- 17.07.2002, 10:01:01
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OeNB - Erweiterung der EU:
Auswirkungen auf die EU-15 und insbesondere auf Österreich in der Publikationsreihe "Berichte und Studien", Heft 2/2002
Wien (OTS) - Aus heutiger Sicht scheint ein Abschluss der
Erweiterungsverhandlungen zwischen der Europäischen Union (EU)
und den meisten Beitrittsländern in greifbare Nähe gerückt zu
sein. Auch wenn einige der zentralen Punkte, wie z. B. die Frage
der Behandlung der Landwirtschaft oder auch jene der
Finanzierung, noch offen sind, scheint sich mittelfristig eine
EU der 25 Mitgliedsländer abzuzeichnen.
Österreich ist auf Grund der engen wirtschaftlichen
Verflochtenheit mit den Ländern Zentral- und Osteuropas von
diesem Erweiterungsprozess deutlich stärker als andere EU-Länder
betroffen, obwohl schon in den Neunzigerjahren im Zuge der
Ostöffnung eine beträchtliche Intensivierung des Handels, aber
auch der Direktinvestitionen stattgefunden hat. Insofern wurde
in Österreich einiges, was die EU-Erweiterung mit sich bringen
wird, bereits vorweggenommen. Trotzdem bekommt die Beziehung zu
diesen Staaten mit deren formellem EU-Beitritt eine neue
Qualität.
Angesichts dieser Entwicklungen hat sich die Oesterreichische
Nationalbank verstärkt mit den zentral- und osteuropäischen
Ländern beschäftigt und Osteuropakompetenz aufgebaut. Das
vorliegende Schwerpunktheft aus der Quartalspublikation
"Berichte und Studien" widmet sich dem Thema "Osterweiterung der
EU: Auswirkungen auf die EU-15 und insbesondere auf Österreich".
Die Beiträge behandeln einerseits wichtige makroökonomische
Aspekte und widmen sich andererseits den für eine Notenbank
zentralen Fragen in den Bereichen Geldpolitik und Finanzmärkte.
- Einleitend spannt ein Literaturüberblick einen Bogen über die
vorliegenden Studien zur EU-Erweiterung und stellt den
heutigen Wissensstand zu den wichtigsten Fragen in
komprimierter Form dar.
- Ein Beitrag über die institutionellen Auswirkungen der
Erweiterung im Bereich der Wirtschafts- und Währungspolitik
beleuchtet mögliche Implikationen auf das Gefüge der EU, die
einzelnen Institutionen, Gremien und Foren und analysiert die
bislang angestellten Überlegungen betreffend eine
Neugestaltung diverser Entscheidungsprozesse.
- Ein weiterer Beitrag widmet sich den Wachstumseffekten
innerhalb des Kreises der EU-Länder, die ein viel zitiertes
Vorbild für den Aufholprozess der Beitrittsländer sind. Dabei
zeigt sich, dass die Teilnahme an der EU das Wachstum in
grundsätzlich allen Mitgliedstaaten beschleunigt hat. In den
einkommensschwachen Ländern ist dieser Effekt jedoch
überproportional, wodurch der Aufholprozess bzw. die
Konvergenz innerhalb der EU begünstigt wurde.
- Auch Direktinvestitionen leisten einen wichtigen Beitrag zu
einem wirtschaftlichen Aufholprozess. Vor diesem Hintergrund
werden österreichische Direktinvestitionen in zentral- und
osteuropäische Länder nach Eigenschaften und Motiven der
Investoren, aber auch nach branchenspezifischen
Charakteristika der getätigten Investitionen näher
beleuchtet. Dabei zeigt sich, dass österreichische Firmen in
Osteuropa kaum Greenfield Investments getätigt, sondern vor
allem bereits bestehende Firmen übernommen haben. Ein
weiteres Ergebnis ist, dass österreichische Unternehmen, die
Tochterunternehmen im Osten haben, überdurchschnittlich oft
fremdbestimmt sind und damit als "Brückenköpfe" ausländischer
Konzerne für deren Ostgeschäft fungieren. Und: Die geringe
Entfernung zum Geschehen spielt offensichtlich bei der
Direktinvestitionsentscheidung eine so große Rolle, dass sich
diese Determinante noch auf der Ebene der österreichischen
Bundesländer nachweisen lässt.
- Auswirkungen der EU-Erweiterung auf die Arbeitsmärkte in der
EU ergeben sich vor allem durch Änderungen im Außenhandel als
auch durch sich verändernde Migrationsströme. Sowohl das
Lohngefüge in Österreich wie auch das Mobilitätsverhalten der
österreichischen Arbeitskräfte werden durch eine EU-
Erweiterung potenziell beeinflusst. Wie viele andere kommt
aber auch diese Studie zum Ergebnis, dass die Auswirkungen
der EU-Erweiterung auf die Arbeitsmärkte in der EU eher
gering sein werden und sich auf bestimmte Segmente, und zwar
insbesondere jene mit niedrigem Qualifikationsniveau der
Arbeitnehmer, beschränken.
- Die Auswirkungen der EU-Osterweiterung auf den Bankensektor
in zentral- und osteuropäischen Ländern haben - wie z. B. die
Rekonstruktion und die Sanierung - zum Teil schon
stattgefunden, zum Teil stehen sie noch bevor. Bemerkenswert
ist, dass die zentral- und osteuropäischen Banken sowohl in
absoluten als auch in relativen Größen als eher klein zu
bezeichnen sind, ein überdurchschnittlich hoher Anteil
befindet sich in ausländischer Hand. Interessant auch der
geringe Intermediationsgrad, das heißt, aus den
unterschiedlichsten Gründen (niedriges Einkommen der privaten
Haushalte, Finanzierung über die ausländischen Mütter etc.)
haben viele potenzielle Bankkunden noch keine
Standardprodukte wie ein Gehaltskonto, ein Sparbuch oder
einen Kredit.
Die möglichen Auswirkungen auf den Bankensektor der EU sind
auf Grund der Größenverhältnisse als gering einzustufen.
Österreich hat wegen seines starken Osteuropaengagements hier
allerdings eine Sonderstellung. Insgesamt wird die
Osterweiterung das Risiko für österreichische Banken in
diesen Ländern senken und die Wachstumschancen erhöhen. Auf
Grund der starken Präsenz auf diesem Markt werden die Effekte
nicht nur für einzelne Banken groß, sondern auch für den
Gesamtmarkt in Österreich spürbar sein.
- Mit dem EU-Beitritt werden die osteuropäischen Rentenmärkte
ihren Emerging-Market-Status verlieren und in
gesamteuropäische Anleihebenchmarks integriert werden. In der
Analyse, die ihr Hauptaugenmerk auf Polen, die Tschechische
Republik und Ungarn richtet, stehen die neuen, erweiterten
Perspektiven für Anleger im Vordergrund, ebenso wie mögliche
Auswirkungen auf die Zinskonvergenz und auf die bestehenden
Rentenmärkte Westeuropas. Letztere werden angesichts der in
Zentral- und Osteuropa relativ geringen Marktkapitalisierung
praktisch nicht auftreten. Ähnliches gilt für die
Aktienmärkte. Auch hier werden die liquiditätsbedingten
Effekte auf die westeuropäischen Märkte auf Grund der
geringen Marktkapitalisierung als gering eingeschätzt. Allein
dem österreichischen Aktienmarkt wird im Zuge dieser
Entwicklungen eine Chance auf Belebung eingeräumt.
- Aus heutiger Sicht streben alle Beitrittsländer mittelfristig
eine Teilnahme an der Währungsunion an. Völlig unabhängig
davon ist diese Teilnahme auch Gegenstand der Verträge von
Maastricht, die neu beitretenden EU-Mitgliedern diesbezüglich
keine Wahlmöglichkeit gewähren. Die aktuelle Debatte dreht
sich vor allem um die Frage nach dem optimalen Zeitpunkt.
Tatsächlich verfolgen aber die zentral- und osteuropäischen
Länder derzeit eine Reihe unterschiedlicher
Wechselkursregime. Ein Beitrag analysiert diese Frage nach
der optimalen Wechselkursstrategie der Beitrittsländer auf
dem Weg in die WWU und zeigt die diesbezüglich bestehenden
Herausforderungen für die Geldpolitik auf. Abschließend wird
für drei zentral- und osteuropäische Beitrittsländer ein
Monetary Conditions Index berechnet, nicht zuletzt um die
Reaktionsmuster der Finanzmärkte in diesen Ländern besser
zuordnen zu können.
Das "Berichte und Studien -Schwerpunktheft" kann von der
OeNB-Homepage abgerufen werden (http://www2.oenb.at/pubs_p.htm).
Die englischsprachigen Versionen der Beiträge erscheinen diesmal
nur zum Teil im "Focus on Austria", Heft 2/2002. Jene mit einem
starken Bezug auf Zentral- und Osteuropa finden sich im "Focus
on Transition", Heft 1/2002 , der halbjährlichen
Osteuropapublikation der OeNB. Diese Ausgabe steht ebenfalls auf
der Homepage der OeNB (Adresse siehe oben).
Rückfragehinweis: Oesterreichische Nationalbank
Sekretariat des Direktoriums/
Öffentlichkeitsarbeit
Tel.: +43-1-40420-6666
http://www.oenb.at
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