- 18.08.2002, 17:45:11
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"Die Presse" Kommentar: "Die russische Seele (von Anneliese Rohrer)
Wien (OTS) - Vergangenes Jahr hatte US-Präsident George W. Bush in
Slowenien Rußlands Präsident Wladimir Putin "in die Augen geschaut
und seine Seele gesehen". Nach der offiziellen Bestätigung Moskaus,
es werde mit Iraks Saddam Hussein ein wirtschaftliches
Kooperationsabkommen schließen, sollte Bush einen zweiten Blick
wagen.
Denn wie immer man den Vorstoß Moskaus zur Kooperation mit dem
Diktator in Bagdad wirtschaftlich, rechtlich im Lichte der gültigen
UN-Sanktionen gegen den Irak und militärisch beurteilt, politisch
gibt es keinen Zweifel: Er ist ein Affront gegen die USA und deren
Präsidenten, dem die Urlaubsfreuden auf seiner Ranch in Texas
gründlich verdorben sein müssen. Denn daß das Abkommen über reine
Handelsbeziehungen hinausgeht - jedenfalls aus der Sicht Bagdads -,
das bestätigte Iraks Botschafter in Moskau: Man erwarte sich
moralische, politische und diplomatische Unterstützung Moskaus.
Bush hatte nach dem Grauen in New York, Washington und Pennsylvania
am 11. September 2001 immer und immer wieder betont: "Wer nicht mit
uns ist, ist gegen uns." Man kann nur hoffen, daß diese Doktrin noch
politischen Spielraum enthält. Denn mit der nun so forsch verkündeten
Annäherung Bagdad_Moskau just in einer Zeit, in der die Regierung in
Washington die Amerikaner auf einen Schlag gegen den Irak
vorbereitet, hat Moskau sicher kein Zeichen "für " die USA abgegeben.
Das würde im logischen Umkehrschluß aber bedeuten, daß Bush Putin nun
als "Gegner" betrachten müßte - im Fall eines Irak-Krieges -, sollten
seine Drohungen für alle Staaten gelten. Weiter gedacht, müßte man
dann ein Wiederaufleben der alten Rivalitäten des Kalten Krieges
befürchten. Damit wäre das einzig Positive des letzten Jahres - USA
und Rußland Seite an Seite im Kampf gegen den Terror - verspielt.
Dazu wird es hoffentlich nicht kommen. Möglicherweise will Moskau
Washington nur warnen, die Kluft in den USA für und wider einen
Irak-Krieg geschickt ausnützen. Auf alle Fälle aber sollte Bush
Putins Seele mit mehr als einem Blick ergründen. Das Risiko, nicht
das Richtige gesehen zu haben, ist zu groß.
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