"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Achsen der Vernunftl" (von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 20.02.2002

Schwarzach (OTS) - Seit gestern hat Jörg Haider neben Dieter Böhmdorfer und Herbert Haupt einen weiteren Vertrauensmann in der Regierung. Mathias Reichhold ist nicht nur Kärntner, er gilt auch als hundertprozentig loyaler Mitstreiter seines einstigen Parteichefs.

Sachlich ist der rasche Wechsel mehr als gerechtfertigt. Monika Forstinger mag ihre Qualitäten gehabt haben - auf dem glatten politischen Parkett war sie jedenfalls fehl am Platz und eine klar erkennbare Schwachstelle in der Regierung. Leicht haben wird es ihr Nachfolger dennoch nicht: Nicht nur die Opposition, auch der Koalitionspartner und nicht zuletzt das Fähnlein der regierungswilligen Freiheitlichen wird mit Argusaugen beobachten, ob Reichhold nur das Vollzugsorgan Haiderscher Aufträge ist, oder eigenständig Politik betreibt.

Begnügt sich der frischgebackene Minister mit der Rolle als Sprachrohr des Kärntner Landeshauptmanns, dann ist der nächste Krach programmiert. Auf Dauer wäre ein ferngesteuerter Reichhold weder für die VP-Chefs in den anderen Bundesländern noch für die halbwegs vernunftbegabten Regierungskollegen rund um Parteichefin Riess-Passer zu akzeptieren. Es gibt aber längst auch mehrere Achsen der Vernunft, und zwar sowohl zwischen ÖVP und FPÖ wie auch innerhalb der FPÖ. Dazu zählen unter anderen die Minister Grasser, Strasser und Scheibner, aber seit neuestem auch FP-Klubchef Westenthaler und nicht zuletzt Hubert Gorbach als neues Mitglied des Koalitionsausschusses. Sie alle haben in den letzten Tagen erkennen lassen, dass sie sich ein politisches Leben auch ohne Jörg Haider vorstellen können.

Wenn sich diese Kräfte durchsetzen, haben die Regierungspartner eine Chance, zu vernünftiger Arbeit zurück zu finden und mit Anstand die nächsten Wahlen zu schlagen. Andernfalls ist das schwarz-blaue Experiment demnächst zu Ende. Jörg Haider wird dann die Genugtuung haben, dass ohne ihn bei den Freiheitlichen nichts geht - mit ihm aber eben erst recht nicht.

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