"Die Presse"-Kommentar: "Die Stunde der Rambos" von Burkhard Bischof

Ausgabe vom 2.10.2002

Wien (OTS) - Europa, Du hast es besser. Du hast jenseits des Atlantiks ein prächtiges Feindbild: Einen Präsidenten, der "Rambo" in der Welt spielen will; neben George W. Bush seine schwerbewaffneten Mitstreiter, den grimmigen Donald "Rummy" Rumsfeld, "Batman" Colin Powell und seine düsteren Ideengeber "Dick" Cheney und "Condy" Rice. "Die Bush-Krieger" stand im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" im Februar unter diesem Bild. Und kein Zweifel, die Hamburger Magazinmacher trafen mit diesem Titelbild die Gefühlslage breiter Bevölkerungsteile nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen Ländern Europas, Österreich inklusive.
Dieses Bild der "Bush-Krieger" hat sich in vielen europäischen Köpfen festgefressen. Und mit jedem hemdsärmeligen Auftritt des US-Präsidenten, bei dem er den Drohfinger gegen Terroristen oder Schurkenstaaten erhebt, bestätigt er das Stereotyp des Rambo oder auch des wild entschlossenen Cowboys, der immer den Finger am Abzug hat.
Es ist wirklich so, daß es diese US-Regierung mit ihrer ausgeprägten Neigung zum "Amerika über alles" und "Hoppla jetzt komm ich" selbst guten Freunden sehr schwer macht. Das ist jedoch eher eine Frage des Umgangs, des Stils. Aber was sind die Hintergründe des jetzigen amerikanischen Befindens und Verhaltens, wie es sich zuletzt auch in der neuen nationalen Sicherheitsstrategie niedergeschlagen hat?
Es ist oft genug gesagt und geschrieben worden: Amerika, das sich gleichsam für unverletzlich hielt, wurde am 11. September 2001 im Innersten getroffen. Das soll sich nie mehr wiederholen _ alle nationalen und internationalen Sicherheitsanstrengungen sind darauf auszurichten. Bush hat diesen Kern seiner Außen- und Sicherheitspolitik bereits kurz nach den Terroranschlägen angekündigt und umzusetzen begonnen: durch erhöhte Verteidigungsausgaben, durch ein den neuen Bedrohungen angepaßtes strategisches Denken. Dazu gehören auch der in der neuen Sicherheitsstrategie brutal artikulierte Anspruch, die unangefochtene Weltmacht und damit militärisch stärker als alle anderen bleiben zu wollen; dazu gehören auch Überlegungen, präventive Militärschläge gegen Terroristennester oder Schurkenstaaten mit Massenvernichtungswaffen überall auf der Welt führen zu können. Noch einmal: Diese Offensivstrategie muß vor dem Hintergrund des schweren Traumas gesehen werden, das die plötzliche Entdeckung der eigenen Verwundbarkeit am 11. 9. ausgelöst hat. Allein die Drohung mit Präventivschlägen, so hofft diese US-Administration offensichtlich, soll dabei auf potentielle Angreifer abschreckend wirken.
Natürlich birgt die neue Präventivschlags-Doktrin Gefahren, zum Beispiel die, daß sie auch andere Länder übernehmen wollen _ Rußlands Präsident Putin etwa hat die amerikanischen Argumente bei seinen Drohungen gegen Georgien genau studiert. Natürlich ist es höchst bedenklich, wenn Washington die übrige Welt nach seiner Pfeife tanzen lassen will _ und wenn diese nicht mittanzt, die Dinge allein, "unilateral", regeln will.
Nur muß halt immer wieder die Frage gestellt werden: Wer sonst ist bereit, die Rolle des Weltpolizisten zu spielen? Wer sonst hat denn Konzepte _ ob diplomatische oder militärisch-präventive _, wie man echte Schurken wie Saddam Hussein in die Schranken weisen kann? Die Europäer etwa? Haben wir denn zuletzt irgend einen kreativen Lösungsansatz aus Paris oder Berlin gehört?
Nein, von dort vernahm man eigentlich nur das übliche Gejammer über den US-Neoimperialismus und die Hegemonial-Bestreben Washingtons. Solange das aber so ist, solange werden die in Washington regierenden "Rambos" der Welt auch weiterhin sagen, wo es langgeht.

Solange keines besseren Rezepte aus Europa kommen, werden die USA den Weltpolizisten spielen.

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