• 25.05.2002, 18:24:14
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"Kleine Zeitung"-Kommentar: "Wie einst Julius Cäsar" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 26.5.2002

Graz (OTS) - George Bush bereist als moderner Julius Cäsar sein
Weltreich, das nun tatsächlich fast die ganze Welt umfasst. Der
amerikanische Präsident hält es wie der römische Kaiser, dass er
nicht alle Länder beherrschen muss, um mächtig zu sein. Er geht über
den Eisernen Vorhang hinaus, auch hier dem Imperator gleich, der den
Limes bloß als die engere Grenze auffasste, um mit den Barbaren den
Ausgleich zu finden.

Pax Americana statt Pax Romana. Wenn man den Frieden als die
Abwesenheit von Krieg beschreiben kann, dann ist dieser Zustand
erreicht: Bush hat sich mit Wladimir Putin arrangiert.

Für die Europäer stellt sich nicht nur die Frage, auf wie
dauerhaften Fundamenten diese Allianz steht, sondern keimt
auch die Sorge, als verlässlicher, aber unwichtiger Partner
übergangen zu werden. Vor allem dann, wenn die Europäer
glauben, eine Rolle in der Weltpolitik zu spielen, weil der alte
Kontinent nicht nur die Wiege der Kultur, sondern auch die
Quelle der Ökonomie sei.

Die Demonstranten, die in Berlin die Bush-Trommeln schlugen,
pauschal als Anti-Amerikaner einzustufen, die ihre Vietnam-
Nostalgie ausleben wollen, greift zu kurz. Heute geht
es nicht mehr um einen Kolonial-Krieg, sondern um das Gefühl
der Ohnmacht, der einzig verbliebenen Weltmacht bedingungslos
beistehen zu müssen. "Uneingeschränkte Solidarität" hat diesen
Zustand Gerhard Schröder genannt, als Deutschland noch unter
dem Schock des 11. September stand. Acht Monate später ist
aus dem bedingungslosen Gehorsam eine bedingte Gefolgschaft
geworden. Freilich nur mental, nicht real.

Zwar wurde das Taliban-Regime in die Knie gezwungen, doch ist auch
nach den Raketenangriffen und Bombenteppichen noch immer ungewiss,
ob sich nicht Osama Bin Laden in den Berghöhlen Afghanistans
versteckt hält. Aber selbst dann, wenn er nur noch ein Phantom
sein sollte, von dem manipulierte Videos in den Fernsehkanälen
auftauchen, bleibt die ernüchternde Bilanz, dass die
Terrororganisation weiter lebt. Der Anschlag auf deutsche Touristen
in Tunesien war ein Warnsignal, dass nach dem Word Trade Center
in New York auch eine Synagoge in Dscherba das Ziel sein kann.

Explosiver als der Mythos Osama Bin Laden ist der Märtyrer Jasser
Arafat. Nur ein Zyniker wird sich wünschen, dass die Panzer Ariel
Sharons den Widerstand der Palästinenser niederwalzen, weil damit
der Beweis erbracht wäre, dass der Terrorismus mit Gewalt
ausgelöscht werden könnte. Niemand bestreitet das Recht Israels,
sich gegen die Selbstmordattentäter zu wehren, die in Geschäften
und Kaffeehäusern Unschuldige in die Luft sprengen, doch gleicht
die Strategie Sharons dem Versuch, Feuer mit Benzin zu löschen.

Die Folgeschäden sind in jedem Fall dauerhaft, weil die Wut gegen
den Westen bei den Muslimen weiter geschürt wird. Und dieser Hass
muss sich nicht in Amerika, sondern kann sich überall entladen.

Weil Europa in den Krisenherden bloß Zuschauer ist, gilt, was Bush
vorausgesagt hat: Der Krieg gegen das Böse wird lange dauern.
Und Amerika wird die Befehle erteilen. ****

Rückfragehinweis: Kleine Zeitung

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