- 06.08.2002, 09:26:12
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Buch über Wiener "Völkerschauen" erschienen
Wien (OTS) - Gleichsam an die Wiener Vorgeschichte der noch im
Gedächtnis vieler gebliebenen "Big Brother"-Show vor zwei Jahren
erinnert die historische Studie des Wiener Historikers Werner Michael
Schwarz "Anthropologische Spektakel. Zur Schaustellung "exotischer"
Menschen Wien 1870-1910" an die seinerzeit ungemein populären
"Völkerschauen" in Wien. Damals brachten professionelle Betreiber
europaweit organisierter Spektakel diverse exotische Völker, von den
Aschantis, über Nubier und Singhalesen in die damalige Residenzstadt,
um dort gegen Geld deren inszeniertes Dorfleben vom Wiener Publikum
beobachten zu lassen. Aufführungsorte dieser Shows waren der
sogenannte "Tiergarten am Schüttl" im Areal des Praters bzw. auch der
Tiergarten Schönbrunn. Wie sehr diese Veranstaltungen seinerzeit ein
Erfolg waren, führt Schwarz deutlich vor Augen, wenn er an die
diversen Berichterstattungen prominenter Journalisten, wie etwa
Theodor Herzl oder Robert Franceschini, oder an die auflagenstarken
Ansichtskarten und Malereien erinnert.****
Exotische Völker als Bestätigung des eigenen Fortschritts
Besonders berühmt wurde als Organisator solcher Spektakel der
Hamburger Tierhändler und Zoogründer Carl Hagenbeck, der im Jahr 1878
seine erste Schau in Wien organisierte. Bemerkenswert ist hierbei,
dass sämtliche Shows sich bewusst von den oftmals rüden
Volksbelustigungen des Wurstelpraters absetzten und ihre Völker in
zoologischen Anlagen der Öffentlichkeit präsentierten, somit also um
Seriosität und Wissenschaftlichkeit bemüht waren. Als wichtigen Grund
für den ungemeinen Erfolg dieser auch in anderen europäischen Städten
gezeigten "Völkerschauen" gibt der Historiker die damals en vogue
gewiesenen Klischees über Afrika bzw. über den "dunklen Kontinent"
an, die aufgrund des augenscheinlichen kulturellen Unterschiedes die
Vormachtstellung der europäischen Gesellschaft zweifellos
unterstrich. Weiters erinnert Schwarz an die damaligen durchwegs
ernsthaft gehandelten Vorstellungen über die mögliche
Unterscheidbarkeit der Rassen wie auch an die populären Vorstellungen
des Darwinismus, die allesamt, scheinbar wissenschaftlich
abgesichert, einer Unterscheidung der Menschen die Rede führten.
"Wilde" Lappländer standen am Anfang
Wie nahe seinerzeit das "Fremde" noch sein konnte, zeigt die
erste Aufführung aus diesem Genre im Jahr 1872, die einer
"lappländischen Familie" gewidmet war. Was freilich hierbei nicht
übersehen werden darf, ist der Umstand, dass es zu damaligen Zeit aus
europäischer Sichtweise noch wirkliche "weiße Flecken auf der
Weltkarte gab. Die Polregionen gehörten ebenso dazu, wie Teile des
afrikanischen Kontinents. Die Shows verliefen gemeinhin aus heutiger
Sicht eher unspektakulär-folkloristisch bzw.
wissenschaftlich-nüchtern ab. Es wurden scheinbar originale
Volkstänze und Gesänge zur Aufführung gebracht, ansonsten durften die
Wiener vor allem dem Alltag der "Fremden" beiwohnen.
Buffalo Bill machte Schau zum Spektakel
Eine markante Veränderung brachte hier die "Buffalo Bills Wild
West"-Show im Jahr 1906 mit sich, die anstelle des Alltags ein
durchkonzipiertes, mit vielen spektakulären Einlagen versehenes
Spektakel nach Wien brachte. Die "Fremden" wurden Teil des
Massengeschäftes der Unterhaltungskultur, das ehemalige
wissenschaftliche Interesse wurde vom Gaudium abgelöst.
Völkerschauen als rassistische Beweisführungen
Schwarz Interesse gilt bei all dem weniger der Herkunft der
handelnden, ausgestellten Personen - über die quellenmäßig auch wenig
vorliegen dürfte - als viel mehr der medialen Verarbeitung durch das
Publikum. Die Rezeption der exotischen Völker konfrontiert er mit
zeitgenössischen Theorien über das "Wesen des Menschen". Hierbei
weist er deutlich nach, wie sehr das "Fremde" in der Anfangsphase
eher aus einem fortschrittsgläubig-liberalen Blickpunkt betrachtet
und beschrieben wurde, in späterer Zeit, also nach der
Jahrhundertwende immer mehr, vor allem von konservativer Seite her,
als Beleg rassistischer Minderwertigkeit aufgefasst wurde, welches im
"Fremd-machen" jüdischer Mitbürger später seine Fortsetzung finden
sollte.
Das Buch "Anthropologische Spektakel" ist ein ungeheuer
detailreich geschriebenes Buch, welches in seinem Theorieansatz
neueste kulturhistorische Theorien berücksichtigt. Letzteres gibt
sich sprachlich anspruchsvoll, dennoch aber verständlich.
Zeitgenössische Illustrationen, ehemalige Ansichtskarten,
aussagekräftige Karikaturen und Nachdrucke von Zeitungsartikeln
dienen als Illustration.
Werner Michael Schwarz "Anthropologische Spektakel. Zur
Schaustellung "exotischer" Menschen Wien 1870-1910", Verlag Turia +
Kant, 2001, 271 Seiten, 22 EUR. (Schluss) hch
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Mag. Hans-Christian Heintschel
Tel.: 4000/81 082
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