- 27.08.2002, 17:02:05
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Abheben – und am Boden bleiben
WirtschaftsBlatt-Kommentar von Arne Johannsen
Wien (OTS) - So sieht also das Ende aus: Endlose
Gläubigersitzungen, ein mühsamer Abverkauf auf Raten, bei dem
schliesslich nur Gustostücke wie die Buchhandelskette Amadeus einen
Käufer finden. Über dem Rest von Libro kreisen weiter die
Pleitegeier. Nur das Geschäft mit Stiften und Heften für den nahenden
Schulanfang hält das Unternehmen derzeit am Leben. Keine Rede mehr
von einer international operierenden Tainment-Company, wie sie André
Rettberg einst vor Augen hatte.
Doch zur Schadenfreude besteht kein Anlass. Im Gegenteil: Die
Rettberg-Niederlage stärkt die Fraktion der Kleinmütigen. Sie
bestätigt all diejenigen, die immer schon gewusst haben, dass
Expansion gefährlich ist, dass Wachstum Leichtsinn bedeutet. Was die
Bedenkenträger verkennen: Es müssen in Österreich mehr Betriebe
zusperren, weil sie Chancen nicht erkennen und nicht nutzen – mit
Ideen, über das Ziel hinauszuschiessen, ist zwar ein spektakulärer,
aber seltener Pleitegrund. Fehl-Investitionen tun langfristig oft
weniger weh als Nicht-Investitionen.
Ausserdem gibt es in Österreich eine Reihe eindrucksvoller
Expansions-Erfolgsstories, von Billa über die Möbelriesen Leiner/Kika
und Lutz im Inland bis zu den internationalen Auftritten von Red Bull
und den Banken speziell im Osten.
Was erfolgreiche Unternehmer wie Billa-Gründer Karl Wlaschek und
Leiner-Chef Herbert Koch von den Rettbergs dieser Welt unterscheidet,
ist ein echtes Kunststück: Trotz grosser Ideen und Abhebens ihrer
Unternehmen haben sie die Bodenhaftung nicht verloren. Wlaschek
konnte man mittags noch im Nordsee-Selbstbedienungsrestaurant auf der
Kärntner Strasse treffen, da war er schon der grösste
Lebensmittelhändler des Landes.
Und Herbert Koch wohnt zwar in einem grosszügigen Penthouse, aber
es befindet sich über einem seiner Möbelgeschäfte – was täglichen
Kontakt mit Kunden und Produkten garantiert.
Das deutsche Magazin "Focus“ empfiehlt derzeit die Investition an
der Wiener Börse. Begründung: Wien ist so herrlich altmodisch und hat
den New Economy-Boom nicht mitgemacht. Jedes Wien-Lob ist für die
Börse gut, aber die Begründung tut weh. Rückständigkeit ist derzeit
in Mode, zukunftsträchtig ist sie nicht. Also braucht es viele neue
Ideen und Initiativen, auch Rettbergscher-Grössenordnung – wenn nur
die Füsse am Boden bleiben.
Rückfragehinweis:
WirtschaftsBlatt
Redaktionstel.: (01) 60 117/305
http://www.wirtschaftsblatt.at
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