"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Fern von Hannover" (Von Peter Plaikner)

Ausgabe vom 16. 3. 2002

Innsbruck (OTS) - Barcelona ist heute der politische Mittelpunkt Europas. Doch Antworten auf Zukunftsfragen finden sich eher in Hannover. Die Cebit, der Welt größte Computermesse, zeigt, wie sich der Alltag verändern könnte.

Das mobile Internet gilt als größter Hoffnungsträger. Darauf setzt jene Branche, die als Vorreiter der Wirtschaftskrise ihren Ruf verspielt halt. Also will sie auch Zugpferd aus dem Tief sein.

Österreichs Perspektive dazu ist zwiespältig - als Handy-Nutzer an der Welt- spitze, als PC-Besitzer abgeschlagener Nachzügler. Wir sind eher kommunikativ als produktiv. Dieser nationale Wesenszug kann ein Wettbewerbsvorteil werden.

Denn je selbstverständlicher die Geräte, um so wichtiger ihr Umfeld. Global gibt es bereits mehr Mobil- als Festnetzanschlüsse. Abseits der Telephonie sollen Funknetze zusehends dem sprachlosen Datentransfer dienen. Auch unabhängig von der neuen Technik UMTS.

Nicht nur intern setzen große Unternehmen immer mehr auf hauseigene Drahtlosigkeit. Hotels, Bahnhöfe, Flughäfen sind logische Anbieter für solchen Kundenservice. In Aachen hat schon die gesamte Innenstadt kabelfreien und äußerst schnellen Internet-Zugang.

Die Testphase solcher Citynetze eröffnet auch Fremdenverkehrsphantasie. Das Hochtempo-Funknetz wäre eine große Zusatzattraktion für den modernen Gast.

Ausgerechnet dieser touristische Umweg müsste die IT-Diskussion in Tirol neu entfachen. Denn das mühsam entstandene Thema Informationstechnologie wurde allzu schnell wieder abgehakt. Die kurz erzeugte Öffentlichkeit war Imagepflege statt wahrem Interesse. Die heimische Politik bleibt lieber im altvertrauten Umfeld von Müll, Transit und Selbstbeschäftigung.

IT ist ressortübergreifend und zukunftsentscheidend. Konzerne siedeln sie auf höchster Ebene an. In Tirol wird sie als Vollwaise weder von Regierung noch Opposition dauerhaft betreut. Es fehlt eine informationstechnologische Strategie für das Land. Unsere hochkompetenten exportorientierten High-Tech-Firmen finden daheim keinen politischen Ansprechpartner. Zukunft ist hier nur als Lippenbekenntnis überstrapaziert.

Doch das nächste Kabinett wird schon ausgeschnapst. Es geht wieder um bündischen Ausgleich statt um sachliche Notwendigkeit. Weit und breit kein Kandidat, der bei Hannover zuerst an Cebit denkt. Eher an Gilewicz. Denn Priorität hat, was einfach ist.

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