Abheben – und am Boden bleiben

WirtschaftsBlatt-Kommentar von Arne Johannsen

Wien (OTS) - So sieht also das Ende aus: Endlose Gläubigersitzungen, ein mühsamer Abverkauf auf Raten, bei dem schliesslich nur Gustostücke wie die Buchhandelskette Amadeus einen Käufer finden. Über dem Rest von Libro kreisen weiter die Pleitegeier. Nur das Geschäft mit Stiften und Heften für den nahenden Schulanfang hält das Unternehmen derzeit am Leben. Keine Rede mehr von einer international operierenden Tainment-Company, wie sie André Rettberg einst vor Augen hatte.

Doch zur Schadenfreude besteht kein Anlass. Im Gegenteil: Die Rettberg-Niederlage stärkt die Fraktion der Kleinmütigen. Sie bestätigt all diejenigen, die immer schon gewusst haben, dass Expansion gefährlich ist, dass Wachstum Leichtsinn bedeutet. Was die Bedenkenträger verkennen: Es müssen in Österreich mehr Betriebe zusperren, weil sie Chancen nicht erkennen und nicht nutzen – mit Ideen, über das Ziel hinauszuschiessen, ist zwar ein spektakulärer, aber seltener Pleitegrund. Fehl-Investitionen tun langfristig oft weniger weh als Nicht-Investitionen.

Ausserdem gibt es in Österreich eine Reihe eindrucksvoller Expansions-Erfolgsstories, von Billa über die Möbelriesen Leiner/Kika und Lutz im Inland bis zu den internationalen Auftritten von Red Bull und den Banken speziell im Osten.

Was erfolgreiche Unternehmer wie Billa-Gründer Karl Wlaschek und Leiner-Chef Herbert Koch von den Rettbergs dieser Welt unterscheidet, ist ein echtes Kunststück: Trotz grosser Ideen und Abhebens ihrer Unternehmen haben sie die Bodenhaftung nicht verloren. Wlaschek konnte man mittags noch im Nordsee-Selbstbedienungsrestaurant auf der Kärntner Strasse treffen, da war er schon der grösste Lebensmittelhändler des Landes.

Und Herbert Koch wohnt zwar in einem grosszügigen Penthouse, aber es befindet sich über einem seiner Möbelgeschäfte – was täglichen Kontakt mit Kunden und Produkten garantiert.

Das deutsche Magazin "Focus“ empfiehlt derzeit die Investition an der Wiener Börse. Begründung: Wien ist so herrlich altmodisch und hat den New Economy-Boom nicht mitgemacht. Jedes Wien-Lob ist für die Börse gut, aber die Begründung tut weh. Rückständigkeit ist derzeit in Mode, zukunftsträchtig ist sie nicht. Also braucht es viele neue Ideen und Initiativen, auch Rettbergscher-Grössenordnung – wenn nur die Füsse am Boden bleiben.

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