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"Presse"-Kommentar: Der Revolutionär als Entertainer (von Michael Fleischhacker)

Pressestimmen/Vorausmeldung/Chronik

"Presse"-Kommentar: Der Revolutionär als Entertainer (von Michael
Fleischhacker)

Ausgabe vom 13. Juli 2002

Wien (OTS). Gestern war es auch schon wieder 40 Jahre her, daß
die Rolling
Stones ihr erstes Konzert gegeben haben. Von diesen 40 Jahren waren,
wenn man den Kritikern glauben darf, 20 eher super und 20 eher
peinlich. Mit Beginn der 80er Jahre, so die ziemlich einheitliche
Einschätzung, waren die Stones kreativ tot. Seither rockt Herr
Jagger mehr im Privaten, in den Stadien rollt die PR-Maschine.
Und seit den 90er Jahren dominiert in den Ankündigungen der Stones-
Touren überhaupt nur noch das liebevoll-bewundernde, an alte Zeiten
und wilde Sexparties erinnernde Prädikat "Rock-Opas", während in den
Kritiken auffallend viel von "Mitleid" die Rede ist.
Die dröhnende Leere und das peinliche Gezappel, das dem
Konzertpublikum der 90er Jahre die seinerzeit erfolgreichen, weil
zwingenden, für viele grausamen, für manche schockierenden und für
einige sogar tief philosophischen Texte der 60er und 70er Jahre
näherbringen soll, dürfen freilich nicht verwundern: Es muß
irgendwie auch motorisch irritierend sein, wenn man für viel Geld
gegen sich selbst anbrüllt.
Ein netter Treppenwitz der Jugendrevolutionsgeschichte: Die
Rolling
Stones haben es geschafft, in eine Art bürgerlichen Bildungskanon
aufgenommen zu werden. Sie sind - reich entschädigte - Opfer eines
Mechanismus geworden, der auch den künstlerischen Avantgardismus
absorbiert hat: Das dröge, satte Bürgertum, gegen das sie ansingen,
anschreiben und anpissen, ist flinker und anpassungsfähiger, als
seine Erschrecker glauben. Es fühlt sich schnell in seiner
"Aufgeschlossenheit" bestätigt, hält sich alsbald seine
Schreckgespenster bei bester Bezahlung als biedere Entertainer,
während sich diese, weil sie es nicht bemerken oder nicht wahrhaben
wollen, noch immer für unbestechliche Helden des Fortschritts halten.
Der Rhythmus von Schock und Anpassung hat sich massiv
beschleunigt,
die Revoluzzerkarrieren werden kürzer. Eminem und Manu Chao, die
neuen Helden der Anti-Correctness und der Anti-Globalisierung,
stehen auch schon wieder kurz vor der Verbürgerlichung.
Daß junge Frauen Mick Jagger auch heute noch für unheimlich sexy
halten, ist natürlich trotzdem total o.k.

Rückfragehinweis: Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445

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