- 19.06.2002, 19:01:58
- /
- OTS0273 OTW0273
Oberosterreichische Nachrichten Kommentar 20. Juni 2002 "Das Spiel ist Verpflichtung" von Franz Schwabeneder=
Heute beginnt das oberösterreichische Kinder- und
Jugendtheaterfestival mit dem pfiffigen Titel Schäxpir. Das
imposante Zahlenspiel von 122 Theatervorstellungen in Linz, Wels,
Gmunden, Steyr, von 38 Produktionen aus 10 Ländern und der Anzahl an
Erstaufführungen (nämlich 33) ist natürlich für die Statistik
überaus eindrucksvoll, dokumentiert die Größenordnung und damit den
europäischen Rang. Die Fülle allein aber würde nicht genügen, schon
vor dem Start dem Land Oberösterreich alle Hochachtung für den
finanziellen und organisatorischen Aufwand auszusprechen. Denn dies
ist einfach ein großartiges Bekenntnis zur kulturellen und damit
gesellschaftlichen Bedeutung des Kinder- und Jugendtheaters.
In unserem Bundesland wurden Pioniertaten gesetzt: durch den
früheren Intendanten Alfred Stögmüller, der an der Landesbühne die
Sparte IJugend und Theaterp gegründet hatte. Und durch den
Kulturmenschen Karl Gerbel, der vor nahezu dreißig Jahren im Schoß
der Kinderfreunde das ÖTheater des Kindes= initiiert hatte. Es waren
Sternstunden für die Etablierung eines emanzipatorischen,
ernsthaften, lustvollen und zeitnahen Theaters für junge Menschen.
Wir nehmen es heute als gelebte Selbstverständlichkeit hin.
Das Kinder- und Jugendtheater hat enormen Reichtum entwickelt, von
der thematischen Breite bis zur stilistischen Bewältigung, vom
Stückangebot für ganz kleine Leute ab zwei Jahre bis zu den
Geschichten für die Jugendlichen. Das Poetische und Phantastische,
die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und
zwischenmenschlichen Problemen ist Bühnenwirklichkeit für die
Generation der Heranwachsenden in allen Altersstufen.
Diesen Reichtum aber gilt es sorgsam zu hüten. In einer Gesellschaft
der Event-, Cross-
over-, Spiel-, Spaß- und Supermarkt-Erlebniskultur können die
Fähigkeiten des konzentrierten Zuhörens und Hinsehens rascher
verloren gehen denn uns lieb ist. Pädagogen und Eltern können über
das Wachsen der Unduldsamkeit und des Verlustes an Aufmerksamkeit
mitunter schmerzliche Zustandsberichte liefern.
Das Theater ist ein Ort der Verführung und der Orientierung. Die
Träume und Erinnerungen, die Tugenden des Mutes und der Toleranz,
der Abbau der Ängste, das Bewusstmachen gesellschaftlicher Probleme
und des sozialen Verständnisses wird in Sprache und Bilder gefasst,
in Geschichten gegossen, im Spiel verwirklicht. Und mag es auch
tausendmal abgeschmackt klingen: das Theater ist moralische Anstalt
und das muss beileibe nicht das Geringste mit Fadesse und grimmig
moralisierender Belehrung zu tun haben.
Vor kurzem hat der phantasiebegabte Musiker und Kulturmacher Reinald
Deppe den wunderschönen Begriff von der kkulturellen Fürsorge
geprägt. Diese kulturelle Fürsorge ist in einer Zeit der
Desorientierung und der Destabilisierung der Werte eine
gesellschaftspolitische Verpflichtung ersten Ranges. Das Kinder- und
Jugendtheater ist Gefährte für die Menschenerziehung mit den Mitteln
der Kunst. Und Schäxpir ist dafür ein machtvolles Signal.
Rückfragehinweis: Oberösterreichische Nachrichten
OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PON/PON