• 09.04.2002, 10:02:14
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Herzl-Symposion: Hugo Bettauers "Stadt ohne Juden"=

Wien, (OTS) Wiens Restitutionsbeauftragter Dr. Kurt Scholz wird
kommenden Donnerstag (11.4.), dem letzten Tag des 4. Theodor
Herzl-Symposions, über das Thema "Stadt ohne Juden?" um 10.00 Uhr
referieren. Der Titel seines Vortrages ist eine direkte Anspielung
auf den bekannten Roman Hugo Bettauers "Stadt ohne Juden. Ein Roman
von übermorgen", der 1922 bei seinem Erscheinen heftigste
Kontroversen auslöste.

Bettauer (1872-1925) beschreibt in seinem Roman eine Vision vom
damaligen Wien ohne jüdische Bevölkerung. Auf Antrag des
christlich-sozialen Bundeskanzlers Schwertfeger beschließt das
österreichische Parlament alle Juden und "Judenstämmlinge" unter
Sonderrecht zu stellen bzw. letztendlich aus Österreich, respektive
aus Wien auszuweisen. Nachdem sich die negativen Folgen dieser
Ausweisung überall im Alltag bemerkbar machen, wird die Ausweisung
aufgehoben und die jüdische Bevölkerung kehrt wieder zurück. Der
Roman kann als eine satirische Auseinandersetzung mit dem damaligen
Antisemitismus christlich-sozialer, wie auch deutschnationaler Kreise
in Österreich, speziell aber in Wien, gelesen werden. Drei Jahre
später nahm übrigens der Berliner Schriftsteller Artur Landsberger
die Romanidee Bettauers wieder auf und publizierte1925 in Deutschland
seinen Roman "Berlin ohne Juden", welcher eine ähnliche inhaltliche
Entwicklung aufweist.

Verfilmung führte zu Krawallen

In den Jahren 1923/24 wurde Hugo Bettauers Bestseller, der Roman
erreichte eine Auflage von über 250.000 Stück, von Hans Karl
Breslauer verfilmt. Der Stummfilm, der bald nach Escheinen wieder aus
den Kinos verschwand, stellt zwar eine entschärfte Version des Buches
dar, führte aber nicht zuletzt aufgrund seiner Überzeichnungen zu
heftigsten Kontroversen zwischen Befürworten und Gegnern. Die Wiener
Uraufführung erfolgte am 25.Juli 1924, welche in weiterer Folge zu
gewalttätigen Krawallen und Störaktionen heimischer
Nationalsozialisten führte.

Hans Moser in seiner ältesten Filmrolle

Filmhistorisch interessant zeigt die Verfilmung von Breslauer
den bekannten Wiener Schauspieler Hans Moser in seiner ältesten
Filmrolle. Breslauers Verfilmung der "Stadt ohne Juden" galt lange
Zeit als verschollen. Anfang 1991 entdeckte man aber im Nederlands
Filmmuseum in Amsterdam eine holländische Kopie mit dem Titel "De
Stad zonder Joden". Mittels aufwändiger Verfahren konnte eine Kopie
hergestellt werden, die 67 Jahre nach der Premiere, im selben Jahr
noch im Rahmen der damaligen Viennale im Wiener Apollo-Kino, wieder
gezeigt werden konnte.

Umstrittener Vorkämpfer einer liberalen Sexualität

Hugo Bettauer, dessen bewegtes Leben ihn nach Nordafrika, in die
USA, nach Berlin und letztendlich wieder nach Wien führte, war
Journalist und Schriftsteller. In seinen Arbeiten setzte er sich
immer wieder mit dem grassierenden Antisemitismus und der
gesellschaftlichen Geschlechterhierachie auseinander. Neben der
"Stadt ohne Juden" zählt der ebenfalls von Georg Wilhelm Pabst
(1885-1967) verfilmte Roman "Die freudlose Gasse" zu seinen
bekanntesten Werken. Bekannt wurde er auch durch die Herausgabe der
Zeitschrift "Er und Sie. Wochenschrift für Lebenskultur und Erotik"
ab 1924, die in späterer Folge unter dem Titel "Bettauers
Wochenschrift" fortgeführt wurde. Inhaltlich setzte sich Bettauer
u.a. für ein modernes Scheidungsrecht, Schwangerschaftsabbruch und
für die Straffreiheit der Homosexualität unter Erwachsenen ein. Hugo
Bettauer wurde am 10. März 1925 in seiner Redaktion in der Lange
Gasse 5-7 von Otto Rothstock, einem jungen fanatisierten
Nationalsozialisten, erschossen. Dem Attentat ging eine wochenlange
mediale Hetzkampagne gegen die Person Bettauer voran.

Nähere Informationen zum 4. Theodor Herzl-Symposion:
www.wien.at/herzl-symposion/

(Schluss) hch

Rückfragehinweis: PID-Rathauskorrespondenz:

www.wien.at/vtx/vtx-rk-xlink/
Mag. Hans-Christian Heintschel
Tel.: 4000/81 082
e-mail: [email protected]

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