DER STANDARD-Kommentar: "Der große Theatermacher: Die Politdramen wechseln immer schneller, der Hauptakteur bleibt der Gleiche" (von Eva Linsinger) - Erscheinungstag 20.02.2002

Wien (OTS) - Eigentlich wollte Jörg Haider Schauspieler werden. Aber warum sich auf Nestroy oder das Burgtheater beschränken, wenn man viele Rollen gleichzeitig spielen und das ganze Land als Bühne nutzen kann und manchmal - etwa mit spektakulären Gastspielen bei Saddam Hussein - sogar die ganze Welt?

Eine Woche Haider-Theater: Auftritt beim noch böseren Buben im Irak (mit ganz schlechten Rezensionen), Löwinger-Bühne am Aschermittwoch, Königsdrama mit Peter Westenthaler, dramatische Sterbeszenen, Auflösung in der Schmierenkomödie mit scheinbarem Happyend. Eine Vielzahl von sich widersprechenden Stücken -angesichts derer sich sogar die Kronen Zeitung, in der Mediendemokratie in einer tragenden Nebenrolle und oft Bühne, Souffleuse und Chefklatscher für Haider gleichzeitig, sich vom langjährigen Lieblingsschauspieler abgewandt hat.

Neue Lieblingsakteurin der Krone ist Susanne Riess-Passer, die sie zur "FPÖ-Aufsteigerin" ausruft. Netter Applaus für die Falsche:
Riess-Passer spielt die Rolle der Vizekanzlerin mit viel Geschick -in der der Parteichefin überzeugt sie nicht. Den Trubel über die verschiedenen Inszenierungen zu nützen und gleich eine gescheiterte Statistin, Infrastrukturministerin Monika Forstinger, von der Politbühne verschwinden zu lassen zeugt zwar von Gespür für den richtigen Zeitpunkt für einen Vorhang - gibt ihr aber noch lange nicht die Hauptrolle.

Den aufmüpfigen Klubchef, der das Stück "FPÖ-Richtungsentscheidung" an der Parteichefin vorbeiinszeniert hat, durfte Riess-Passer nicht absetzen, das passte nicht in Haiders Regie - blieb Forstinger als Bauernopfer. Forstinger war Riess-Passers Fehlbesetzung, Nachfolger Mathias Reichhold hat bisher Haiders Schildknappen gespielt.

Und fügt sich damit in das Ensemble der Haider-lastigen Minister ein: neben Dieter Böhmdorfer, der noch den Text des FPÖ-Anwaltes spricht - etwa in der Spitzelaffäre. Neben Herbert Haupt, der sich tapfer durch die Wirren des Sozialstaates nuschelt, aber nur, solange Haider das will. Neben die große Zahl von Haider-Sekretären, die heute Minister oder Klubchefs sind. Riess-Passer mag zwar die Generalvollmacht der Partei haben, die Rolle des Generals bleibt aus Kärnten besetzt.

Dass er sie im Koalitionsausschuss nicht mehr spielt, ist irrelevant. Erstens stand der Koalitionsausschuss seit November nicht mehr auf dem Spielplan, zweitens hat ein dort vereinbarter Text Haider schon bisher nicht daran gehindert, gegen den Konsens der Koalition anzureden: sei es als zorniger Altbauer, der sich von unfähigen Jungbauern den Hof nicht verwüsten lassen will, sei es als mächtiger Wurschtel, dem die formelle Nebenrolle nicht reicht.

Das Kärntner Stück wechselt so schnell, dass Kanzler Wolfgang Schüssel mit dem Schweigen nicht nachkommt. Kaum hat er zum Amtsenthebungsverfahren gegen Verfassungsgerichtshofpräsident Ludwig Adamovich wenig gesagt, ist er schon zum Temelín-Volksbegehren gelassen und muss zum Irakbesuch wortgewaltig schweigen.

Wenn andere ständig die Rolle wechseln, wird gleichbleibendes Spiel langweilig: Während des FPÖ-Klubchefs Schweigen als neues Drama Zuschauer bindet, ist des Kanzlers Schweigen zu vertraut, um für Quote zu sorgen.

Und die Alternative, das staatstragende Stück, ist erschöpft: Die Erfolgsinszenierungen der Regierung, von der Zwangsarbeiterentschädigung über das Nulldefizit bis zum Kindergeld, sind schon zu lange auf dem Spielplan, um gegen das Stück "Leben im politischen Ausnahmezustand" konkurrieren zu können. Und neue Zuseherreißer bringt die Regierung nicht auf die Bühne: Ob die Steuerreform noch bis 2003 aufgeführt werden kann, bezweifelt nicht nur der Finanzminister, andere inhaltliche Glanzstücke werden vorerst nicht geboten.

Zu beschäftigt sind die Akteure, auf die nächste Szene im Psychodrama zu warten. Auch wenn sich dabei Zuseher um Zuseher mit Grauen von der politischen Bühne abwendet.

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