Oberosterreichische Nachrichten Kommentar 20. Juni 2002 "Das Spiel ist Verpflichtung" von Franz Schwabeneder

Heute beginnt das oberösterreichische Kinder- und Jugendtheaterfestival mit dem pfiffigen Titel Schäxpir. Das imposante Zahlenspiel von 122 Theatervorstellungen in Linz, Wels, Gmunden, Steyr, von 38 Produktionen aus 10 Ländern und der Anzahl an Erstaufführungen (nämlich 33) ist natürlich für die Statistik überaus eindrucksvoll, dokumentiert die Größenordnung und damit den europäischen Rang. Die Fülle allein aber würde nicht genügen, schon vor dem Start dem Land Oberösterreich alle Hochachtung für den finanziellen und organisatorischen Aufwand auszusprechen. Denn dies ist einfach ein großartiges Bekenntnis zur kulturellen und damit gesellschaftlichen Bedeutung des Kinder- und Jugendtheaters.
In unserem Bundesland wurden Pioniertaten gesetzt: durch den früheren Intendanten Alfred Stögmüller, der an der Landesbühne die Sparte IJugend und Theaterp gegründet hatte. Und durch den Kulturmenschen Karl Gerbel, der vor nahezu dreißig Jahren im Schoß der Kinderfreunde das ÖTheater des Kindes= initiiert hatte. Es waren Sternstunden für die Etablierung eines emanzipatorischen, ernsthaften, lustvollen und zeitnahen Theaters für junge Menschen. Wir nehmen es heute als gelebte Selbstverständlichkeit hin.
Das Kinder- und Jugendtheater hat enormen Reichtum entwickelt, von der thematischen Breite bis zur stilistischen Bewältigung, vom Stückangebot für ganz kleine Leute ab zwei Jahre bis zu den Geschichten für die Jugendlichen. Das Poetische und Phantastische, die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und zwischenmenschlichen Problemen ist Bühnenwirklichkeit für die Generation der Heranwachsenden in allen Altersstufen.

Diesen Reichtum aber gilt es sorgsam zu hüten. In einer Gesellschaft der Event-, Cross-
over-, Spiel-, Spaß- und Supermarkt-Erlebniskultur können die Fähigkeiten des konzentrierten Zuhörens und Hinsehens rascher verloren gehen denn uns lieb ist. Pädagogen und Eltern können über das Wachsen der Unduldsamkeit und des Verlustes an Aufmerksamkeit mitunter schmerzliche Zustandsberichte liefern.
Das Theater ist ein Ort der Verführung und der Orientierung. Die Träume und Erinnerungen, die Tugenden des Mutes und der Toleranz, der Abbau der Ängste, das Bewusstmachen gesellschaftlicher Probleme und des sozialen Verständnisses wird in Sprache und Bilder gefasst, in Geschichten gegossen, im Spiel verwirklicht. Und mag es auch tausendmal abgeschmackt klingen: das Theater ist moralische Anstalt und das muss beileibe nicht das Geringste mit Fadesse und grimmig moralisierender Belehrung zu tun haben.
Vor kurzem hat der phantasiebegabte Musiker und Kulturmacher Reinald Deppe den wunderschönen Begriff von der kkulturellen Fürsorge geprägt. Diese kulturelle Fürsorge ist in einer Zeit der Desorientierung und der Destabilisierung der Werte eine gesellschaftspolitische Verpflichtung ersten Ranges. Das Kinder- und Jugendtheater ist Gefährte für die Menschenerziehung mit den Mitteln der Kunst. Und Schäxpir ist dafür ein machtvolles Signal.

Rückfragen & Kontakt:

Oberösterreichische Nachrichten

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PON/PON