• 16.08.2002, 17:01:55
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"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Zickzack im Wasser" (Von Claus Reitan)

Ausgabe vom 17. August 2002

Innsbruck (OTS) - Die Lage in den Hochwassergebieten Deutschlands
und Österreichs ist nicht ganz vergleichbar, die der jeweiligen
Bundeskanzler schon: Katastrophen sind Kanzler-Tests, wie es derzeit
in Berlin heißt und auch für Wien gilt. Von amtswegen organisieren
die Regierenden die Gelder, verwalten die Fürsorge. Nicht der
Opposition sondern ihnen gilt zurecht die politische Aufmerksamkeit,
selbst wenn es abertausende Beamte, Betroffene und Freiwillige sind,
die entlang der Flüsse die wahre, direkte Hilfe leisten.

Gerade zeitgerecht vor der Bundestagswahl zeigt Gerhard Schröder
mit einem europäischen Gipfel, welcher Kanzler in ihm steckt.
Wolfgang Schüssel hat nach einer koalitionären Zickzack-Fahrt übers
Hochwasser die Gunst des Pegelstandes genutzt, das Regierungsschiff
zurück auf Sparkurs zu bringen.

Die Spannung zwischen vollen Flüssen und leeren Kassen ist so
groß, dass der Katastrophe unweigerlich politische Diskussionen
folgen müssen.

Etwa darüber, wie man den Fluten vorbeugt. Durch verfeinerte
Frühwarnung, die Ausmaß und Auswirkung von Regen abzuschätzen vermag.
Etwa durch Verbauungen, welche die Landschaft nicht gänzlich
versiegeln und Flüsse nicht total kanalisieren. Oder durch
Donau-Dämme, die zwar die Donau im Bett halten, es aber erlauben,
dass sich deren Zuflüsse nicht auf der Außenseite stauen sondern in
den großen Fluss ergießen. Schleusen gelten als erfunden.

Zu wissenschaftlicher und technischer Vorbeugung käme die
finanzielle. Die Republik versichert nichts, denn der Staat ist die
größte Solidargemeinschaft und der Steuerzahler der beste
Prämienzahler. Aber wie beim Brand in der Hofburg ist die öffentlich
Hand halbleer, wenn es darum geht, Wiederaufbau zu finanzieren. Also
ist Vorsorge zu treffen, über die bisherigen Fonds und ihre Dotierung
hinaus. Keine Aufgabe für Populisten, für Kanzler sehr wohl.

Wenn das Wasser abgelaufen ist, werden unter anderem Schlamm, Öl,
Metalle und Chemikalien zurückbleiben, insbesondere in Tschechien.
Kanzler dürfen dann für die EU neuerlich zwischen billiger Chemie und
teurem Umweltschutz entscheiden. Diese und andere Unterlassungen sind
es nämlich, die abseits der Notlage der Opfer die Regierungen jetzt
so tatkräftig erscheinen lassen.

Rückfragehinweis:
Tiroler Tageszeitung
Chefredaktion - Tel.: 05 12/53 54, DW 601

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