Joschka Fischer: "Mehr sein als scheinen"

Der Außenminister im Reader's Digest-Interview über die neue Rolle Deutschlands in der Welt

Stuttgart (OTS) - Bundesaußenminister Joschka Fischer will, dass Deutschland auf der internationalen Bühne ein verlässlicher, aber bescheidener Partner bleibt. Die Maßgabe sei: "Mehr sein als scheinen", sagt der Minister in einem Interview mit dem Magazin Reader's Digest (August-Ausgabe). Eine "klug eingesetzte Selbstbeschränkung" führe zu Spielräumen, "die im Interesse unseres Landes liegen". Überheblichkeit hingegen ziele in die falsche Richtung: "Wenn wir meinen, wir könnten uns mit Schlussstrichmentalität auf das Eis der Geschichte begeben, dann würden wir feststellen, wie dünn dieses Eis ist. Und wie schnell wir einbrechen", so Fischers Warnung.

Fischer sieht Deutschland - auch trotz zunehmender Auslandseinsätze der Bundeswehr - keinesfalls als Weltmacht. "Wir sind eine europäische Mittelmacht. Die Kategorie der nationalen Machtgröße trifft nicht die Realität Europas." Der Außenminister fordert vielmehr, dass die Ausgestaltung Europas vorangetrieben wird und die Vereinten Nationen gestärkt werden: "Wir brauchen einen reformierten Sicherheitsrat", so der Politiker, das jetzige Gremium spiegele "noch heute die Situation nach dem zweiten Weltkrieg wider". Die Frage nach einem ständigen Sitz im Weltsicherheitsrat für Deutschland stelle sich aber derzeit nicht: "Das ist kein aktuelles Thema."

Der gebürtige Baden-Württemberger, Jahrgang 1948, erinnert in dem Interview zugleich daran, dass sich die Weltlage in den vier Jahren seit seinem Amtsantritt dramatisch verändert habe. "Die Spielräume sind größer geworden für das vereinigte Deutschland, aber die Verantwortung auch. Die Erwartungen an uns sind auch gewachsen. Nur, wir müssen diese Spielräume immer als Europäer nutzen und nicht für nationale Interessenpolitik." Die rot-grüne Bundesregierung habe deshalb auch "nicht die Absicht, die deutsche Rolle neu zu definieren." Fischer räumt ein, auch wenn seine Wurzeln in der Friedensbewegung lägen, könne er als Außenminister an politischen Realitäten nicht vorbeisehen: "Wir versuchen, Konflikte friedlich zu lösen, bevor sie militärisch eskalieren. Aber manchmal ist das Militär leider unverzichtbar."

Fischer macht sich in dem Interview für die Osterweiterung der EU stark, die gerade im deutschen Interesse liege. Sie bedeute Frieden und Stabilität, aber auch Arbeitsplätze. Er erinnerte an die Süderweiterung der Union, die damals "auch ein richtiges Wachstumsprogramm für unsere Wirtschaft war". Schließlich bedeute die Osterweiterung Europas Einheit. Fischer: "Wir können nicht auf Dauer ein Europa des Nationalismus östlich unserer Grenzen haben und ein Europa der Integration, dem wir angehören. Es würde Europa schwächen. Und wir Deutschen würden dafür zahlen - politisch wie auch ökonomisch."

Und wie bewertet sich der Langstreckenläufer selbst? Als eine seiner größten Stärken nennt er im Gespräch mit Reader's Digest seine schnelle Auffassungsgabe: "Das stand schon in meinem ersten Schulzeugnis." Er sei auch nicht einfach nur ein Berufspolitiker, meint Fischer: "Ich bin mehr. Ich gehöre zu der Spezies Politiker aus Leidenschaft." Und sein Verhältnis zu den Grünen? "Die Grünen sind meine Partei. Ich hatte nie Zweifel", sagt er. Er sei zwar -"auch von innerparteilichen Gegnern" - als grüner Sozialdemokrat oder sozialdemokratischer Grüner beschimpft worden. Aber: "Ich wusste nie, warum das Schimpfwörter sein sollten. Ich bin bewusst in die Grünen eingetreten, und dabei wird es bleiben." Gerade so ein harter Realist, wie er einer geworden sei, "der fühlt sich in einer mehr idealistischen Partei sehr gut aufgehoben".

Für nähere Informationen zu diesem Reader's Digest-Thema stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung. Die August-Ausgabe von Reader's Digest ist ab dem 29. Juli 2002 an zentralen Kiosken erhältlich.

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