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"Die Presse" Kommentar: "Industrie als "Feierwehr"" (von Michael Prüller)
Ausgabe vom 13.5.2002
Wien (OTS) Feiertage sind laut Lexikon "Tage der Arbeitsruhe".
Vorfeiertage
sind alles andere als das: Es wird im Akkord vor- und eingearbeitet
und mitten in der Woche auf einen Frühschluß hingehechelt. Im Mai
mit seinen heuer vier Feiertagen ganz besonders. Wer nicht schon vor
geraumer Zeit einen Installateur- oder Friseurtermin gebucht hat,
wird bis weit in den Juni mit verstopfter Badewanne und flach
gewordener Dauerwelle überleben müssen.
Da ist doch der Vorschlag der Industriellenvereinigung, zumindest
die Donnerstag-Feiertage abzuschaffen, so uneben nicht. Vor allem
wenn man bedenkt, was sich die Herren (die dabei ja weniger an
Dauerwellen denken) ausgerechnet haben: 250 Millionen Euro kostet
uns jeder Feiertag. Da müssen Maschinen angehalten und Geschäfte
zugesperrt werden, Produktivität und Umsätze sinken. Aber die
Gehälter laufen weiter. Bei Wegrationalisierung aller vier Mai-
Feiertage wären das pro Kopf 125 Euro, ein halbes Prozent
Wirtschaftswachstum! Und welcher Kirchgänger weiß denn wirklich
noch, was an Christi Himmelfahrt und Fronleichnam oder gar am
Pfingstmontag so groß zu feiern ist?
Und dennoch.
So unbedenklich ist die Auflösung traditioneller Feiertage nicht.
Nicht nur wegen Konkordat oder dräuender Gewerkschaft. Sondern weil
Feiertage gewachsene Bestandteile unserer Kultur sind. Weil es
gerade im Frühling seit jeher die Menschen danach drängt, das Haus
zu verlassen, um in Gärten, auf Radwegen und
Kurzurlaubsdestinationen das Ende der kalten Jahreszeit zu genießen.
Weil nicht nur Kinder nach sieben Monaten Schulzeit jeden
unterrichtsfreien Tag als lebensrettenden Nektar in sich aufsaugen.
Weil Feiertage einfach Leib und Seele erfrischen.
Der Verweis auf die Problematik eines katholisch dominierten
Kalenders in einer nicht mehr katholischen dominierten Gesellschaft
ist berechtigt - doch vom 26. Oktober weiß auch niemand so wirklich,
was da begangen wird. Und warum wird ausgerechnet am Tag der Arbeit
- hier übrigens von den Nazis eingeführt - nicht gearbeitet?
Freilich, auch das wirtschaftliche Argument zieht: Viele Menschen
würden lieber ein bißchen mehr verdienen als ein bißchen weniger
arbeiten, und Selbständige kennen Feiertagsruhe ohnehin nur bedingt.
Aber - ganz abgesehen davon, auf welch wackeligen Hypothesen die 250-
Millionen-Schätzung beruhen mag -: Soll das Feiern wirklich nur
wegen ökonomischer Effizienzsteigerungskalküle abgeschliffen,
stromlinienförmig gemacht werden? Warum dann nicht gleich auch
anderen sperrigen Schnörkseln unserer Kultur zu Leibe rücken: Macht
doch selbst die Reform-Rechtschreibung PC-Korrekturprogramme unnötig
teuer (ck, tz, ß!). Warum führen wir nicht am besten gleich Englisch
als europäische Einheitssprache ein. Und dann der unpraktische
Denkmalschutz - was für eine Vergeudung nutzbaren Baulands!
Im Ernst: Unsere Feiertage sind zugegebenermaßen unrationell, sie
stehen verloren in der Gegend herum, wie alte Bäume einer nicht mehr
befahrenen, und zeitgemäßer Trassenplanung hinderlichen Allee. Und
dennoch sollten wir sie pflegen - weil wir so bald keine neuen
bekommen werden, wenn die alten einmal weg sind. Moderne
Gesellschaften sind nämlich ziemlich unfähig, wenn es gilt,
gemeinsame Anlässe zum Feiern, abseits von Kriegserinnerungen, zu
finden. Daß die Industriellenvereinigung sich beeilt hinzuzufügen,
daß sie ja nur gegen den freien Tag, nicht aber gegen den Feiertag
ist (also etwa einen Fronleichnamsumzug am Sonntag drauf noch
gestatten würde), ändert nichts daran: Derartige Vorschläge gehören
zu jenen Ideen, die - wie übrigens auch die Abschaffung der
Sonntagsruhe - das Zeug haben, uns unversehens alle wohlhabender,
aber leider zugleich auch ärmer zu machen.
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