"Deutschkurse für Migranten?" - Handlungsbedarf für das Rote Kreuz: Präsident Fredy Mayer zum Weltrotkreuztag am 8. Mai

Wien (OTS) - Aus Anlass des Weltrotkreuztages am 8. Mai umriss der Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes (ÖRK), Fredy Mayer, die gegenwärtig größten Herausforderungen an seine Organisation: Die Pflege für Hilfsbedürftige, die Integration von ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern, verstärkte internationale Arbeit und die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen.

"In Österreich gibt es keine Gesundheitspolitik. Nur eine Finanzpolitik zu Gesundheitsfragen", so der Rotkreuz-Präsident. Ein Notstand in der Hilfe für pflegebedürftige Menschen zeichne sich ab:
Den heute 540.000 Hilfs- und Pflegebedürftigen stünden schon in zehn Jahren rund 800.000 gegenüber. "Wenn wir ins Jahr 2030 blicken, dann sehen wir eine überalterte österreichische Gesellschaft: 2,7 Millionen über 60-jährige und nur 1,2 Millionen Kinder und Jugendliche", so Fredy Mayer. Das Rote Kreuz reagiere mit der Entwicklung neuer Tätigkeitsprofile für künftige Pensionisten in der freiwilligen Pflegearbeit, mit seiner Hospiz-Arbeit und mit Modellversuchen im Bereich "Pflege auf Gegenseitigkeit". Das sei aber nicht genug: "Der Staat muss überlegen, wie viel ihm die oft beschworene Solidarität wert ist. Sonst leben wir trotz erheblichen Heizölverbrauchs bald in einer sehr kalten Gesellschaft", so Mayer.

Auf der Prioritätenliste nach oben gerückt sei mit der vor drei Wochen von 50 Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften beschlossenen "Berliner Charta" auch das Thema Migration. Das Rote Kreuz sehe es als eine vordringliche Aufgabe, Ängste abzubauen, Integration zu fördern und "Hinzusehen, wenn ein Mensch in Not ist, egal, ob er legal oder illegal hier ist", so der Rotkreuz-Präsident.
"Wir wissen, dass es in Österreich ein gewisses Maß an Skepsis gegenüber ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern gibt", so Mayer weiter. Aber ohne Ängste leugnen und Probleme schönreden zu wollen, seien "Investitionen in diesem Bereich nicht nur ein Gebot der Menschlichkeit und aktive Arbeit gegen die Spaltung unserer Gesellschaft entlang ethnischer Bruchlinien. Wer unsere Grundsätze nicht teilt, aber rechnen kann, kann ruhig auch aus purem Egoismus zur Einsicht kommen: Wir brauchen Zuwanderung."

Das Rote Kreuz könne in diesem Bereich auf einigem aufbauen, erklärte Fredy Mayer mit dem Hinweis auf das "Netzwerk Asylanwalt", die im Rahmen des European Country of Origin Information Network eingerichtete Dokumentationsstelle ACCORD in Wien und die konkreten Hilfeleistungen im Rahmen der individuellen Spontanhilfe. Weiters verwies er auf die momentan durchgeführte Evaluierung zur Durchführung von Deutschkursen für Migranten, wie sie durch die Integrationsvereinbarung notwendig werden.

Im Bereich der internationalen Hilfe des Roten Kreuzes appellierte der Rotkreuz-Präsident an die Großzügigkeit von privaten und institutionellen Geldgebern. Nur durch sie sei das Rote Kreuz in der Lage, Kriegs- und Katastrophenopfern auf der ganzen Welt zu helfen. Das Rote Kreuz wolle aber trotzdem nicht "zum Lügner des Guten" werden: Wo heute Politik und Diplomatie versagen, würden die Humanitären hingeschickt - "das sieht zwar im Fernsehen gut aus", so Mayer, dürfe aber im Hinblick auf eine fehlende gemeinsame Außenpolitik nicht darüber hinwegtäuschen, "dass Europa ökonomisch ein Riese, politisch aber ein Zwerg und militärisch ein Wurm" sei. Das Rote Kreuz wolle nicht zum Feigenblatt einer versagenden Außenpolitik werden.

Als eine der spannendsten Herausforderungen für das Rote Kreuz bezeichnete Fredy Mayer den verstärkten Dialog zu multinationalen Unternehmen. "Während sich der Staat überall zurückzieht, erlangen Unternehmen großen gestalterischen Einfluss in allen Gesellschaften", so der Rotkreuz-Präsident. Die Frage sei: "Wie viel gesellschaftliche Verantwortung kommt mit dieser Macht?" Das Rote Kreuz hat bereits vor einiger Zeit eine eigene Stelle für Unternehmenskontakte eingerichtet. Ziel sei es, in einzelnen Hilfsprojekten in Österreich und international mit Unternehmen zu kooperieren. "Unternehmer wissen selbst, dass die Konsumenten immer kritischer werden", so Mayer. Es gehe bei Kooperationen auch nicht darum, dass sich Unternehmen mit einer Spende "freikaufen" könnten: "Wir möchten vielmehr die Möglichkeit bieten, gemeinsam mit uns soziales Engagement aktiv darzustellen", erklärt der Rotkreuz-Präsident.

Angesicht der beschriebenen Herausforderungen verwies Mayer auf Rotkreuz-Gründer Henry Dunant, dessen Geburtstag von der Organisation am 8. Mai begangen wird: "Wir haben einen langen Atem. Auch Dunant hat man ständig erklärt, was alles nicht geht. Und heute arbeiten wir im weltweiten Netzwerk des Roten Kreuzes, als ob es das immer schon gegeben hätte."

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