.
Über diese Gefahr zu wachen ist jetzt Aufgabe des Regulators, der
damit in die Rolle einer Art gehobenen Preiskommission kommt. Die
Philosophie der deregulierten Märkte ist noch zu jung, um wirklich zu
wissen, ob sie das optimale Modell für die Versorgung mit Strom und
Gas ist.
In der EU ist Österreich erstaunlicherweise zu einem Vorreiter der
völligen Freigabe geworden. Diese Experimentierfreude ist eine
erfrischende Alternative zur bewährten "Was brauch ma des"-Haltung -
aber nur dann, wenn bei Bedarf auch nötige Korrekturen vorgenommen
werden.
Rückfragehinweis:
Der Standard
Tel.: (01) 531 70/428
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