• 05.03.2002, 17:58:58
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DER STANDARD-Kommentar: "Die Toten zählen: Die Situation im Nahen Osten schreit nach einer Intervention von außen" (von Gudrun Harrer) - Erscheinungstag 6.3.2002=

Wien (ots) - Die Palästinenser "müssen geschlagen werden", sagt
Ariel Sharon, bis sie einsehen, dass sie Israel keine Lösung
aufzwingen können. Solange sie nicht am Boden liegen, werde es keinen
politischen Horizont geben, erst wenn sie geschlagen sind, könne man
wieder verhandeln, sagte der israelische Premier am Montag zu
Journalisten.

Man kann das natürlich auch anders sehen: Solange es keinen
politischen Horizont gibt, wird der Strom der palästinensischen
Selbstmordattentäter nicht abreißen. Was für manche Israelis so
schwer einzusehen ist: Genauso wie sie selbst überzeugt sind, dass
die Intifada darum geführt wird, weil die Palästinenser Israel
weghaben wollen, glauben die Palästinenser, dass sie die Intifada
führen müssen, weil Israel nie die Absicht hatte, ein Palästina
zuzulassen.

Beides stimmt nicht. Warum es so weit kommen musste, welche
Missverständnisse und ganz bewusste Propaganda und Deviationspolitik
auf beiden Seiten von den Hoffnungen des Oslo-Prozesses in diese
Katastrophe führten, wird man später einmal genau erforschen müssen.

Jetzt ist die Situation so verzweifelt, dass sie sich kühlen
Analysen entzieht. "Während wir unsere Toten zählen, zählen sie die
ihren", heißt es am Dienstag im Leitartikel von Ha"aretz. Und die
internationale Gemeinschaft schaut dabei zu, wie sie einander
umbringen, muss man ergänzen. Aber offensichtlich wird das jetzt den
USA, die sich aus der Vermittlung total verabschiedet haben, langsam
zu viel: Jedenfalls drängt zumindest US- Außenminister Colin Powell
darauf, den Nahost-Beauftragten Anthony Zinni in die Region
zurückzuschicken.

Das Weiße Haus hat nun auch den Abdullah-Plan, die Initiative des
saudischen Regenten, entdeckt. In aller Welt spricht man darüber,
außer in Israel. Allerdings darf man sich auch nicht einbilden, dass
sich die arabischen Medien begeistert über den Vorschlag zeigen,
Israel im Tausch um dessen Rückzug auf die 1967er-Grenze voll und
rückhaltlos anzuerkennen. Al-Quds al-Arabi beschreibt die Initiative
als "respektlos" denen gegenüber, die die Intifada führen. So kocht
eben jeder sein eigenes Süppchen im Nahen Osten. In Wahrheit ist die
Intifada nicht nur echter Hinderungsgrund für Politik, sie ist auch
willkommene Ausrede. Das gilt ebenfalls für beide Seiten.

In Israel ist zu beobachten, dass die Mehrheit Sharons
Vergeltungstaktik, bei der auch Kinder und schuldlose Zivilisten
getötet werden, zwar weiter für moralisch gerechtfertigt hält, sich
aber mangels Erfolg trotzdem immer mehr Menschen von ihm abwenden.
Auch Zeitungen, die der Regierung nicht a priori kritisch
gegenüberstehen (wie es Ha"aretz tut), stellen etwa bei der letzten
Selbstmordterrorwelle ganz klar den Konnex her zum vorherigen
Einmarsch der israelischen Armee in die Flüchtlingslager Balata und
Jenin.

Bei den Palästinensern wiederum ist auffällig, dass in der letzten
Zeit die islamistischen Gruppen ihr Gewaltprimat ganz klar an die
Al-Aksa-Märtyrer-Brigaden, die trotz ihrer religiösen Aufmachung der
ganz und gar säkularistischen Fatah zuzurechnen sind, verloren haben.
Offensichtlich gelingt es ihnen, auch im Attentäterreservoir von
Hamas und Djihad zu fischen.

Im dieses Primats willen haben die Al-Aksa-Märtyrer auch längst
die Strategie vom "Befreiungskampf in den besetzten Gebieten"
aufgegeben, sie morden auch in Israel. Andererseits macht auch Israel
keinen Unterschied, ob ein völkerrechtlich illegaler jüdischer
Siedler in besetztem Gebiet oder ein Israeli in Israel angegriffen
wird. Außerhalb von Israel wird diese Unterscheidung hingegen immer
öfter gemacht.

Wie der Wahnsinn zu beenden sei? Ein Verschwinden Arafats? Der Sturz
Sharons? Die Situation schreit nach einer Intervention von außen.
Aber vielleicht ist es ja immer noch nicht schlimm genug: Gespräche
über den Abdullah-Plan, UNO-Beobachter in den Palästinensergebieten,
es wird sie nicht geben, noch nicht geben. Das Sterben wird
weitergehen.

Rückfragehinweis: Der Standard

Tel.: (01) 531 70/428

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PST/OTS

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