"Kleine Zeitung"-Kommentar: "Wie einst Julius Cäsar" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 26.5.2002

Graz (OTS) - George Bush bereist als moderner Julius Cäsar sein Weltreich, das nun tatsächlich fast die ganze Welt umfasst. Der amerikanische Präsident hält es wie der römische Kaiser, dass er nicht alle Länder beherrschen muss, um mächtig zu sein. Er geht über den Eisernen Vorhang hinaus, auch hier dem Imperator gleich, der den Limes bloß als die engere Grenze auffasste, um mit den Barbaren den Ausgleich zu finden.

Pax Americana statt Pax Romana. Wenn man den Frieden als die Abwesenheit von Krieg beschreiben kann, dann ist dieser Zustand erreicht: Bush hat sich mit Wladimir Putin arrangiert.

Für die Europäer stellt sich nicht nur die Frage, auf wie dauerhaften Fundamenten diese Allianz steht, sondern keimt
auch die Sorge, als verlässlicher, aber unwichtiger Partner übergangen zu werden. Vor allem dann, wenn die Europäer
glauben, eine Rolle in der Weltpolitik zu spielen, weil der alte Kontinent nicht nur die Wiege der Kultur, sondern auch die
Quelle der Ökonomie sei.

Die Demonstranten, die in Berlin die Bush-Trommeln schlugen, pauschal als Anti-Amerikaner einzustufen, die ihre Vietnam-Nostalgie ausleben wollen, greift zu kurz. Heute geht
es nicht mehr um einen Kolonial-Krieg, sondern um das Gefühl
der Ohnmacht, der einzig verbliebenen Weltmacht bedingungslos beistehen zu müssen. "Uneingeschränkte Solidarität" hat diesen Zustand Gerhard Schröder genannt, als Deutschland noch unter
dem Schock des 11. September stand. Acht Monate später ist
aus dem bedingungslosen Gehorsam eine bedingte Gefolgschaft geworden. Freilich nur mental, nicht real.

Zwar wurde das Taliban-Regime in die Knie gezwungen, doch ist auch nach den Raketenangriffen und Bombenteppichen noch immer ungewiss, ob sich nicht Osama Bin Laden in den Berghöhlen Afghanistans versteckt hält. Aber selbst dann, wenn er nur noch ein Phantom
sein sollte, von dem manipulierte Videos in den Fernsehkanälen auftauchen, bleibt die ernüchternde Bilanz, dass die Terrororganisation weiter lebt. Der Anschlag auf deutsche Touristen in Tunesien war ein Warnsignal, dass nach dem Word Trade Center
in New York auch eine Synagoge in Dscherba das Ziel sein kann.

Explosiver als der Mythos Osama Bin Laden ist der Märtyrer Jasser Arafat. Nur ein Zyniker wird sich wünschen, dass die Panzer Ariel Sharons den Widerstand der Palästinenser niederwalzen, weil damit der Beweis erbracht wäre, dass der Terrorismus mit Gewalt ausgelöscht werden könnte. Niemand bestreitet das Recht Israels, sich gegen die Selbstmordattentäter zu wehren, die in Geschäften und Kaffeehäusern Unschuldige in die Luft sprengen, doch gleicht die Strategie Sharons dem Versuch, Feuer mit Benzin zu löschen.

Die Folgeschäden sind in jedem Fall dauerhaft, weil die Wut gegen den Westen bei den Muslimen weiter geschürt wird. Und dieser Hass muss sich nicht in Amerika, sondern kann sich überall entladen.

Weil Europa in den Krisenherden bloß Zuschauer ist, gilt, was Bush vorausgesagt hat: Der Krieg gegen das Böse wird lange dauern.
Und Amerika wird die Befehle erteilen. ****

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