ÖAMTC-Praxistest zeigt Schwächen von Kleintransportern auf

Rasende Lieferwagen bergen erhebliche Risikopotenziale

Wien (ÖAMTC-Presse) - Auf der Autobahn halten Kleintransporter mit den Pkw meist locker mit. Steigende Fahrzeugbestands-, aber auch Unfallzahlen haben ÖAMTC und ADAC dazu veranlasst, Lieferwagen bis 3,5 Tonnen auf Herz und Nieren zu testen. Auf dem Prüfstand waren drei gängige, miteinander vergleichbare Modelle: der Fiat Ducato Maxi L2B, der Ford Transit FT 350L und der Mercedes Sprinter 313 CDI. "Aus den Ergebnissen kann man jedenfalls schließen, dass ein Kleintransporter, der bis an seine Grenzen ausgefahren wird, enorme Gefährdungspotenziale birgt", sagt ÖAMTC-Cheftechniker Max Lang.

Kleintransporter sind in den vergangenen Jahres dank kräftiger Dieselmotoren immer schneller geworden. Auf der Autobahn sind sie den Pkw meist dicht auf den Fersen. "Tatsache ist aber, dass ein Kleintransporter technisch eher einem Lkw entspricht", umreißt Lang das Problem. Die Test-Experten von ÖAMTC und ADAC wollten u.a. wissen, was man aus den Kleintransportern maximal an Geschwindigkeit herausholen kann und wie sie sich bei plötzlichen Ausweich- und Bremsmanövern verhalten.

Kleinlaster sind schnell, aber teilweise recht unhandlich

Bei der Messung der Höchstgeschwindigkeit brachte es der Fiat Ducato auf 165 km/h - schneller als es seine mit 160 km/h limitierten Q-Reifen zulassen. Der Ford Transit schaffte maximal 162 km/h, beim Mercedes Sprinter lag das Limit bei 160 km/h. Guten Kontakt zur Straße hat der Fahrer in keinem der Lieferwagen. Was die Handlichkeit betrifft, geht der Sprinter vor dem Transit und dem Ducato eindeutig als Sieger hervor. "Von den drei Kandidaten hat er den kleinsten Wendekreis und reagiert am willigsten auf die Lenkung", fasst Lang zusammen.

Messwerte beim Bremsen konnten nicht überzeugen

Schwach fielen bei allen drei Kandidaten die Bremswerte aus. Bei zehn Bremsversuchen aus 100 km/h brauchte der Ford Transit durchschnittlich 46 Meter bis zu Stillstand, der Fiat Ducato stand im Schnitt nach 46,5 Metern. Bedenkliche Ergebnisse lieferte der Mercedes Sprinter. Durchschnittlich brauchte der Wagen 47,5 Meter bis zum Stillstand; die Bremswirkung ließ im Verlauf der zehn Bremsungen so stark nach, dass er zum Schluss erst nach 50 Metern stand.

Kurven fahren stand auf dem weiteren Test-Programm. Recht unspektakulär verhielten sich Fiat und Ford ohne Beladung. "Beide Fahrzeuge untersteuern leicht, lediglich im Grenzbereich muss der Fahrer noch etwas stärker in die Kurve hineinlenken", berichtet der ÖAMTC-Techniker. Auch der Mercedes fuhr problemlos durch die Kurven, allerdings ging recht schnell das kurveninnere Hinterrad durch.

Mercedes Sprinter kippte im Elchtest

Eine Schrecksekunde gab es beim Elchtest mit dem heckbetriebenen Mercedes: Der Sprinter drohte umzukippen, nur durch Fahrkönnen konnte der Tester ein größeres Malheur verhindern. Was hier im Test provoziert wurde, kann im Alltag auf der Straße zu kritischen Situationen führen. "Die gute Nachricht ist aber, dass der Sprinter ab sofort mit ESP (elektronisches Stabilitäts System) vom Band läuft. Die Kippneigung kann zwar nicht ganz beseitigt werden, die Fahrstabilität aber auf jeden Fall verbessert", so der Club-Techniker.

Der Fiat Ducato mit Frontantrieb und der heckbetriebene Ford Transit bestanden den Elchtest hingegen mit Bravour. Beide machten die doppelte Ausweichbewegung mit Tempo 60 problemlos mit. "Sie fühlten sich dabei allerdings recht behäbig an", fügt Max Lang hinzu.

Technische Leistung der Kleinlaster verbessern und Lenker trainieren

"Die technische Leistung der Kleintransporter muss deutlich verbessert werden", appelliert Lang an die Herstellerindustrie, "dazu gehören sichere Fahrwerke, leistungsfähigere und standfestere Bremsen sowie Reifen mit mehr Reserven". Alle Kleintransporter sollten außerdem serienmäßig mit ESP ausgestattet sein. Das System sollte so ausgelegt sein, dass es sich intelligent auf die Beladung des Kleinlasters einstellt und den Fahrer schon sehr früh vor einem Grenzbereich einbremst.

Aber nicht nur technisch muss noch gefeilt werden, auch an der Schulung der Fahrer sollte dringend angesetzt werden. "Die Fahrdynamik eines Kleinlasters ist mit der eines Pkw nicht vergleichbar", sagt Gerhard Blümel, Leiter des ÖAMTC-Fahrsicherheitszentrums in Teesdorf, "das Limit ist schneller erreicht, als man glaubt". Auf einige Punkte sollte man als Lenker eines Kleintransporters daher speziell achten:

* Der Reifendruck ist zumeist auf die maximale Beladung abgestimmt. Fährt das Fahrzeug dann im Leerzustand, ist der Druck in den Pneus zu hoch. Die Geschwindigkeit muss daher immer angepasst werden.

* Auch der Bremsweg wird durch den Beladungszustand wesentlich verändert.

* Durch die Beladung kann sich außerdem der Fahrzeug-Schwerpunkt erhöhen, in bestimmten Situationen droht Kippgefahr. Abhilfe kann man sich nur durch vorrausschauendes Fahren und gefühlvolle Lenkmanöver verschaffen.

* Aufgrund ihrer Höhe sind Kleintransporter bei Seitenwind gefährdet. Um nicht unvermittelt während der Fahrt seitlich "versetzt" zu werden, sollte man sich dieser Gefahr bewusst sein und das Lenkrad mit beiden Händen festhalten.

* Nicht zuletzt kommt es auch auf die richtige Positionierung und Sicherung der Ladung an. Kommt die Ladung ins Rutschen, kann ein Transporter schon allein deshalb zur Gefahr werden.

In den vier Fahrsicherheitszentren des ÖAMTC (Teesdorf/NÖ, Brandlhof-Saalfelden/Salzburg, A1-Ring in Spielberg/Steiermark und Mölbling/Kärnten) lernen auch Fahrer von Kleintransportern, ihr Fahrzeug perfekt zu beherrschen. Es gibt individuelle Sonderkurse für Berufsfahrer bzw. für spezielle Fahrzeugtypen. Informationen über das Kursangebot gibt es beim Club unter der Tel. 02253/81700 oder unter www.oeamtc.at/fahrsicherheit.

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