PRINZ HASSAN BIN TALAL - EIN BEITRAG ZUM DIALOG DER KULTUREN Über das Gemeinsame von Christen, Juden und Moslems

Wien (PK) - Auf Einladung der Österreichischen Parlamentarischen Gesellschaft hielt Prinz Hassan bin Talal von Jordanien heute
Abend im Plenarsaal des Nationalrates einen Vortrag in englischer Sprache, der dem Ziel galt, einige "Europäische Missverständnisse über den Islam" auszuräumen.

Nationalratspräsident Heinz Fischer begrüßte den Gast und das prominente Publikum herzlich und erinnerte an die neuen Themen,
die mit dem 11. September 2001 aufgetaucht seien, sowie daran,
dass es sich als ungeheuer wichtig herausgestellt habe, den
Dialog zu diesen Fragen über die Grenzen des Kulturkreises hinaus zu führen. Zu seiner Freude habe Prinz Hassan bin Talal seine Einladung zu einem Vortrag im österreichischen Parlament angenommen, sagte der Nationalratspräsident und stellte seinen
Gast als einen Mann vor, der seit Jahrzehnten auf der politischen Bühne Jordaniens wie im internationalen Diskurs tätig sei, der
das "Arabische Jugendforum" begründet habe, der eng mit den Vereinten Nationen zusammenarbeitet und derzeit die
Präsidentschaft des Club of Rome innehat. Prinz Hassan bin Talal hat in Oxford studiert und für seine wissenschaftlichen
Leistungen zahlreiche Auszeichnungen erhalten, unter anderem auch von katholischen Fakultäten, sagte Heinz Fischer.

Auf der Suche nach den Ursprüngen der europäischen Missverständnisse über den Islam ging Prinz Hassan bin Talal weit zurück in die Geschichte, bis zu Hieronymus, dem christlichen Gelehrten, der im vierten Jahrhundert in der Nähe von Bethlehem
die "Vulgata" schuf, jene lateinische Bibelübersetzung aus hebräischen, griechischen und aramäischen Quellen, die den Europäern für tausend Jahre als Standardtext ihres Glaubensbuches diente. In den Kommentaren, die Hieronymus seinem Werk beifügte, war von jenen wilden Nomaden aus der syrischen Wüste die Rede,
vor deren Räubereien sich die sesshaften Christen fürchteten. Hieronymus nannte sie Sarazenen und beschrieb sie - lange vor Mohammed und der Begründung des Islams - als Inbegriff der heidnischen Feinde der Christenheit.

Prinz Hassan beschrieb dann die durchaus vergleichbaren Verhältnisse, die im heutigen österreichischen Gebiet und auf der arabischen Halbinsel vor der Christianisierung bzw. vor Mohammed herrschten. Hier wie dort hätten Stammestreue, Kriegstüchtigkeit und Kampf gegen Fremdherrschaft den Verhaltenskodex der polytheistischen Stämme - Germanen und Araber - bestimmt. Etwa
zur selben Zeit im siebenten Jahrhundert, als der Prophet
Mohammed in der arabischen Wüste den monotheistischen Islam predigte, habe Augustinus im Auftrag von Papst Gregor den Angelsachsen das Christentum gebracht, die es später unter den anderen germanischen Stämmen verbreiteten.

Nach dem Koran gab es nur einen Gott. Gerechtigkeit und Barmherzigkeit waren die vornehmsten Tugenden, Almosen geben eine soziale Verpflichtung. Andere Religionen, insbesondere das Christentum und das Judentum, mussten toleriert werden. Frauen
und Kinder erhielten das Recht auf Bildung und Erbe, Frauen zudem besondere Rechte in der Ehe und im Falle der Scheidung. Solche
Werte existierten vor Mohammed weder in der arabischen noch in irgendeiner anderen Gesellschaft, betonte Prinz Hassan.

Das Wort Islam bedeutet im Arabischen "Annahme", Moslems seien
jene, die sich selbst Gott unterworfen haben, wobei die Betonung
auf der freien persönlichen Wahl und auf dem Nebeneinander unterschiedlicher Glaubensrichtungen liegt: Gott hätte leicht dafür sorgen können, dass alle Menschen nur an ihn glauben, er wollte aber eine Menschheit aus verschiedenen Völkern und
Stämmen.

Am Ende des siebenten Jahrhunderts, als der Heilige Rupert den christlichen Glauben in das Gebiet des heutigen Salzburg brachte, verbreitete sich gleichzeitig in Europa die Nachricht von den arabischen Eroberungen in Asien, Afrika und Europa, wobei die christlichen Kommentatoren behaupteten, es handle sich um die
selben Sarazenen, über die Hieronymus in seinem bei den Christen maßgeblichen Bibelkommentar berichtete. Seine feindseligen und veralteten Behauptungen wurden nun auf die Moslems übertragen, sagte Prinz Hassan mit Bedauern. Die mittelalterlichen Christen hatten keine Chance, den Islam als ein neues religiöses Phänomen zu erleben, weil sie glaubten, sie wüssten bereits Bescheid. Die Vorurteile, Moslems wären gewalttätige, gesetzlose und nomadische Wüstenbewohner, überlebten in westlichen Gesellschaften oft bis heute. "Nur die Besucher meines Teiles der Welt wissen es
besser", hielt Prinz Hassan an dieser Stelle fest.

Es sei klar, dass manche nicht der humanitären Botschaft des
Koran
folgen, sondern diese Botschaft für eigene politische Zwecke missbrauchen. Die Medien verbreiten dann das falsche Bild eines Islams, der Gewalt und Aggression predige. Andernorts lassen politische oder ökonomische Faktoren die Regierung von einer Politik der Vernunft abweichen. Fremde Ölinteressen und tiefes Desinteresse an Wohlfahrt ließen die Kluft zwischen Arm und Reich wachsen. Leistung werde in materiellem Wohlstand gemessen und Handelsbarrieren behinderten die Entwicklung gerade jener Länder, die sie am notwendigsten brauchen. Der jordanische Prinz klagte über die Ungerechtigkeit in den besetzten Gebieten, die trüben Zukunftsperspektiven der irakischen Kinder und wies auf die
Sorgen um die Stabilität in Afghanistan hin.

Die berechtigten Forderungen der Menschen verschwinden nicht,
wenn eine Regierung sie ignoriere, sie kommen wieder - auf der Tagesordnung von Organisationen, die um öffentliche
Aufmerksamkeit werben. Armut, Verzweiflung und Ignoranz sein die Brutstätten des Extremismus, der im Namen der Veränderung allzuleicht zum Terrorismus wird. Gefragt sei verantwortungsbewusstes Regieren mit klaren humanitären Prioritäten. Transparenz und Verantwortlichkeit seien langfristig die Basis für Sicherheit. Die Zustimmung zu bestehenden internationalen Normen sei eine klare Botschaft: Wir ersuchen
dich, bei diesem Codex zu bleiben, weil wir das auch tun und weil wir glauben, dass alle vor dem Gesetz gleich sind. Jedes andere Verhalten führe zu Zynismus und Ärger.

In Jordanien werden die christlichen Minderheiten, die ihre Werte der Freiheit und Würde hochhalten, als Mitglieder der
Gesellschaft respektiert. Die jordanischen Christen teilen den Glauben an Christus mit den österreichischen Christen, aber sie teilen auch die sozialen und kulturellen Werte der anderen Jordanier. Sie unterstützen die Haschemitischen Könige von Jordanien, die ihre Vorfahren auf Mohammed zurückführen, weil die Haschemitische Monarchie ihre Identität immer bewahrte. Österreichische Moslems teilen ihren Glauben an den Koran mit jordanischen Moslems, aber sie sind österreichische Bürger, unterstützt von der österreichischen Regierung, die ihrerseits
die Werte und die Kultur ihrer Gesellschaft unterstützt. Moslems beweisen überall ihre Fähigkeit, für sie nicht traditionelle Normen anzunehmen, wenn sie das wollen. Denn wer seine Identität bewahren wolle, müsse sich mit zunächst fremd Erscheinendem versöhnen und Ähnlichkeiten erkennen lernen.

Ein Teil der Lösung bestehe auch in der Erkenntnis innerer Unterschiede. Das Christentum sei kein monolithisches Ganzes und
der Islam habe seine unterschiedlichen Schulen und Spielarten. Es gibt vier Lehren des Sunnismus und zwei Lehren des Schiismus,
dazu kleinere Gruppen und die mystische Sufi-Tradition, die die Verbindung mit anderen Religionen suchte und deren Mitglieder ausdrücklich willkommen hieß, wie Prinz Hassan anhand von Versen des großen islamischen Dichters Jalal du-Din Ar-Rumi belegte.

Der Dialog zwischen den Religionen sei wichtig, um irrationale Ängste zu zerstreuen, er setze aber den angstfreien Dialog innerhalb der Religionen voraus. Auch diese Auffassung belegte
Prinz Hassan mit Zitaten aus dem Koran, der vorschreibt, über religiöse Fragen in einer liebenswürdigen Form zu sprechen und jeden Zwang zu vermeiden. In diesem Zusammenhang warnte Prinz
Hassan vor der paradoxen Angst vor der Öffnung und vor dem
Frieden und wies pointiert darauf hin, dass die Kunst der Konversation keine Kriegskunst sei.

Die Freiheit, Ideen zu äußern und Gespräche zu führen, sei ebenso entscheidend wie die Grundsätze der Toleranz und des Pluralismus, gepflegt von aufgeklärten Regierungen auf den Gebieten der Erziehung, der Medien und der internationalen Beziehungen.

Nichts im Islam widerspreche den Grundsätzen der Demokratie, des Pluralismus, der persönlichen Freiheit, gleichen Rechten oder individuellem Erfolg. Prinz Hassan machte darauf aufmerksam, dass
es der Islam war, der viele Werte nach Arabien brachte, die heute als das exklusive Eigentum westlicher entwickelter Länder
angesehen werden. Die islamische Kultur war lange führend in Technologie, Kunst und Wissenschaft und vereinigte viele unterschiedliche Völker und Glaubensrichtungen. So wie heute Studenten aus den armen Ländern des Südens nach Heidelberg oder Harvard gehen, lernten einst Studenten aus den armen westlichen Entwicklungsländern in den Universitäten von Toledo oder Salerno. Wenn es uns schon nicht gelingt, uns wiederzuerkennen, wenn wir einander treffen, brauche es Strukturen für den dauernden Dialog, um den so nötigen zivilisierten Rahmen für die Verständigung über unsere Missverständnisse zu schaffen, zeigte sich Prinz Hassan überzeugt.

Um für alle akzeptabel zu sein, müsse ein universeller Normenkatalog die verschiedenen gesetzlichen und religiösen Traditionen berücksichtigen. Wenn das gelingt, werde die Globalisierung als "Universalisierung" akzeptiert werden - als
ein Weg, jede Tradition zu modernisieren und zu erweitern,
während sie ihren Wurzeln treu bleibt. Jede Tradition werde entdecken, dass die Herausforderungen, mit denen die Menschen
über die Jahrhunderte konfrontiert waren, in ähnlicher Weise beantwortet wurden. Wenn sie das tun, werden verschiedene Gesellschaften geneigt sein, den anderen als Bruder zu
akzeptieren, der dasselbe Schicksal teilt, und ihn nicht als potentiellen Feind oder als Barbaren ansehen. In diesem
Zusammenhang erinnerte Prinz Hassan an das Treffen der
"Organisation for Islamic Conference" und der Europäischen Union vor zwei Tagen in Istanbul, wo er die Ehre hatte, die Gründung eines Parlaments der Kulturen anzukündigen, welches den internationalen und interregionalen Dialog auf einer kulturellen, nicht nur auf einer ökonomischen oder sicherheitspolitischen
Ebene fördern soll. In gleicher Weise hielt Prinz Hassan eine Erweiterung der SOCRATES/ERASMUS-Studienaustauschprogramme für wünschenswert; bei einem Besuch in den USA im Laufe dieses Jahres werde er die Frage des US-Images im Ausland mit einer Reihe von amerikanischen humanitären Organisationen zur Sprache bringen. Es sei an der Zeit, unsere mittelalterlichen Missverständnisse übereinander endgültig hinter uns zu lassen.

Prinz Hassan bin Talal beschrieb den Islam mit dessen fünf
Säulen: dem Bekenntnis zu dem einen Gott, dessen Prophet Mohammed ist; der Pflicht zum fünfmaligen täglichen Gebet; dem Almosengeben; dem Fasten im Ramadan und - wenn möglich - der Pilgerreise nach Mekka, der heiligsten Stadt des Islam mit dem Schrein, den Mohammed für den einen Gott erbaut hat. Und er
nannte die Tugenden, die die Moslems schätzen, die Zurückhaltung, den gerechten Handel, die Nächstenliebe, die Geduld und die Frömmigkeit.

Da die Christen glauben, Gott habe sich den Menschen in Gestalt
Jesu Christi selbst geoffenbart, habe man in Europa fälschlicherweise angenommen, Mohammed nehme im Islam eine vergleichbare Rolle ein. Tatsächlich wird er als ein Prophet verehrt, der ganz menschlich ist. Jesus wird im Islam als Prophet und als Vorgänger Mohammeds hoch geachtet und im Koran und in der muslimischen Tradition wird des öfteren auf seine Heiligkeit
Bezug genommen. Trotzdem gilt er den Moslems als ein Mensch. Dem Moslem offenbart sich Gott nicht durch eine Person, sondern durch die Worte des Heiligen Koran.

Mit einer Jesus-Erzählung aus der islamischen Tradition kam Prinz Hassan bin Talal zum Schluss seines Vortrages: Jesus habe einen
Mann getroffen und ihn gefragt, was er tue. - "Ich diene Gott",
habe der Mann geantwortet. Jesus habe weitergefragt: "Wer sorgt
für Dich?" - Und als der Mann antwortete: "Mein Bruder", habe
Jesus gesagt: "Dein Bruder dient Gott mehr als Du".

Die drei abrahamitischen Religionen, Judentum, Christentum und
Islam haben sehr vieles gemeinsam, resümierte Prinz Hassan bin Talal. Alle drei verehren Abraham und beanspruchen ihn für sich. Vielleicht ist es Zeit, sich an das Beispiel des weisen Mannes
Noah zu erinnern - dessen Geschichte wir ebenfalls gemeinsam
haben - um herauszufinden, wie es zu schaffen ist, ein sicheres
Heim für jede Art von Lebewesen, ein sicheres Schiff auf den
Wellen zu bauen. (Schluss)

Rückfragen & Kontakt:

Eine Aussendung der Parlamentskorrespondenz
Tel. +43 1 40110/2272, Fax. +43 1 40110/2640
e-Mail: pk@parlament.gv.at, Internet: http://www.parlament.gv.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | NPA/08