- 07.10.2002, 13:30:46
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ENQUETE "50 JAHRE MARIAZELLER MANIFEST" IM PARLAMENT Was bedeutet "Freie Kirche in einer freien Gesellschaft" heute?
Wien (PK) - Aus Anlass des Jubiläums "50 Jahre Mariazeller
Manifest" fand heute im Parlament eine Enquete statt, zu der
Nationalratspräsident Heinz Fischer und der Katholische Laienrat
Österreichs einluden. Das "Mariazeller Manifest" entstand in
Vorbereitung des ersten gesamtösterreichischen Katholikentages
nach dem Krieg, der im Herbst 1952 unter dem Motto "Freiheit und
Würde des Menschen" in Wien stattgefunden hat. Anfang Mai 1952
trafen in Mariazell Priester und Laien aus allen österreichischen
Diözesen mit Expertinnen und Experten der verschiedensten
Bereiche zu einer vorbereitenden Studientagung zusammen "um in
voller Freiheit zu beraten, ohne gebundene Marschroute und ohne
Regie, verpflichtet nur dem gemeinsamen Glauben". Anliegen und
Ergebnisse der Studientagung wurden dann unter dem Motto "Eine
freie Kirche in einer freien Gesellschaft" in dem Bericht zum
"Mariazeller Manifest" zusammen gefasst. 50 Jahre nach dem
Manifest, das das Ende jeglicher parteipolitischen Bindung der
Katholischen Kirche Österreichs bedeutete, befassten sich heute
die Teilnehmer der Enquete im Parlament mit der Frage nach der
Positionierung der Kirche in der aktuellen rechtlichen und
politischen Realität Österreichs und erörterten vor allem die
Rolle einer "freien Kirche in einer freien Gesellschaft".
FISCHER WÜRDIGT NEUPOSITIONIERUNG DER KIRCHE NACH DEM KRIEG
Nationalratspräsident Heinz Fischer, der die zahlreichen
Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus den Bereichen Kirche, Politik
und Medien begrüßte, erinnerte an die leidvollen Erfahrungen aus
der Ersten Republik und meinte, der Grundsatz "Freie Kirche in
einer freien Gesellschaft" sei nicht immer selbstverständlich
gewesen. Die enge Bindung der Kirche an die Christlichsoziale
Partei habe zu einem Antagonismus zwischen der Sozialdemokratie
und der Kirche geführt, der erst nach dem Krieg durch die
Neupositionierung der Kirche ausgehend vom Mariazeller Manifest,
aber auch durch Persönlichkeiten wie Kardinal König, Bruno
Kreisky und Anton Benya überwunden werden konnte.
Wenn heute über die Rolle der Kirche in Staat und Gesellschaft
nicht mehr so intensiv diskutiert werde wie noch vor 25 Jahren,
so könne dies, wie Fischer meinte, auch als positives Zeichen
aufgefasst werden. Bestimmte Prinzipien, die mühsam erkämpft
wurden, hätten sich mittlerweile so durchgesetzt, dass sie gar
nicht mehr ernsthaft in Frage gestellt werden. Österreich habe
die Lehren aus der Geschichte gezogen, die Zusammenarbeit
zwischen Staat und Kirche stehe heute auf einer vertrauensvollen
und positiven Basis, betonte Fischer.
Wolfgang Rank, der Präsident des Katholischen Laienrates
Österreichs, meinte in seinen einleitenden Worten, die
Veranstaltung habe sich zum Ziel gesetzt, die geschichtliche
Bedeutung des Mariazeller Manifestes für die Entwicklung des
Verhältnisses von Kirche und Gesellschaft zu erörtern, dazu aber
auch politische und theologische Fragen zu bedenken. "Freie
Kirche in einer freien Gesellschaft" werfe die immer aktuellen
Fragen "Freiheit wovon?" und Freiheit wozu?" auf.
LIEBMANN ÜBER KULTURKAMPFTHEMEN EHERECHT, SCHULWESEN, FINANZEN
Universitätsprofessor Maximilian Liebmann, Kirchenhistoriker an
der Universität Graz, beleuchtete die drei Kulturkampf-Themen
Eherecht, konfessionelles Schulwesen und Kirchenfinanzierung aus
geschichtlicher Sicht, beginnend mit 1867 und dem Bemühen der
Liberalen, das Konkordat 1855, das die katholische Kirche
förderte und verherrlichte, zu annullieren. In seinem Rückblick
kam Liebmann auch auf die Bischofskonferenz 1868 zu sprechen, die
in Beschlüssen festgelegt hatte, dass die Ehe nur vor Gott
geschlossen werde und in Zivilehe Lebende öffentliche Sünder
seien, auf die Maigesetze 1868 sowie auf die "schweren Geschütze"
von Papst Pius IX. gegen das Staatsgrundgesetz 1867 und die
Maigesetze 1968 und auf das Ende der konfessionellen Gesetzgebung
und den Anfang für ein neues Bündnis von Thron und Altar bzw.
Kirche und Staat durch die konfessionellen Gesetze 1874.
1938 wurde schließlich die obligatorische Zivilehe, obgleich die
Bischöfe dagegen protestiert hatten, eingeführt, in den
Sommermonaten wurden die konfessionellen Privatschulen
abgeschafft, der Religionsunterricht erschwert bzw. eingestellt
und die theologischen Fakultäten an den Universitäten
geschlossen. Auch das Kulturkampfthema Kirchenfinanzierung wurde
1939 radikal gelöst: Die Kirche wurde zum privaten Verein und ein
Kirchenbeitragssystem wurde ihr aufoktroyiert. Laut Liebmann ist
die katholische Kirche aus der NS-Herrschaft verjüngt
hervorgegangen und Endergebnis war, wie Kardinal Innitzer 1946
formulierte, der Wille, das Verlangen nach dem freien Wirken der
Kirche in einem freien Staat. Auf parlamentarischer Ebene fand
dies seine politische Krönung am 12. Juli 1960, als der Wiener
Stadtschulratspräsident Max Neugebauer das Ergebnis des
österreichischen Kulturkampfes für die Sozialdemokraten in Worte
gefasst hat.
POTZ: MARIAZELLER MANIFEST BRACHTE PARADIGMENWECHSEL
Der Wiener Kirchenrechtler Univ.Prof. Richard Potz sieht in der
Betonung der freien "Gesellschaft" - und nicht des "Staates" -
eine Abwendung vom Staatskirchenrecht und damit einen
Paradigmenwechsel. Es gehe dabei nicht mehr um eine Frage des
internen Ausgleichs, angesprochen seien vielmehr allgemein Fragen
des Religionsrechts, der Religions- und Gewissensfreiheit, der
Gesamtheit der Religionen und nicht allein des Verhältnisses von
Staat und Kirche zu einander. Anders als im Modell der Trennung
von Staat und Kirche, die speziell in Europa ein gegen die Kirche
gerichtetes Konzept verfolgt habe, sei das Mariazeller Manifest
dem Konzept der Entflechtung verpflichtet.
Der Redner bot einen historischen Rückblick auf das Verhältnis
zwischen Kirche und Staat im 19. Jahrhundert und wies
insbesondere auf die Entwicklung des politischen Katholizismus am
Ende jenes Jahrhunderts hin. Das Mariazeller Manifest habe als
wesentliche Erkenntnis aus dieser Entwicklung gefordert, dass es
kein Zurück zum Patronat einer Partei über die Kirche geben
dürfe.
Die 60er Jahre könnten, so Potz weiter, als erste Phase einer
Neubestimmung des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche als
geglückt angesehen werden. Gleichzeitig sei infolge des damaligen
Paradigmenwechsels eine Verlagerung zu allgemeinen
gesellschaftspolitischen Themata wie etwa der Fristenlösung
erfolgt, in dessen Verlauf sich die Kirche als wesentlicher
Faktor der Zivilgesellschaft etabliert habe.
Generell hielt der Redner fest, dass nur der religiös und
weltanschaulich neutrale, säkulare Staat den
Religionsgemeinschaften freie Entwicklung garantieren könne: Die
Kirche müsse vor staatlichem Eingriff ebenso sicher sein wie der
Staat vor religiöser Bevormundung.
Potz umriss sodann die Aufgaben der Kirche von heute. Sie müsse
sich zu sozialen Problemen äußern und so jenes Ethos schaffen,
auf welches der Staat angewiesen sei. Gerade in diesem Bereich
habe die Kirche eine besondere Verantwortung, sei doch die
ethische Komponente der Kirche auch auf europäischer Ebene nach
wie vor gefragt. Im übrigen habe das Zweite Vatikanum bewiesen,
wie richtungweisend das Mariazeller Manifest gewesen sei, hielt
Potz fest.
Er plädierte aber auch dafür, dass eine kritische
Auseinandersetzung mit der pluralistischen Gesellschaft auch eine
innere Kritikfähigkeit voraussetze. Es könne, so das Fazit des
Referenten, keine freie Kirche geben, die nicht selbst innere
Freiräume für eine kritische Auseinandersetzung schaffe.
WEIHBISCHOF KRÄTZL: KIRCHE WAR VOR 50 JAHREN FREIER ALS HEUTE
Der Wiener Weihbischof Helmut Krätzl eröffnete sein Referat mit
der provokanten These, die Kirche sei vor 50 Jahren freier
gewesen als heute. Sie habe sich damals aus den Parteien
herausgehalten, habe, in Unabhängigkeit vom Staat, einen festen
Stand in der Gesellschaft gehabt. Wichtige Politiker hätten sich
zur Kirche bekannt, die Kirche habe vor allem bei der Jugend den
Eindruck gemacht, wesentlich zum Wiederaufbau beizutragen. Den
Hintergrund dafür hätte ein weitgehender Konsens über eine -
christlich geprägte - Wertordnung und eine nach außen und im
Inneren relativ geschlossene Gesellschaft gebildet.
Das Zerbrechen dieser Gesellschaft, das sich im Zusammenhang mit
dem Jahr 1968 manifestiert habe, bedeutete auch für die Kirche,
dass wichtige Positionen in Frage gestellt wurden, führte Krätzl
weiter aus: die "Demontage" von Autoritäten, die
Verächtlichmachung von Ehe und Familie, die Minimierung des
Wertekonsenses. Mit dem 2. Vatikanischen Konzil aber habe die
Kirche sich nicht mehr dominierend, sondern in dienender Position
gesehen; sie müsse aber neue Formen finden, diese ihre Funktion
in der neuen Situation wahr zu nehmen.
Der Wiener Weihbischof erläuterte dann seine These von der
Kirche, die sich in neue Bindungen, ja Fesseln begeben habe,
anhand von sechs Einzelbefunden: Fesselnd wirkten
Berührungsängste mit der Moderne und der Postmoderne, gegenüber
Politik, Kunst und Wissenschaft, die zu einem "Rückzug in sakrale
Räume" führten; im Verhältnis zum Staat sei die Kirche "zu wenig
souverän"; sie sei zu sehr besorgt um die eigene Identität,
agiere zu wehleidig und weise Kritik zurück; unfrei sei die
Kirche auch, weil sie nicht bereit sei, "Altlasten" aufzugeben,
sie wirke moralisierend und dogmatisch, wodurch sie unfrei für
eine offene Diskussion sei; unfrei sei die Kirche schließlich
durch eine innere Polarisierung, und nicht frei sei sie für eine
Konkurrenz mit anderen.
Im Blick auf den Staat und seine Freiheit fragte Krätzl dann,
einen Gedanken von Böckenförde aufgreifend, nach der Möglichkeit
einer innerweltlichen Begründung von Sittlichkeit. Jede an
Freiheit orientierte Ordnung lebe davon, dass ein Mindestmaß an
Homogenität vorhanden sei; dieses könne der Staat nicht anordnen,
er sei aber darauf verwiesen. Die Kirche - und die Religionen
überhaupt - könnten dafür einen "Resonanzboden" abgeben. Der
Staat müsse so ein Interesse haben, die Wirkkraft der Religionen
zu erhöhen, er dürfe die Religion nicht zur "Privatsache"
degradieren. Der Staat müsse nicht nur Religionsfreiheit
gewähren, er müsse den Religionen auch die Möglichkeiten
einräumen, ihre Ideen zu verbreiten. Der Beitrag zu größerer
Homogenität anderseits sei der Beitrag, den die Religionen zu
leisten hätten. Dabei sei allerdings zu fragen, ob sie zu solcher
Homogenität fähig und willens sind, fragte Krätzl kritisch. Auf
die katholische Kirche bezogen, forderte er Pluralismus auch im
Inneren und Zusammenarbeit mit den anderen Religionen. (Schluss)
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