• 02.08.2002, 18:00:02
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DER STANDARD-Bericht: "Computer verdrängen Goethe aus der Schule" - Erscheinungstag 3.8.2002

"Kritik an Gehrer-Plan, Deutsch in EDV umzuwidmen"

Wien (OTS) - "Die Frau Ministerin liebt halt die Computer." Mit
einem Augenzwinkern erklärt sich Wendelin Schmidt- Dengler,
Germanistikprofessor an der Universität Wien, den Plan von
Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (VP), künftig in der ersten
Klasse Gymnasium statt fünf nur noch vier Wochenstunden
Deutschunterricht vorzuschreiben, und die eine Stunde für
Textverarbeitung mit Computern zu verwenden.

FPÖ-Generalsekretär und Bildungssprecher Karl Schweitzer urteilt
deftiger: "Ein Witz ist das! Das Instrument der Muttersprache zu
beherrschen ist der Schlüssel zur Entfaltung der Persönlichkeit." So
lange Schulgesetze einer Zweidrittelmehrheit bedürfen, halte er es
für unwahrscheinlich, dass "Informations- und
Kommunikationstechnologien" einen Teil des Deutschunterrichts
ersetzen könnten.

Tatsächlich findet auch Schmidt-Dengler die Idee eine "völlig
verhatschte Angelegenheit, die nicht besonders gescheit ist. Der
Verlust jeder Stunde Deutsch ist fundamental, gerade in der ersten
Klasse." Kein anderes Fach sei "so wichtig für die Selbstartikulation
wie der Deutschunterricht - und das ist eine Stunde Computer sicher
nicht". Ihn befremde das "Eindringen der Datenverarbeitung in alles".

Schmidt-Dengler vermutet indes auch ein eher profanes Motiv für die
EDV-Offensive: "Das ist eine echte Masche, ein bisschen
volksfreundliches Gehabe: Bei Computer glauben alle, da steckt alles
dahinter, was wir brauchen."

Fritz Enzenhofer, Präsident des oberösterreichischen Landesschulrats
und einer der Erfinder der Deutschstunden- Umwidmung, widerspricht:
"Es geht nicht nur um Literatur. Die Liebe zur Literatur wird nicht
nur im Alter von zehn Jahren geweckt - außerdem ist Deutsch ist nicht
nur Literaturkunde. Dass man lernt, eine Tageszeitung zu lesen oder
sich Hintergrundinformation aus dem Internet zu suchen, das gehört
heute genauso zur Bildung."

SPÖ-Bundesgeschäftsführerin Andrea Kuntzl kritisiert genau aus
diesem Grund die "isolierte Vermittlung einer Technik auf Kosten der
Sprach- und Schreibfähigkeit". Der Computer sollte in allen Fächern
als Hilfsmittel integriert werden.

Grünen-Bildungssprecher Dieter Brosz lehnt die Stundenumwidmung ab.
Stattdessen sollte EDV in der ersten Klasse als unverbindliche Übung
angeboten werden.

"Positiv und produktiv nutzbar" schätzt der Präsident der Akademie
der Wissenschaften, Germanist Werner Welzig, die Stundenverschiebung
von Deutsch zur EDV ein. "So sehr der Plan aufs Erste ein ,Weg von
Goethe und Schiller‘ zu sein scheint, ist der Umgang mit
Computer und Internet auch sehr text- und sprachbezogen."

Rückfragehinweis:
Der Standard
Tel.: (01) 531 70/428

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