OeNB - Erweiterung der EU:

Auswirkungen auf die EU-15 und insbesondere auf Österreich in der Publikationsreihe "Berichte und Studien", Heft 2/2002

Wien (OTS) - Aus heutiger Sicht scheint ein Abschluss der Erweiterungsverhandlungen zwischen der Europäischen Union (EU)
und den meisten Beitrittsländern in greifbare Nähe gerückt zu sein. Auch wenn einige der zentralen Punkte, wie z. B. die Frage
der Behandlung der Landwirtschaft oder auch jene der
Finanzierung, noch offen sind, scheint sich mittelfristig eine
EU der 25 Mitgliedsländer abzuzeichnen.

Österreich ist auf Grund der engen wirtschaftlichen Verflochtenheit mit den Ländern Zentral- und Osteuropas von
diesem Erweiterungsprozess deutlich stärker als andere EU-Länder betroffen, obwohl schon in den Neunzigerjahren im Zuge der Ostöffnung eine beträchtliche Intensivierung des Handels, aber auch der Direktinvestitionen stattgefunden hat. Insofern wurde
in Österreich einiges, was die EU-Erweiterung mit sich bringen wird, bereits vorweggenommen. Trotzdem bekommt die Beziehung zu diesen Staaten mit deren formellem EU-Beitritt eine neue
Qualität.

Angesichts dieser Entwicklungen hat sich die Oesterreichische Nationalbank verstärkt mit den zentral- und osteuropäischen Ländern beschäftigt und Osteuropakompetenz aufgebaut. Das vorliegende Schwerpunktheft aus der Quartalspublikation
"Berichte und Studien" widmet sich dem Thema "Osterweiterung der
EU: Auswirkungen auf die EU-15 und insbesondere auf Österreich". Die Beiträge behandeln einerseits wichtige makroökonomische Aspekte und widmen sich andererseits den für eine Notenbank zentralen Fragen in den Bereichen Geldpolitik und Finanzmärkte.

- Einleitend spannt ein Literaturüberblick einen Bogen über die vorliegenden Studien zur EU-Erweiterung und stellt den
heutigen Wissensstand zu den wichtigsten Fragen in
komprimierter Form dar.

- Ein Beitrag über die institutionellen Auswirkungen der Erweiterung im Bereich der Wirtschafts- und Währungspolitik beleuchtet mögliche Implikationen auf das Gefüge der EU, die einzelnen Institutionen, Gremien und Foren und analysiert die bislang angestellten Überlegungen betreffend eine
Neugestaltung diverser Entscheidungsprozesse.

- Ein weiterer Beitrag widmet sich den Wachstumseffekten
innerhalb des Kreises der EU-Länder, die ein viel zitiertes Vorbild für den Aufholprozess der Beitrittsländer sind. Dabei zeigt sich, dass die Teilnahme an der EU das Wachstum in grundsätzlich allen Mitgliedstaaten beschleunigt hat. In den einkommensschwachen Ländern ist dieser Effekt jedoch überproportional, wodurch der Aufholprozess bzw. die
Konvergenz innerhalb der EU begünstigt wurde.

- Auch Direktinvestitionen leisten einen wichtigen Beitrag zu
einem wirtschaftlichen Aufholprozess. Vor diesem Hintergrund werden österreichische Direktinvestitionen in zentral- und osteuropäische Länder nach Eigenschaften und Motiven der Investoren, aber auch nach branchenspezifischen
Charakteristika der getätigten Investitionen näher
beleuchtet. Dabei zeigt sich, dass österreichische Firmen in Osteuropa kaum Greenfield Investments getätigt, sondern vor allem bereits bestehende Firmen übernommen haben. Ein
weiteres Ergebnis ist, dass österreichische Unternehmen, die Tochterunternehmen im Osten haben, überdurchschnittlich oft fremdbestimmt sind und damit als "Brückenköpfe" ausländischer Konzerne für deren Ostgeschäft fungieren. Und: Die geringe Entfernung zum Geschehen spielt offensichtlich bei der Direktinvestitionsentscheidung eine so große Rolle, dass sich diese Determinante noch auf der Ebene der österreichischen Bundesländer nachweisen lässt.

- Auswirkungen der EU-Erweiterung auf die Arbeitsmärkte in der
EU ergeben sich vor allem durch Änderungen im Außenhandel als auch durch sich verändernde Migrationsströme. Sowohl das Lohngefüge in Österreich wie auch das Mobilitätsverhalten der österreichischen Arbeitskräfte werden durch eine EU- Erweiterung potenziell beeinflusst. Wie viele andere kommt
aber auch diese Studie zum Ergebnis, dass die Auswirkungen
der EU-Erweiterung auf die Arbeitsmärkte in der EU eher
gering sein werden und sich auf bestimmte Segmente, und zwar insbesondere jene mit niedrigem Qualifikationsniveau der Arbeitnehmer, beschränken.

- Die Auswirkungen der EU-Osterweiterung auf den Bankensektor
in zentral- und osteuropäischen Ländern haben - wie z. B. die Rekonstruktion und die Sanierung - zum Teil schon
stattgefunden, zum Teil stehen sie noch bevor. Bemerkenswert
ist, dass die zentral- und osteuropäischen Banken sowohl in absoluten als auch in relativen Größen als eher klein zu bezeichnen sind, ein überdurchschnittlich hoher Anteil
befindet sich in ausländischer Hand. Interessant auch der geringe Intermediationsgrad, das heißt, aus den unterschiedlichsten Gründen (niedriges Einkommen der privaten Haushalte, Finanzierung über die ausländischen Mütter etc.) haben viele potenzielle Bankkunden noch keine
Standardprodukte wie ein Gehaltskonto, ein Sparbuch oder
einen Kredit.
Die möglichen Auswirkungen auf den Bankensektor der EU sind
auf Grund der Größenverhältnisse als gering einzustufen. Österreich hat wegen seines starken Osteuropaengagements hier allerdings eine Sonderstellung. Insgesamt wird die
Osterweiterung das Risiko für österreichische Banken in
diesen Ländern senken und die Wachstumschancen erhöhen. Auf Grund der starken Präsenz auf diesem Markt werden die Effekte nicht nur für einzelne Banken groß, sondern auch für den Gesamtmarkt in Österreich spürbar sein.

- Mit dem EU-Beitritt werden die osteuropäischen Rentenmärkte ihren Emerging-Market-Status verlieren und in
gesamteuropäische Anleihebenchmarks integriert werden. In der Analyse, die ihr Hauptaugenmerk auf Polen, die Tschechische Republik und Ungarn richtet, stehen die neuen, erweiterten Perspektiven für Anleger im Vordergrund, ebenso wie mögliche Auswirkungen auf die Zinskonvergenz und auf die bestehenden Rentenmärkte Westeuropas. Letztere werden angesichts der in Zentral- und Osteuropa relativ geringen Marktkapitalisierung praktisch nicht auftreten. Ähnliches gilt für die Aktienmärkte. Auch hier werden die liquiditätsbedingten
Effekte auf die westeuropäischen Märkte auf Grund der
geringen Marktkapitalisierung als gering eingeschätzt. Allein dem österreichischen Aktienmarkt wird im Zuge dieser Entwicklungen eine Chance auf Belebung eingeräumt.

- Aus heutiger Sicht streben alle Beitrittsländer mittelfristig eine Teilnahme an der Währungsunion an. Völlig unabhängig davon ist diese Teilnahme auch Gegenstand der Verträge von Maastricht, die neu beitretenden EU-Mitgliedern diesbezüglich keine Wahlmöglichkeit gewähren. Die aktuelle Debatte dreht
sich vor allem um die Frage nach dem optimalen Zeitpunkt. Tatsächlich verfolgen aber die zentral- und osteuropäischen Länder derzeit eine Reihe unterschiedlicher
Wechselkursregime. Ein Beitrag analysiert diese Frage nach
der optimalen Wechselkursstrategie der Beitrittsländer auf
dem Weg in die WWU und zeigt die diesbezüglich bestehenden Herausforderungen für die Geldpolitik auf. Abschließend wird für drei zentral- und osteuropäische Beitrittsländer ein Monetary Conditions Index berechnet, nicht zuletzt um die Reaktionsmuster der Finanzmärkte in diesen Ländern besser zuordnen zu können.

Das "Berichte und Studien -Schwerpunktheft" kann von der OeNB-Homepage abgerufen werden (http://www2.oenb.at/pubs_p.htm).
Die englischsprachigen Versionen der Beiträge erscheinen diesmal nur zum Teil im "Focus on Austria", Heft 2/2002. Jene mit einem starken Bezug auf Zentral- und Osteuropa finden sich im "Focus
on Transition", Heft 1/2002 , der halbjährlichen Osteuropapublikation der OeNB. Diese Ausgabe steht ebenfalls auf
der Homepage der OeNB (Adresse siehe oben).

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