• 17.06.2002, 16:56:48
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Libro: Das wäre Wlaschek nie passiert

WirtschaftsBlatt-Kommentar von Erwin Frasl

Wien (OTS) - Selbst ein so erfahrener Sanierer wie Werner
Steinbauer, der zuletzt geholt wurde, hat es nicht mehr geschafft,
den Konkurs der Libro AG abzuwenden. Gründe dafür gibt es einige:
Solange die Libro AG zum Unternehmensreich von Karl Wlaschek gehörte,
lief der Laden gut.

Der Vollblutunternehmer Karl Wlaschek, der am Höhepunkt seines
Unternehmertums Billa, Mondo, Merkur, Bipa, Libro und einige andere
Unternehmen zu den Führenden ihrer Branche gemacht hatte, sorgte
stets dafür, dass Management und Mitarbeiter seiner Unternehmen den
Boden der Realität nicht verliessen und sich voll auf den Nutzen der
Kunden konzentrierten.

Schliesslich testete der Chef immer wieder anonym und
höchstpersönlich die Kundenfreundlichkeit seiner Belegschaften.
Dieses Engagement des Firmenchefs zeigte Wirkung. Allerdings nur so
lange, bis Wlaschek sich von seinen Unternehmungen trennte und sein
Geld in Immobilien zu investieren begann.

Das Ende der Eigentümerschaft des Paradeunternehmers Wlaschek bei
Libro war der Anfang vom Ende: Ein schwacher Vorstand, der statt
bodenständiger Geschäftspolitik euphorische Expansionspläne in
Angriff nahm, und überforderte Aufsichtsräte wurden zur Mischung, aus
der Pleiten entstehen. Als Draufgabe wurde in diesem Umfeld noch der
Börsegang gewagt. Damit alle was von Libro haben.

Mit dem Börsegang wurde auch die Krise der Unternehmensbewertung
evident. In einer Zeit, in der Investment-Banker den Wert der
mittlerweile Pleite gegangenen Internetfirma YLine höher angesetzt
haben als den Wert von Böhler-Uddeholm und Voest zusammen, wie
Böhler-Uddeholm-Chef Claus J. Raidl jüngst anmerkte, ist es kein
Wunder, dass auch bei Libro die Bewertung des Unternehmens so lange
Wechselbädern unterlag, bis kein Weg mehr am Handelsgericht
vorbeiführte.

Ein von kaufmännischer Vorsicht getragenes Rechenwerk und seriös
informierte Aufsichtsräte sind die Grundlage einer erfolgreichen
Unternehmensführung. Wo diese fehlen, ist der erste Schritt in den
finanziellen Abgrund getan. Ob die Rechnungslegung von Libro den
gesetzlichen Erfordernissen entsprochen hat, wird Juristen in den
nächsten Monaten ebenso beschäftigen wie die Rolle von Vorstand und
Aufsichtsrat. Dem Unternehmen selbst hilft das nichts mehr: Es wird
wahrscheinlich zerstückelt, um wenigstens für die Reste Käufer zu
finden.

Rückfragehinweis:

WirtschaftsBlatt
Redaktionstel.: (01) 919 19/305
http://www.wirtschaftsblatt.at

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