• 07.08.2002, 18:19:12
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"Die Presse" - Kommentar: "Kabul, Bagdad und Hollywood" von Gerhard Bitzan

Ausgabe vom 8.8.2002

WIEN (OTS). Für besonders zackige US-Militärs wird ein Waffengang
gegen den irakischen Diktator Saddam Hussein ein Kinderspiel werden:
72 Stunden, so sagte kürzlich ein General, und Saddam sei gestürzt,
Bagdad erobert. Der gute Mann dürfte zuviele Hollywood-Filme gesehen
haben, wo es zumeist nach diesem Schema abläuft: Hin zum Feind,
rasch siegen und sich dann feiern lassen.

Ein Blick nach Afghanistan könnte aber derzeit für alle
Kriegstreiber äußerst lehrreich sein. Zehn Monate ist es her, dass
die US-Armee dort einen großen Feldzug begonnen hat. Der Ansatz war
richtig, denn wenn eine Regierung (die Taliban) es erlaubt, dass auf
ihrem Gebiet Tausende Terroristen ausgebildet werden, um in aller
Welt Schrecken zu verbreiten und Blut zu vergießen, dann hat diese
Regierung ihre Legitimation verloren.

In den ersten Kriegs-Wochen ist auch alles gut gelaufen: Das
unmenschliche Taliban-Regime wurde vertrieben, die Terror-Gruppe al-
Qaida wurde schwer angeschlagen. Doch die richtigen Probleme
begannen dann erst, und heute ist Afghanistan erneut ein
gefährlicher Hexenkessel. Die Warlords, meist mächtige lokale
Stammesführer, lassen sich von der Zentralregierung immer weniger
sagen. Und da sie für ihre Dienste im Kampf gegen die Taliban von
den Amerikanern fürstlich entlohnt wurden, verfügen sie auch über
ansehnliches Kriegsgerät.

Dazu kommt, dass einer der Führer der Nordallianz, der heutige
Verteidigungsminister Fahim, offenbar mit seinem Posten nicht
zufrieden ist und am Sessel von Präsident Karsai sägt. Dieser
wiederum traut den afghanischen Bodyguards nicht und umgibt sich
daher nur mit Amerikanern. Vielleicht sichert ihm dies das Leben -
aber Karsai gilt zunehmend als Lakai Washingtons.

In dem Land am Hindukusch gibt es eine Fülle von Problemen, und
selbst größte Optimisten wagen im Moment nicht, auf eine ruhige
Zukunft zu wetten.

Die simple Lehre daraus ist die, dass es relativ leicht ist, einen
raschen militärischen Anfangserfolg zu erzielen. Die wirklich großen
Schwierigkeiten tauchen dann auf, wenn man längerfristig ein Land
befrieden will. Dieser Teil wird in Hollywood-Filmen aber nie
gezeigt. ENDE

Rückfragehinweis: Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445

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