DER STANDARD-Bericht: "Computer verdrängen Goethe aus der Schule" - Erscheinungstag 3.8.2002

"Kritik an Gehrer-Plan, Deutsch in EDV umzuwidmen"

Wien (OTS) - "Die Frau Ministerin liebt halt die Computer." Mit einem Augenzwinkern erklärt sich Wendelin Schmidt- Dengler, Germanistikprofessor an der Universität Wien, den Plan von Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (VP), künftig in der ersten Klasse Gymnasium statt fünf nur noch vier Wochenstunden Deutschunterricht vorzuschreiben, und die eine Stunde für Textverarbeitung mit Computern zu verwenden.

FPÖ-Generalsekretär und Bildungssprecher Karl Schweitzer urteilt deftiger: "Ein Witz ist das! Das Instrument der Muttersprache zu beherrschen ist der Schlüssel zur Entfaltung der Persönlichkeit." So lange Schulgesetze einer Zweidrittelmehrheit bedürfen, halte er es für unwahrscheinlich, dass "Informations- und Kommunikationstechnologien" einen Teil des Deutschunterrichts ersetzen könnten.

Tatsächlich findet auch Schmidt-Dengler die Idee eine "völlig verhatschte Angelegenheit, die nicht besonders gescheit ist. Der Verlust jeder Stunde Deutsch ist fundamental, gerade in der ersten Klasse." Kein anderes Fach sei "so wichtig für die Selbstartikulation wie der Deutschunterricht - und das ist eine Stunde Computer sicher nicht". Ihn befremde das "Eindringen der Datenverarbeitung in alles".

Schmidt-Dengler vermutet indes auch ein eher profanes Motiv für die EDV-Offensive: "Das ist eine echte Masche, ein bisschen volksfreundliches Gehabe: Bei Computer glauben alle, da steckt alles dahinter, was wir brauchen."

Fritz Enzenhofer, Präsident des oberösterreichischen Landesschulrats und einer der Erfinder der Deutschstunden- Umwidmung, widerspricht:
"Es geht nicht nur um Literatur. Die Liebe zur Literatur wird nicht nur im Alter von zehn Jahren geweckt - außerdem ist Deutsch ist nicht nur Literaturkunde. Dass man lernt, eine Tageszeitung zu lesen oder sich Hintergrundinformation aus dem Internet zu suchen, das gehört heute genauso zur Bildung."

SPÖ-Bundesgeschäftsführerin Andrea Kuntzl kritisiert genau aus diesem Grund die "isolierte Vermittlung einer Technik auf Kosten der Sprach- und Schreibfähigkeit". Der Computer sollte in allen Fächern als Hilfsmittel integriert werden.

Grünen-Bildungssprecher Dieter Brosz lehnt die Stundenumwidmung ab. Stattdessen sollte EDV in der ersten Klasse als unverbindliche Übung angeboten werden.

"Positiv und produktiv nutzbar" schätzt der Präsident der Akademie der Wissenschaften, Germanist Werner Welzig, die Stundenverschiebung von Deutsch zur EDV ein. "So sehr der Plan aufs Erste ein ,Weg von Goethe und Schiller‘ zu sein scheint, ist der Umgang mit Computer und Internet auch sehr text- und sprachbezogen."

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