• 01.10.2002, 17:33:16
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"Die Presse"-Kommentar: "Die Stunde der Rambos" von Burkhard Bischof

Ausgabe vom 2.10.2002

Wien (OTS) - Europa, Du hast es besser. Du hast jenseits des
Atlantiks ein prächtiges Feindbild: Einen Präsidenten, der "Rambo" in
der Welt spielen will; neben George W. Bush seine schwerbewaffneten
Mitstreiter, den grimmigen Donald "Rummy" Rumsfeld, "Batman" Colin
Powell und seine düsteren Ideengeber "Dick" Cheney und "Condy" Rice.
"Die Bush-Krieger" stand im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" im
Februar unter diesem Bild. Und kein Zweifel, die Hamburger
Magazinmacher trafen mit diesem Titelbild die Gefühlslage breiter
Bevölkerungsteile nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen
anderen Ländern Europas, Österreich inklusive.
Dieses Bild der "Bush-Krieger" hat sich in vielen europäischen
Köpfen festgefressen. Und mit jedem hemdsärmeligen Auftritt des
US-Präsidenten, bei dem er den Drohfinger gegen Terroristen oder
Schurkenstaaten erhebt, bestätigt er das Stereotyp des Rambo oder
auch des wild entschlossenen Cowboys, der immer den Finger am Abzug
hat.
Es ist wirklich so, daß es diese US-Regierung mit ihrer
ausgeprägten Neigung zum "Amerika über alles" und "Hoppla jetzt komm
ich" selbst guten Freunden sehr schwer macht. Das ist jedoch eher
eine Frage des Umgangs, des Stils. Aber was sind die Hintergründe des
jetzigen amerikanischen Befindens und Verhaltens, wie es sich zuletzt
auch in der neuen nationalen Sicherheitsstrategie niedergeschlagen
hat?
Es ist oft genug gesagt und geschrieben worden: Amerika, das sich
gleichsam für unverletzlich hielt, wurde am 11. September 2001 im
Innersten getroffen. Das soll sich nie mehr wiederholen _ alle
nationalen und internationalen Sicherheitsanstrengungen sind darauf
auszurichten. Bush hat diesen Kern seiner Außen- und
Sicherheitspolitik bereits kurz nach den Terroranschlägen angekündigt
und umzusetzen begonnen: durch erhöhte Verteidigungsausgaben, durch
ein den neuen Bedrohungen angepaßtes strategisches Denken. Dazu
gehören auch der in der neuen Sicherheitsstrategie brutal
artikulierte Anspruch, die unangefochtene Weltmacht und damit
militärisch stärker als alle anderen bleiben zu wollen; dazu gehören
auch Überlegungen, präventive Militärschläge gegen Terroristennester
oder Schurkenstaaten mit Massenvernichtungswaffen überall auf der
Welt führen zu können. Noch einmal: Diese Offensivstrategie muß vor
dem Hintergrund des schweren Traumas gesehen werden, das die
plötzliche Entdeckung der eigenen Verwundbarkeit am 11. 9. ausgelöst
hat. Allein die Drohung mit Präventivschlägen, so hofft diese
US-Administration offensichtlich, soll dabei auf potentielle
Angreifer abschreckend wirken.
Natürlich birgt die neue Präventivschlags-Doktrin Gefahren, zum
Beispiel die, daß sie auch andere Länder übernehmen wollen _ Rußlands
Präsident Putin etwa hat die amerikanischen Argumente bei seinen
Drohungen gegen Georgien genau studiert. Natürlich ist es höchst
bedenklich, wenn Washington die übrige Welt nach seiner Pfeife tanzen
lassen will _ und wenn diese nicht mittanzt, die Dinge allein,
"unilateral", regeln will.
Nur muß halt immer wieder die Frage gestellt werden: Wer sonst ist
bereit, die Rolle des Weltpolizisten zu spielen? Wer sonst hat denn
Konzepte _ ob diplomatische oder militärisch-präventive _, wie man
echte Schurken wie Saddam Hussein in die Schranken weisen kann? Die
Europäer etwa? Haben wir denn zuletzt irgend einen kreativen
Lösungsansatz aus Paris oder Berlin gehört?
Nein, von dort vernahm man eigentlich nur das übliche Gejammer über
den US-Neoimperialismus und die Hegemonial-Bestreben Washingtons.
Solange das aber so ist, solange werden die in Washington regierenden
"Rambos" der Welt auch weiterhin sagen, wo es langgeht.

Solange keines besseren Rezepte aus Europa kommen, werden die USA
den Weltpolizisten spielen.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445

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