• 03.09.2002, 18:07:05
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Oberösterreichische Nachrichten Kommentar 4. Sept 2002 "Zuckerbäcker für Nulldiät" von Dietmar Mascher

Fast 200.000 Menschen sind in Österreich arbeitslos gemeldet. Zählt
man jene Arbeitslosen dazu, die sich in Kursen weiterbilden und
damit ebenso wenig in der Statistik aufscheinen wie jene Zahl von
(überwiegend) Frauen, die arbeiten wollen, aber nicht als solche
registriert sind, kommt man bei Schätzungen locker über die
Viertelmillion.
Das sind natürlich Horrorzahlen, weil unsere Gesellschaft nach
Vollbeschäftigung strebt. Und davon sind wir gegenwärtig weit
entfernt.
So sicher wie das Amen im Gebet kommt nach der Bekanntgabe solcher
Zahlen die Kritik an der Regierung und der Ruf nach einem
Beschäftigungsgipfel.
Dass ausgerechnet der ÖGB nach einem Beschäftigungsgipfel schreit,
ist allerdings ein frivoles Stück Anmaßung. Eine Chuzpe, wie sie uns
sonst nur begegnet, wenn Zuckerbäcker ein Volksbegehren für Light-
Produkte und Nulldiäten starten.
Denn kaum verhallt der Ruf nach einen Beschäftigungsgipfel, folgt
der Aufschrei, wenn etwa der Berufsschutz in Frage gestellt wird.
Nicht nur in Deutschland (das einen ungleich starreren Arbeitsmarkt
aufweist), auch in Österreich muss die Frage erlaubt sein, ob ein
anderer Job als der, den man erlernt hat, zumutbar ist. Österreichs
AMS-Chef Buchinger und sein Kollege in Oberösterreich, Roman
Obrovski, können sich ein Rütteln an diesem Tabu vorstellen, wenn
gewisse Einkommensgrenzen gesichert bleiben. Die Gewerkschaft nicht.
Jener ÖGB, der in Wien verhindert hat, dass sich das AMS den anderen
Bundesländern gleich zeitgemäß organisiert. Was zur Folge hatte,
dass im zünftlerisch organisierten Wien die Arbeitslosigkeit hoch
blieb und nach wie vor ist. Erst im Februar wurde diese Organisation
über den Haufen geworfen.
Es sind die Aufschreie jener Gewerkschaft, die seit Jahren immer
wieder gegen Teilzeitarbeit wettert. So als ob das keine
Arbeitsplätze wären. Und so als ob es dafür kein Interesse gäbe. In
den Niederlanden gibt es 41 Prozent Teilzeitarbeit. Die Niederlande
haben eine geringere Arbeitslosenrate als wir. Umgesetzt hat dies
eine sozialdemokratisch geführte Regierung mit einem Gewerkschafter
an der Spitze.
In Österreich wäre er für manche Gewerkschafter ein Gottseibeiuns.

Das alles exkulpiert die Regierung freilich nicht. Nach wie vor
klafft in Österreich eine Bildungslücke. Nicht umsonst sind es
gerade junge Leute ohne Lehrabschluss, die von Arbeitslosigkeit
betroffen sind.
Mittel für Aus- und Weiterbildung sind eine Investition für die
Zukunft und rentieren sich. Sie sollten daher auch schon jenen zu
Gute kommen, die von Arbeitslosigkeit bedroht sind. Die Zeit der
Arbeitslosigkeit kann so gering gehalten werden. Zumindest ernsthaft
diskutiert werden müsste auch der Umstand, dass bestimmte Jobs nur
dann marktfähig sind, wenn sie schlechter entlohnt werden.
Vielleicht mit öffentlicher Unterstützung.
Ein Beschäftigungsgipfel, bei dem all diese Themen ernsthaft
diskutiert werden, wäre sinnvoll, aber unwahrscheinlich. Was macht
schon ein ÖGB-Präsident ohne Berufsschutz?

Rückfragehinweis: Oberösterreichische Nachrichten

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