Halbzeit bei Dreharbeiten zur ORF-Koproduktion "Schwabenkinder"

Erfolgreicher Umzug von Osttirol ins Allgäu

Wien (OTS) - Halbzeit für die ORF-Koproduktion "Schwabenkinder":
Nach rund drei Wochen intensiver Dreharbeiten in Osttirol zog vergangenes Wochenende das Filmteam der Wiener epo-film ins Allgäu an den Bodensee, wo der zweite Teil der Dreharbeiten zu dieser internationalen Historienverfilmung von epo-film Wien, Media Fonds 1 München, ORF, BR, SF DRS, SWF, ARTE und RAI Bozen stattfindet. Das historische Heimatdrama befasst sich mit der jahrhundertelang gängigen Praxis der "Schwabengängerei", die dem Arbeitskräftemangel in Oberschwaben Abhilfe schaffte. Nachweislich wurden seit dem 16. Jahrhundert bis in die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts Kinder verarmter Bergbauern, hauptsächlich aus Tirol, Vorarlberg und Graubünden, alljährlich über die Alpen ins Schwäbische geschickt und dort auf Kindermärkten als Saisonarbeitskräfte an reiche Bauern aus dem Allgäu "verkauft". Die Filmgeschichte erzählt von einem solchen "Sklavenzug" um 1900, als die Schwabengängerei ihren Höhepunkt erreichte. Im Mittelpunkt des Films steht das Schicksal eines Tiroler "Schwabenkindes", dessen mittellose, schwere Kindheit es zum Verlassen der Heimat zwang.
Der ORF zeigt "Schwabenkinder" als TV-Highlight im Rahmen des Osterprogramms 2003.

Hochkarätige Besetzung unter erstklassiger Regie
Gleich drei Adolf-Grimme-Preisträger 2002 sind derzeit bei den Dreharbeiten im Städtchen Meersburg am Bodensee vereint: Für Buch und Regie von "Schwabenkinder" zeichnet der mehrfache Grimme-Preisträger Jo Baier verantwortlich, der den deutschen TV-Oscar zuletzt für "Wambo", sein Gesellschaftsdrama über den ermordeten bayerischen Volksschauspieler Walter Sedlmayr, erhielt. In zwei Hauptrollen spielen die Darsteller Tobias Moretti und Jürgen Tarrach, die heuer ebenfalls mit dem renommierten Fernsehpreis ausgezeichnet wurden. Moretti, der in "Schwabenkinder" den Kooperator spielt - einen Geistlichen, der den Kinderzug über die Alpen "schleppt" - wurde für seine Rolle in der Verfilmung der Oetker-Entführung mit dem Titel "Der Tanz mit dem Teufel" mit dem Adolf-Grimme-Preis preisgekrönt. Jürgen Tarrach, der für die Titelrolle in Jo Baiers "Wambo" ebenfalls mit dem Grimme-Preis geehrt wurde, spielt einen Bauern, der, den Kaspar - die jugendliche Hauptfigur - im Allgäu auf dem Kindermarkt anmietet und schikaniert.
Die Rolle des Kaspar ist zweifach besetzt: Den im Film achtjährigen Buben spielt der zehnjährige Südtiroler Thomas Unterkircher, der erwachsene Kaspar wird von Hary Prinz dargestellt, begabter Nachwuchs der Wiener Theaterszene, der im Jahr 2000 in seiner ersten Filmhauptrolle in Götz Spielmanns "Die Fremde" im Kino zu sehen war. Einen weiteren Hauptpart in "Die Schwabenkinder" hat der deutsche Schauspieler und Regisseur Vadim Glowna übernommen: Er gibt Kaspars Vater, der in seinem Elend keinen anderen Ausweg sieht, als seinen Sohn mit den anderen Kindersklaven ins Allgäu ziehen zu lassen. Die 15-jährige Lienzer Gymnasiastin Eva Maria Fleissner verkörpert ein 13-jähriges Bergbauernmädchen und ältestes Mitglied der Kindergruppe, zu dem Kaspar großes Vertrauen fasst. In weiteren Rollen stehen außerdem Naomi Krauss, Vera Lippisch, Bernd Faerber, Martin Abram, Werner Prinz, Ulrike Beimpold und viele andere vor der Kamera von Tomas Erhart.

Das Casting der 13 "Schwabenkinder"
Neben dem Südtiroler Thomas Unterkircher und der Lienzerin Eva Maria Fleissner hat Jo Baier elf weitere "Schwabenkinder" ebenfalls in Osttirol gefunden. Für das Casting und die Betreuung der Kinder ist die Ehefrau des Regisseurs, Gertrud Baier, verantwortlich: Im Zeitraum Ende Oktober 2001 bis Februar 2002 hat Gertrud Baier in Osttirol - unter anderem in Schulen - rund 2.000 Kinder gesichtet und mit mehr als 600 Kindern Probeaufnahmen durchgeführt. Darauf folgten weitere Castings, in denen die Kinder auch mit Text arbeiten mussten, bis letztendlich die 13 "Schwabenkinder" übrig blieben. Aus dem großen Angebot wurden neben diesen 13 weitere 70 Spiel- und Komparsenkinder engagiert.

Jo Baier: Authentischer Weg über das Gebirge
Drei harte Drehwochen hat das "Schwabenkinder"-Team gerade hinter sich: Bei beschwerlichen Wetterbedingungen - zuerst ließ der Schnee auf sich warten, dann sorgte er in ausreichenden Mengen inklusive schonungsloser Kälte für richtige "Schwabengeher"-Bedingungen - trieb Regisseur Jo Baier die Dreharbeiten voran. "Das ist für mich der schwierigste Dreh der vergangenen Jahre", erzählt er bei einem Pressegespräch, das als Auftakt zur zweiten Drehetappe am Freitagabend, dem 19. April 2002, in Meersburg stattfand. "Und zwar deshalb, weil wir den Weg der historischen Schwabenkinder im Film sehr authentisch nachgehen. Der Weg über das Gebirge mit den Kindern und dem gesamten Kameratross, bei ständig wechselnden Wettbedingungen - von eisiger Kälte, über Schneegestöber bis Sonne war alles dabei -war sehr schwierig. Vor allem die Kinder haben gefroren, gejammert, konnten manchmal einfach nicht mehr weiter. Und als wir dann über das Gebirge kamen, haben wir uns alle wie die Schwabenkinder gefühlt. Wir konnten nachempfinden, wie es damals war, im Allgäu anzukommen. Für uns war es ein Gefühl, als ob man das Gelobte Land erreicht hätte", erinnert sich Baier.

Tobias Moretti: Kinder haben faszinierenden Zugang zur Arbeit "Bisher war es für alle ein harte Zeit", zieht Hauptdarsteller Tobias Moretti Bilanz. "Ursprünglich hatte ich Angst, mit so vielen Kindern zu arbeiten, doch die bisherige Zusammenarbeit war höchst professionell und hat unheimlichen Spaß gemacht. Die Schwabenkinder wurden unglaublich gut nach ihrem Charakter ausgesucht. Da sie aus Süd- und Osttirol kommen, entsprechen sie einer anderen Mentalität, als es Kinder aus urbaneren Gegenden getan hätten. Und obwohl sie alle Laien sind, haben sie für mich einen faszinierenden Zugang zur Arbeit", so Moretti.
Der kleine Hauptdarsteller an seiner Seite, der Südtiroler Thomas Unterkircher, hat es Moretti besonders angetan: "Thomas ist ein hochbegabtes Kind. Er geht mit großer Ernsthaftigkeit an die Sache heran, ist an allem interessiert, merkt sich sogar die Filmterminologie. Er ist einfach an allem dran. Ich werde sicher sehr traurig sein, wenn ich das Team verlasse", so Moretti. Der beliebte Tiroler Schauspieler hat im Allgäu nur zwei Drehtage, denn nachdem er die Schwabenkinder über die Alpen nach Oberschwaben geführt und dort am Kindermarkt verkauft hat, ist die Arbeit des Kooperators getan. Dass Tobias Moretti diese Rolle überhaupt angenommen hatte, war keine Selbstverständlichkeit: "Ich liebe es, mich immer in andere, neue Welten zu stürzen, andere Rollen zu übernehmen. Deshalb hatte ich die Rolle des Kooperators zuerst abgelehnt. Sie war mir, nach dem Andreas Hofer in Xaver Schwarzenbergers Film über den Freiheitskämpfer, zu nah an meiner Tiroler Mentalität. Was mich dann doch überzeugte, war die Zusammenarbeit mit Jo Baier. Ich wollte schon immer mit ihm arbeiten, weil ich ihn für einen der besten deutschen Regisseure halte. Ich schätze seinen Stil."

Zum historischen Hintergrund der "Schwabengängerei"
Die "Schwabengängerei", die seit dem 16. Jahrhundert praktiziert wurde, fand ihren Höhepunkt Anfang des 20. Jahrhunderts. Die unbeschreibliche Not vieler kinderreicher Bergbauernfamilien förderte diese Sklavenzüge. Es bedeutete einen Esser weniger und einen mageren Lohn. Bis in die dreißiger Jahre gingen bis zu 5.000 Bauernkinder aus Tirol, Vorarlberg und Graubünden jährlich als billige Saisonarbeiter in den Dienst nach Oberschwaben, wo ein enormer Arbeitskräftemangel herrschte. Auf dem Gesindemarkt wurden die meist Sieben- bis 14-Jährigen für Dienste, hauptsächlich in der Landwirtschaft, angeboten. Für die meisten bedeutete es zumindest für ein paar Monate eine tägliche warme Mahlzeit. Dafür waren sie der Willkür des Arbeitgebers hoffnungslos ausgesetzt. Während Kinderarbeit in der Industrie für Kinder unter zwölf Jahren ab 1878 verboten wurde, blieb sie in der Landwirtschaft bis 1960 "unbegrenzt erlaubt". Auf Grund von Schilderungen teilweise noch heute lebender "Schwabenkinder" konnte die Schwabengängerei sehr authentisch dokumentiert werden. "Ich habe für diesen Film selbstverständlich viel recherchiert", erzählt Regisseur Jo Baier. "Ich habe mit Augenzeugen gesprochen, darunter war einer, der sogar noch bis 1940 ein Schwabengeher war", erzählt Baier. "Abmarsch für die Schwabenkinder war jedes Jahr der Josefitag, der 19. März. Die Kinder blieben dann über die Weide- und Erntezeit, bis Ende Oktober, dann ging es nach Hause zurück."

Dreharbeiten in Osttirol und Allgäu
"Die Schwabenkinder" werden in Osttirol und im Allgäu gedreht:
Osttiroler Drehmotive waren unter anderem Schauplätze in Innervillgraten, Lienz, St. Jakob in Defereggen, im Schloss Anras, Obermauern im Virgental und Lochau am Bodensee. Zu den Motiven im Allgäu zählen Schauplätze in Meersburg am Bodensee und das Deggenhausertal. Gedreht wird noch bis Anfang Mai 2002.

Zum Inhalt des Films:
Tirol, 1908: Der inzwischen fast dreißigjährige Kaspar kehrt nach zwanzigjähriger Abwesenheit in seine Tiroler Heimat an das Sterbebett des Vaters zurück, kommt mit ihm ins Reine und erzählt ihm - und dem Zuschauer in Rückblenden auf das Jahr 1885 - von seinem Schicksal als "Schwabenkind". Als Bub wurde er vom Vater an den Bodensee geschickt und war gezwungen, sich auf dem Kindermarkt in Ravensburg als Arbeitskraft zu verkaufen. Unter erbärmlichen Bedingungen wurde Kaspar von seinem "Herrn", dem Bauern Steinhauser, ausgebeutet, bis er schließlich fliehen konnte - einer neuen Zukunft entgegen.

"Schwabenkinder" ist eine Koproduktion von epo-film Wien und Media Fonds 1 München mit ORF, BR, SF DRS, SWF, ARTE, und RAI Bozen, hergestellt mit Unterstützung von ÖFI, FFF Bayern, MFG Baden-Württemberg, Cine Tirol und MEDIA Plus.

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