• 20.04.2002, 17:35:11
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Start zum Lagerwahlkampf" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 21.4.2002

Graz (OTS) - Natürlich war es eine dick aufgetragene Schmiere,
die vergangene Woche im Parlament abgezogen wurde. Die Schauspieler
in diesem Stegreiftheater riefen sich vor ihrem Auftritt innerlich
zu: "Heuchelei, steh mir bei!" Hinterher konnten sie zufrieden
feststellen, dass es wieder einmal gelungen war, die Dinge auf den
Kopf zu stellen und angesichts des geschilderten Abgrundes an
Verworfenheit lodernde Empörung zur Schau zu stellen.

Die Vermutung, dass dahinter ein Drehbuch stand, wäre zu viel der
Ehre. Die Inszenierung war nicht einstudiert, sondern Peter
Westenthaler hat blitzschnell reagiert, als Ex-Minister Rudolf
Edlinger dem Gegner den Ball am eigenen Strafraum auflegte. Der
"Sieg Heil!"-Zwischenruf des Rapid-Präsidenten war schlimmer als ein
Eigentor.

Nicht wegen des absurden Vorwurfs, Edlinger hätte sich der
Wiederbetätigung schuldig gemacht, sondern schlicht und einfach
deswegen, weil die Opposition durch diese Unbeherrschtheit in die
Falle tappte, in der sie die Koalition fangen wollte. Wie soll sich
der Volkstribun aus der Wiener Vorstadt aus der Schlinge befreien,
wenn man unablässig getrommelt hat, auf der Regierungsbank säßen
verkappte Nazis, und dann selbst das tut und sagt, was man den
anderen nie und nimmer nachgesehen hätte?

Auch Karl Öllinger braucht sich nicht zu wundern, dass ihm die Rolle
des Friedensapostels nicht abgenommen wird, der zwischen die
feindlichen Fronten geraten ist, obwohl er doch nur zwischen den
Steinerwerfern und den Polizisten zu schlichten versuchte. Wer mit
den Gewalttätern nichts zu tun haben will, sollte aufpassen, dass er
nicht ins Getümmel gerät. Andreas Khol fackelte nicht lange und
stieß den Grünen nachträglich mitten hinein.

Dahinter steckt Methode. Schwarz-Blau witterte die Gelegenheit, Rot-
Grün in einen Topf zu werfen und auf dem Feuer der moralischen
Entrüstung ein Süppchen zu kochen. Genau wie es die Opposition unter
dem Beifall der so genannten Zivilgesellschaft zuvor mit der
Koalition getan hat.

Es war umgekehrt auch Kalkül, dass Rot und Grün den öffentlichen
Schulterschluss vermieden. Alfred Gusenbauer hütete sich, vom
gemeinsamen Projekt auch nur zu sprechen. Nicht bloß deswegen, weil
sich der SPÖ-Chef mehr als eine Option offen lassen will, sondern
vor allem, weil er weiß, dass eine rot-grüne Koalition bei den
Wählern nicht die höchsten Sympathiewerte hat. Noch weiter weg
ruderte Alexander Van der Bellen. Der Professor tat, als hielte er
eine Koalition der Grünen mit der ÖVP für möglich, obwohl dies schon
rein rechnerisch ausgeschlossen ist.

Bisher war die Strategie, getrennt zu marschieren, um später vereint
zu schlagen, er folgreich. SPÖ und Grüne legten in den Umfragen zu.
Beide Oppositionsparteien profitierten von den Streitigkeiten,
Fehlern und Abnützungserscheinungen der Koalition, ohne als
Alternative zur Regierung auftreten zu müssen. ÖVP und FPÖ versuchen
nun, diese Strategie zu durchkreuzen, indem sie Rot-Grün als Paar
angreifen.

Der Lagerwahlkampf ist er öffnet. Die Richtungsentscheidung 2003
wird eine Zerreißprobe für das Land.****

Rückfragehinweis: Kleine Zeitung

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