"Kleine Zeitung" Kommentar: "Start zum Lagerwahlkampf" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 21.4.2002

Graz (OTS) - Natürlich war es eine dick aufgetragene Schmiere,
die vergangene Woche im Parlament abgezogen wurde. Die Schauspieler in diesem Stegreiftheater riefen sich vor ihrem Auftritt innerlich zu: "Heuchelei, steh mir bei!" Hinterher konnten sie zufrieden feststellen, dass es wieder einmal gelungen war, die Dinge auf den Kopf zu stellen und angesichts des geschilderten Abgrundes an Verworfenheit lodernde Empörung zur Schau zu stellen.

Die Vermutung, dass dahinter ein Drehbuch stand, wäre zu viel der Ehre. Die Inszenierung war nicht einstudiert, sondern Peter Westenthaler hat blitzschnell reagiert, als Ex-Minister Rudolf Edlinger dem Gegner den Ball am eigenen Strafraum auflegte. Der "Sieg Heil!"-Zwischenruf des Rapid-Präsidenten war schlimmer als ein Eigentor.

Nicht wegen des absurden Vorwurfs, Edlinger hätte sich der Wiederbetätigung schuldig gemacht, sondern schlicht und einfach deswegen, weil die Opposition durch diese Unbeherrschtheit in die Falle tappte, in der sie die Koalition fangen wollte. Wie soll sich der Volkstribun aus der Wiener Vorstadt aus der Schlinge befreien, wenn man unablässig getrommelt hat, auf der Regierungsbank säßen verkappte Nazis, und dann selbst das tut und sagt, was man den anderen nie und nimmer nachgesehen hätte?

Auch Karl Öllinger braucht sich nicht zu wundern, dass ihm die Rolle des Friedensapostels nicht abgenommen wird, der zwischen die feindlichen Fronten geraten ist, obwohl er doch nur zwischen den Steinerwerfern und den Polizisten zu schlichten versuchte. Wer mit den Gewalttätern nichts zu tun haben will, sollte aufpassen, dass er nicht ins Getümmel gerät. Andreas Khol fackelte nicht lange und stieß den Grünen nachträglich mitten hinein.

Dahinter steckt Methode. Schwarz-Blau witterte die Gelegenheit, Rot-Grün in einen Topf zu werfen und auf dem Feuer der moralischen Entrüstung ein Süppchen zu kochen. Genau wie es die Opposition unter dem Beifall der so genannten Zivilgesellschaft zuvor mit der Koalition getan hat.

Es war umgekehrt auch Kalkül, dass Rot und Grün den öffentlichen Schulterschluss vermieden. Alfred Gusenbauer hütete sich, vom gemeinsamen Projekt auch nur zu sprechen. Nicht bloß deswegen, weil sich der SPÖ-Chef mehr als eine Option offen lassen will, sondern vor allem, weil er weiß, dass eine rot-grüne Koalition bei den Wählern nicht die höchsten Sympathiewerte hat. Noch weiter weg ruderte Alexander Van der Bellen. Der Professor tat, als hielte er eine Koalition der Grünen mit der ÖVP für möglich, obwohl dies schon rein rechnerisch ausgeschlossen ist.

Bisher war die Strategie, getrennt zu marschieren, um später vereint zu schlagen, er folgreich. SPÖ und Grüne legten in den Umfragen zu. Beide Oppositionsparteien profitierten von den Streitigkeiten, Fehlern und Abnützungserscheinungen der Koalition, ohne als Alternative zur Regierung auftreten zu müssen. ÖVP und FPÖ versuchen nun, diese Strategie zu durchkreuzen, indem sie Rot-Grün als Paar angreifen.

Der Lagerwahlkampf ist er öffnet. Die Richtungsentscheidung 2003 wird eine Zerreißprobe für das Land.****

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