DER STANDARD-Kommentar: "Eine Niederlage für alle" (von Josef Manola) - Erscheinungstag 18.7.2002

(ots) - Was diesseits der Meerenge von Gibraltar als Vertreibung oder Rückeroberung gefeiert wurde, ist für Spaniens südliche Nachbarn schlicht eine "Kriegserklärung". In dem von der EU mit einem Assoziationsabkommen verwöhnten, von den USA als Schutzwall gegen das Vorrücken radikaler Islamisten geschätzten Königreich Marokko hat die politische Führung eine Eskalation ohnehin gespannter Beziehungen zum wichtigen Partner im Norden provoziert. Die Besetzung und umgehende "Befreiung" der Petersil-Insel, die von beiden Seiten mit glaubwürdigen Argumenten beansprucht wird, bilden den vorläufigen Höhepunkt eines monatelangen Tauziehens, bei dem beide Seiten wenig diplomatisch vorgingen.

Rabat begründet seinen Anspruch auf die beiden spanischen Exklaven Ceuta und Melilla mit dem Beispiel Gibraltar, das nach spanischer Lesart von Großbritannien "besetzt" wurde. Erst in den letzten Wochen haben die Madrider Hoffnungen auf eine mit Großbritannien "geteilte" Souveränität über Gibraltar neue Nahrung erhalten. Rabat fürchtet außerdem bei der Ende Juli angesetzten Abstimmung im UNO-Sicherheitsrat, wo über das seit 1992 überfällige Referendum -und damit die Zukunft der Westsahara - entschieden werden soll, eine Parteinahme Spaniens für die Befreiungsbewegung Polisario.

Aus welchen Motiven immer die Besetzung der Petersil-Insel angeordnet wurde, sie verstößt gegen internationales Recht. Dass Premier Jos´e María Aznar eine Nacht- und Nebelinvasion anordnete und die spanische Flagge fotogen auf dem Felsen hissen ließ, obwohl Außenministerin Ana de Palacio sich wenige Stunden zuvor für eine Verhandlungslösung ausgesprochen hatte, ist ebenso wenig gerechtfertigt. Beim Internationalen Gerichtshof - einer Institution, die für solche Streitfälle ins Leben gerufen wurde - wäre der bilaterale Felsenstreit besser aufgehoben gewesen als in den Händen der Diplomaten und Militärs.

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