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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Das zerkratzte Spiegelbild" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 30.06.2002

Graz (OTS) - Mit einem "Tag der offenen Tür" zelebrierte Thomas
Klestil sein zehnjähirges Thronjubiläum. Das Volk sollte einen
Monarchen zum Anfassen aufsuchen und bewundern dürfen. Doch so
makellos, wie es sich der Bundespräsident wünscht, ist sein Bild
nicht. Auch nicht so abstoßend, wie es durch das Schlüsselloch
beschrieben wurde. Es ist aber viel Schminke erforderlich, um die
Kratzer und Schrammen zu übertünchen.

Seine beste Zeit hatte Klestil vor zehn Jahren. Der vor Ehrgeiz
lodernde Karrierediplomat ging in einen aussichtslos scheinenden
Wettkampf um das höchste Amt im Staat.

Franz Vranitzky, am Gipfel seines Ansehens, setzte auf Rudolf
Streicher. Der dirigierende Verkehrsminister sollte von Blasmusik
begleitet die Hofburg im Spaziergang zurückerobern und den Spuk des
Waldheim-Intermezzos beenden.

Jörg Haider schickte seine Generalsekretärin Heide Schmidt ins
Rennen, zu der das Verhältnis damals noch ungetrübt war. Und auch
die Grünen hatten mit der Ikone Robert Jungk einen starken
Kandidaten.

In zwei Durchgängen siegte der Außenseiter. Klestil triumphierte
über Streicher mit 57:43 - ein Resultat, das zu Beginn der
Wahlkampagne für ausgeschlossen gehalten wurde. Zum enormen
persönlichen Einsatz, mit dem Klestil kämpfte, kam noch das Gespür
für den sich drehenden politischen Wind. Klestil mobilisierte den
Verdruss am verkrusteten Parteiensystem. Nicht nur im Slogan "Macht
braucht Kontrolle" gab es Parallelen zu einem anderen erfolgreichen
Populisten. Jörg Haider gab in der Stichwahl auch eine kaum
verhüllte Empfehlung für Klestil ab.

Insofern war die Bundespräsidentenwahl 1992 ein Vorgriff auf die
Nationalratswahl 1999, weil sich zeigte, dass es eine Mehrheit
rechts von der SPÖ gab, die eine Erbpacht auf das Kanzleramt zu
haben schien.

Umso enttäuschender war es deshalb für das so genannte bürgerliche
Lager, dass ausgerechnet Klestil mit allen Mitteln die Wende nach
rechts abwenden wollte. Das ist Feuer, auf dem mit Gewürzen und
Giften aus dem Privatleben ungenießbare Gerichte gekocht werden.

Die eisige Miene und die feindselige Körpersprache, mit der Klestil
Wolfgang Schüssel und sein Kabinett angelobte, erwies ihn als
schlechten Verlierer. Es war nicht das erste Mal, dass der
Bundespräsident an die Grenzen seiner Macht stieß. Schon beim
Versuch, sich auf EU-Gipfeln in die Reihe der Staats- und
Regierungschefs zu drängen, war er gescheitert.

Aber das ist eine bereits vergessene Episode, während Klestil durch
Reden und Gesten unverändert den Eindruck vermittelt, er wolle eine
Neuauflage der schwarz-blauen Koalition verhindern, obwohl er seit
dem letzten Mal wissen muss, dass nicht der Bundespräsident, sondern
der Wähler über die Regierung entscheidet.

In Amerika wird der Präsident am Ende seiner zweiten Amtszeit, nach
der er nicht mehr wieder gewählt werden kann, eine "lahme Ente"
genannt.

Auch Klestils Amtszeit nähert sich ihrem Ende. Er sollte sich hüten,
aus Eitelkeit oder Rachegefühlen sein Bild noch ärger zu
beschädigen. ****

Rückfragehinweis: Kleine Zeitung

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