- 15.06.2002, 11:59:39
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Görg (2): "War immer mit Leib und Seele Obmann der Wiener ÖVP"
"Habe teilweise meine eigenen Ansprüche nicht erfüllen können"
Wien, 15. Juni 2002 - Am Beginn seiner Rede vor dem 30. ordentlichen
Landesparteitag der Wiener ÖVP hielt der scheidende Obmann, DDr.
Bernhard Görg fest, dass es sich für ihn persönlich um einen
außerordentlichen Parteitag handle. "Als ich mich vor etwa drei
Monaten entschlossen habe, dieses Amt abzugeben, habe ich diese
Entscheidung leichten Herzens, wenn auch ausdrücklich nicht
erleichtert getroffen", so Görg.
"Heute gebe ich zu, dass mir das Herz schwerer geworden ist. Ich habe
zwar mein ganzes Leben versucht zu verbergen, dass ich ein
Gefühlsmensch bin, heute werde ich es nicht versuchen, auch wenn
dieser Imagewandel vermutlich zu spät kommt." Görg drückte den
Delegierten und seinen Parteifreunden ausdrücklichen Dank dafür aus,
dass er 10 Jahre lang an der Spitze der Wiener ÖVP stehen durfte.
"Auch wenn immer wieder behauptet wird, dass das Amt des Wiener
VP-Obmannes das schwierigste in der Volkspartei ist, ich habe meine
Obmannschaft immer als Geschenk betrachtet und sie mit Leib und Seele
ausgeübt."
Wiener Parteiobmann muss "mit wenig Sauerstoff auskommen"
Das Amt des Wiener VP-Obmannes sei oftmals "siedend heiß und Minuten
später wieder eiskalt" gewesen. "Mich hat vor vielen Jahren aber der
damalige Klubobmann Johannes Prochaska darauf hingewiesen, dass der
Wiener Parteiobmann mit ‚wenig Sauerstoff‘ auskommen muss."
Görg versuchte in seiner Rede auch, die Grundprobleme der Wiener ÖVP
zu skizzieren. "Die Primärtugend eines Parteiobmannes ist immer der
Wahlerfolg. Die Funktionäre wählen ihren Obmann ja nicht, um ihm ein
Geschenk zu machen, sie setzen viele Hoffnungen und Erwartungen in
ihn und wollen diese auch erfüllt sehen."
"Ich wehre mich aber dagegen, dass die Wurzeln der Probleme der
Wiener VP immer wieder in den angeblich schlechten Strukturen der
Partei gesucht werden. Das ist schlicht und einfach falsch. Vor allem
in personeller Hinsicht verfügt die Wiener Partei über großartige
Ressourcen, dies beweist unter anderem, dass die Wiener VP das mit
Abstand stärkste Team an Nationalratsabgeordneten - sowohl im
Vergleich mit anderen Parteien als auch im Vergleich mit den anderen
Bundesländerteams - stellt."
ÖVP sieht sich in allen Geschäftsbereichen als Nummer 1
Görg verglich die Arbeit der ÖVP mit dem Unternehmensleitbild eines
Wirtschaftsunternehmen: "Wäre die Volkspartei ein Unternehmen, dann
wäre der erste Satz des Unternehmensleitbildes: ‚Wir verstehen uns
als Nummer 1 und streben die Marktführerschaft in allen
Geschäftsbereichen an‘." Genau deshalb sei der Kanzleranspruch
Wolfgang Schüssels ja auch so wichtig für die Partei gewesen.
"Die Wiener ÖVP konnte diesen Anspruch, nämlich Nummer 1 zu sein, zu
keinem Zeitpunkt erfüllen. Darunter leidet natürlich auch das
Selbstbewusstsein und das Selbstverständnis einer Partei." Der
Abstand zur Wiener SPÖ habe - mit Ausnahme der ersten Wahl nach 1945
- immer mehr als 20 % betragen. Damit leitete Görg zur zweiten Wurzel
der Probleme der Wiener VP über: "Es ist für eine Partei wie die
Wiener VP problematisch, wenn sie akzeptieren muss, dass in Wien
keine politische Mehrheit jenseits der SPÖ möglich ist. Es ist immer
wichtig mehrere strategische Optionen zur Verfügung zu haben, ob man
sie dann nutzen will, ist eine andere Frage. In einer Wiener
Stadtregierung konnte die Volkspartei immer nur der Juniorpartner
sein und auch das hat Probleme im Selbstverständnis der Funktionäre
nach sich gezogen."
"Bin auf die Entwicklung meiner Wahlergebnisse nicht stolz"
In der Beurteilung seiner Amtszeit zeigte sich Görg durchaus auch
sehr selbstkritisch: "Ich habe diese Partei mit 18 % übernommen und
übergebe sie jetzt mit 16,4 % an meinen Nachfolger. Das ist eine
Entwicklung auf die ich natürlich nicht stolz bin. In dieser Hinsicht
habe ich meine eigenen Ansprüche nicht erfüllen können, auch wenn mit
dem Regierungseintritt der Wiener ÖVP im Jahr 1996 ein wichtiger
Schritt zur Demokratisierung dieser Stadt gesetzt worden ist. Aber
auch dieser Regierungseintritt war eigentlich ein unverdientes Glück,
weil er nicht durch unsere Stärke, sondern durch die Schwäche der SPÖ
zustande gekommen ist."
"Wir haben damals mit einer Reihe von Schwierigkeiten zu kämpfen
gehabt, von der fehlenden Regierungserfahrung angefangen bis hin zu
den verkrustete Beamtenstrukturen in dieser Stadt. Ich bin aber der
festen Überzeugung, dass wir diese Herausforderung wirklich gut
bewältigt haben und dazu beigetragen haben, dass in dieser Stadt ein
neuer Wind weht."
(Forts.)
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