"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Deutschland wählt" (Von Claus Reitan)

Ausgabe vom 21. September 2002

Innsbruck (OTS) - Schweden hat schon, Deutschland tut es, und Österreich ist bald dran: wählen. Der Vergleich der Wahlkämpfe erspart die Frage nach den Unterschieden, denn es gibt keine mehr. Deutschland wurde normal.

Die Wahlgänge zeigen eine Refraktionierung der großen Lager, Mitte-Rechts und Mitte-Links. Der Wähleraustausch findet dort und nicht über den großen Graben statt. Die Wahlkämpfe sind personalisiert, es geht um das Kopf-an-Kopf-Rennen der Kanzlerkandidaten. Programme gelten weniger als die Persönlichkeiten, und deren Auftritte werden inszeniert wie jene von Popstars. Vieles wirkt daher flach wie ein Bildschirm, denn dank der selektiven Amerikanisierung übernehmen Kandidaten den Stil aber nicht den Inhalt aus den USA. Feindbilder hatten wir genug.

Die Berliner Republik ist zu europäischer Normalität zurückgekehrt. Endlich ein Wahlkampf frei von Verkrampfungen über die Vergangenheit und von Mythen, von Radikalisierung und Blockbildung, frei von Liebesliedern auf Deutschland und herabsetzenden Tiraden auf den Rest. Deutschlands Einheit mäßigt die Gemüter, selbst wenn die westlichen Bundesländer die östlichen finanzieren, deren Bewohner dann trotzdem Hammer und Sichel fallen lassen, um den Ost-Aufbau gegen West-Wohnung und Stütze zu tauschen.

So verdeckt politische und demokratische Stabilität den Blick auf den enormen Umbruch in der deutschen Wirtschaft. Zeitgleich mit der D-Mark hat das Wirtschaftswunder seine Kraft verloren. Der raue Wind der Rezession treibt Unternehmen an den Rand des Abgrunds. In der Kluft zwischen hohen Kosten und niedrigen Erlösen verschwinden heuer 40.000 Firmen durch Pleite. Zurück bleiben vier Millionen Arbeitslose, eine Masse, welche die Weimarer Republik im Unterschied zur Berliner ins Wanken brachte, woran man sich lieber nicht erinnert.

Der Wohlstand, so tönt es aus Weisenräten, habe die Deutschen so behäbig gemacht, dass es ihnen an Energie und Beweglichkeit für marktwirtschaftliche Initiative fehle. Wie fast jede Wahrheit verträgt sich auch diese nicht mit einem Wahlkampf. Aber am Tag nach der Wahl meldet sie sich zurück, wenn die Wirtschaft nicht zahlen kann, was Wahlkämpfer versprechen. Diesem Thema muss sich jeder Kandidat stellen, spätestens wenn er Kanzler ist.

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