- 14.02.2002, 20:51:59
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PRINZ HASSAN BIN TALAL - EIN BEITRAG ZUM DIALOG DER KULTUREN Über das Gemeinsame von Christen, Juden und Moslems=
Wien (PK) - Auf Einladung der Österreichischen Parlamentarischen
Gesellschaft hielt Prinz Hassan bin Talal von Jordanien heute
Abend im Plenarsaal des Nationalrates einen Vortrag in englischer
Sprache, der dem Ziel galt, einige "Europäische Missverständnisse
über den Islam" auszuräumen.
Nationalratspräsident Heinz Fischer begrüßte den Gast und das
prominente Publikum herzlich und erinnerte an die neuen Themen,
die mit dem 11. September 2001 aufgetaucht seien, sowie daran,
dass es sich als ungeheuer wichtig herausgestellt habe, den
Dialog zu diesen Fragen über die Grenzen des Kulturkreises hinaus
zu führen. Zu seiner Freude habe Prinz Hassan bin Talal seine
Einladung zu einem Vortrag im österreichischen Parlament
angenommen, sagte der Nationalratspräsident und stellte seinen
Gast als einen Mann vor, der seit Jahrzehnten auf der politischen
Bühne Jordaniens wie im internationalen Diskurs tätig sei, der
das "Arabische Jugendforum" begründet habe, der eng mit den
Vereinten Nationen zusammenarbeitet und derzeit die
Präsidentschaft des Club of Rome innehat. Prinz Hassan bin Talal
hat in Oxford studiert und für seine wissenschaftlichen
Leistungen zahlreiche Auszeichnungen erhalten, unter anderem auch
von katholischen Fakultäten, sagte Heinz Fischer.
Auf der Suche nach den Ursprüngen der europäischen
Missverständnisse über den Islam ging Prinz Hassan bin Talal weit
zurück in die Geschichte, bis zu Hieronymus, dem christlichen
Gelehrten, der im vierten Jahrhundert in der Nähe von Bethlehem
die "Vulgata" schuf, jene lateinische Bibelübersetzung aus
hebräischen, griechischen und aramäischen Quellen, die den
Europäern für tausend Jahre als Standardtext ihres Glaubensbuches
diente. In den Kommentaren, die Hieronymus seinem Werk beifügte,
war von jenen wilden Nomaden aus der syrischen Wüste die Rede,
vor deren Räubereien sich die sesshaften Christen fürchteten.
Hieronymus nannte sie Sarazenen und beschrieb sie - lange vor
Mohammed und der Begründung des Islams - als Inbegriff der
heidnischen Feinde der Christenheit.
Prinz Hassan beschrieb dann die durchaus vergleichbaren
Verhältnisse, die im heutigen österreichischen Gebiet und auf der
arabischen Halbinsel vor der Christianisierung bzw. vor Mohammed
herrschten. Hier wie dort hätten Stammestreue, Kriegstüchtigkeit
und Kampf gegen Fremdherrschaft den Verhaltenskodex der
polytheistischen Stämme - Germanen und Araber - bestimmt. Etwa
zur selben Zeit im siebenten Jahrhundert, als der Prophet
Mohammed in der arabischen Wüste den monotheistischen Islam
predigte, habe Augustinus im Auftrag von Papst Gregor den
Angelsachsen das Christentum gebracht, die es später unter den
anderen germanischen Stämmen verbreiteten.
Nach dem Koran gab es nur einen Gott. Gerechtigkeit und
Barmherzigkeit waren die vornehmsten Tugenden, Almosen geben eine
soziale Verpflichtung. Andere Religionen, insbesondere das
Christentum und das Judentum, mussten toleriert werden. Frauen
und Kinder erhielten das Recht auf Bildung und Erbe, Frauen zudem
besondere Rechte in der Ehe und im Falle der Scheidung. Solche
Werte existierten vor Mohammed weder in der arabischen noch in
irgendeiner anderen Gesellschaft, betonte Prinz Hassan.
Das Wort Islam bedeutet im Arabischen "Annahme", Moslems seien
jene, die sich selbst Gott unterworfen haben, wobei die Betonung
auf der freien persönlichen Wahl und auf dem Nebeneinander
unterschiedlicher Glaubensrichtungen liegt: Gott hätte leicht
dafür sorgen können, dass alle Menschen nur an ihn glauben, er
wollte aber eine Menschheit aus verschiedenen Völkern und
Stämmen.
Am Ende des siebenten Jahrhunderts, als der Heilige Rupert den
christlichen Glauben in das Gebiet des heutigen Salzburg brachte,
verbreitete sich gleichzeitig in Europa die Nachricht von den
arabischen Eroberungen in Asien, Afrika und Europa, wobei die
christlichen Kommentatoren behaupteten, es handle sich um die
selben Sarazenen, über die Hieronymus in seinem bei den Christen
maßgeblichen Bibelkommentar berichtete. Seine feindseligen und
veralteten Behauptungen wurden nun auf die Moslems übertragen,
sagte Prinz Hassan mit Bedauern. Die mittelalterlichen Christen
hatten keine Chance, den Islam als ein neues religiöses Phänomen
zu erleben, weil sie glaubten, sie wüssten bereits Bescheid. Die
Vorurteile, Moslems wären gewalttätige, gesetzlose und nomadische
Wüstenbewohner, überlebten in westlichen Gesellschaften oft bis
heute. "Nur die Besucher meines Teiles der Welt wissen es
besser", hielt Prinz Hassan an dieser Stelle fest.
Es sei klar, dass manche nicht der humanitären Botschaft des
Koran
folgen, sondern diese Botschaft für eigene politische Zwecke
missbrauchen. Die Medien verbreiten dann das falsche Bild eines
Islams, der Gewalt und Aggression predige. Andernorts lassen
politische oder ökonomische Faktoren die Regierung von einer
Politik der Vernunft abweichen. Fremde Ölinteressen und tiefes
Desinteresse an Wohlfahrt ließen die Kluft zwischen Arm und Reich
wachsen. Leistung werde in materiellem Wohlstand gemessen und
Handelsbarrieren behinderten die Entwicklung gerade jener Länder,
die sie am notwendigsten brauchen. Der jordanische Prinz klagte
über die Ungerechtigkeit in den besetzten Gebieten, die trüben
Zukunftsperspektiven der irakischen Kinder und wies auf die
Sorgen um die Stabilität in Afghanistan hin.
Die berechtigten Forderungen der Menschen verschwinden nicht,
wenn eine Regierung sie ignoriere, sie kommen wieder - auf der
Tagesordnung von Organisationen, die um öffentliche
Aufmerksamkeit werben. Armut, Verzweiflung und Ignoranz sein die
Brutstätten des Extremismus, der im Namen der Veränderung
allzuleicht zum Terrorismus wird. Gefragt sei
verantwortungsbewusstes Regieren mit klaren humanitären
Prioritäten. Transparenz und Verantwortlichkeit seien langfristig
die Basis für Sicherheit. Die Zustimmung zu bestehenden
internationalen Normen sei eine klare Botschaft: Wir ersuchen
dich, bei diesem Codex zu bleiben, weil wir das auch tun und weil
wir glauben, dass alle vor dem Gesetz gleich sind. Jedes andere
Verhalten führe zu Zynismus und Ärger.
In Jordanien werden die christlichen Minderheiten, die ihre Werte
der Freiheit und Würde hochhalten, als Mitglieder der
Gesellschaft respektiert. Die jordanischen Christen teilen den
Glauben an Christus mit den österreichischen Christen, aber sie
teilen auch die sozialen und kulturellen Werte der anderen
Jordanier. Sie unterstützen die Haschemitischen Könige von
Jordanien, die ihre Vorfahren auf Mohammed zurückführen, weil die
Haschemitische Monarchie ihre Identität immer bewahrte.
Österreichische Moslems teilen ihren Glauben an den Koran mit
jordanischen Moslems, aber sie sind österreichische Bürger,
unterstützt von der österreichischen Regierung, die ihrerseits
die Werte und die Kultur ihrer Gesellschaft unterstützt. Moslems
beweisen überall ihre Fähigkeit, für sie nicht traditionelle
Normen anzunehmen, wenn sie das wollen. Denn wer seine Identität
bewahren wolle, müsse sich mit zunächst fremd Erscheinendem
versöhnen und Ähnlichkeiten erkennen lernen.
Ein Teil der Lösung bestehe auch in der Erkenntnis innerer
Unterschiede. Das Christentum sei kein monolithisches Ganzes und
der Islam habe seine unterschiedlichen Schulen und Spielarten. Es
gibt vier Lehren des Sunnismus und zwei Lehren des Schiismus,
dazu kleinere Gruppen und die mystische Sufi-Tradition, die die
Verbindung mit anderen Religionen suchte und deren Mitglieder
ausdrücklich willkommen hieß, wie Prinz Hassan anhand von Versen
des großen islamischen Dichters Jalal du-Din Ar-Rumi belegte.
Der Dialog zwischen den Religionen sei wichtig, um irrationale
Ängste zu zerstreuen, er setze aber den angstfreien Dialog
innerhalb der Religionen voraus. Auch diese Auffassung belegte
Prinz Hassan mit Zitaten aus dem Koran, der vorschreibt, über
religiöse Fragen in einer liebenswürdigen Form zu sprechen und
jeden Zwang zu vermeiden. In diesem Zusammenhang warnte Prinz
Hassan vor der paradoxen Angst vor der Öffnung und vor dem
Frieden und wies pointiert darauf hin, dass die Kunst der
Konversation keine Kriegskunst sei.
Die Freiheit, Ideen zu äußern und Gespräche zu führen, sei ebenso
entscheidend wie die Grundsätze der Toleranz und des Pluralismus,
gepflegt von aufgeklärten Regierungen auf den Gebieten der
Erziehung, der Medien und der internationalen Beziehungen.
Nichts im Islam widerspreche den Grundsätzen der Demokratie, des
Pluralismus, der persönlichen Freiheit, gleichen Rechten oder
individuellem Erfolg. Prinz Hassan machte darauf aufmerksam, dass
es der Islam war, der viele Werte nach Arabien brachte, die heute
als das exklusive Eigentum westlicher entwickelter Länder
angesehen werden. Die islamische Kultur war lange führend in
Technologie, Kunst und Wissenschaft und vereinigte viele
unterschiedliche Völker und Glaubensrichtungen. So wie heute
Studenten aus den armen Ländern des Südens nach Heidelberg oder
Harvard gehen, lernten einst Studenten aus den armen westlichen
Entwicklungsländern in den Universitäten von Toledo oder Salerno.
Wenn es uns schon nicht gelingt, uns wiederzuerkennen, wenn wir
einander treffen, brauche es Strukturen für den dauernden Dialog,
um den so nötigen zivilisierten Rahmen für die Verständigung über
unsere Missverständnisse zu schaffen, zeigte sich Prinz Hassan
überzeugt.
Um für alle akzeptabel zu sein, müsse ein universeller
Normenkatalog die verschiedenen gesetzlichen und religiösen
Traditionen berücksichtigen. Wenn das gelingt, werde die
Globalisierung als "Universalisierung" akzeptiert werden - als
ein Weg, jede Tradition zu modernisieren und zu erweitern,
während sie ihren Wurzeln treu bleibt. Jede Tradition werde
entdecken, dass die Herausforderungen, mit denen die Menschen
über die Jahrhunderte konfrontiert waren, in ähnlicher Weise
beantwortet wurden. Wenn sie das tun, werden verschiedene
Gesellschaften geneigt sein, den anderen als Bruder zu
akzeptieren, der dasselbe Schicksal teilt, und ihn nicht als
potentiellen Feind oder als Barbaren ansehen. In diesem
Zusammenhang erinnerte Prinz Hassan an das Treffen der
"Organisation for Islamic Conference" und der Europäischen Union
vor zwei Tagen in Istanbul, wo er die Ehre hatte, die Gründung
eines Parlaments der Kulturen anzukündigen, welches den
internationalen und interregionalen Dialog auf einer kulturellen,
nicht nur auf einer ökonomischen oder sicherheitspolitischen
Ebene fördern soll. In gleicher Weise hielt Prinz Hassan eine
Erweiterung der SOCRATES/ERASMUS-Studienaustauschprogramme für
wünschenswert; bei einem Besuch in den USA im Laufe dieses Jahres
werde er die Frage des US-Images im Ausland mit einer Reihe von
amerikanischen humanitären Organisationen zur Sprache bringen. Es
sei an der Zeit, unsere mittelalterlichen Missverständnisse
übereinander endgültig hinter uns zu lassen.
Prinz Hassan bin Talal beschrieb den Islam mit dessen fünf
Säulen: dem Bekenntnis zu dem einen Gott, dessen Prophet Mohammed
ist; der Pflicht zum fünfmaligen täglichen Gebet; dem
Almosengeben; dem Fasten im Ramadan und - wenn möglich - der
Pilgerreise nach Mekka, der heiligsten Stadt des Islam mit dem
Schrein, den Mohammed für den einen Gott erbaut hat. Und er
nannte die Tugenden, die die Moslems schätzen, die Zurückhaltung,
den gerechten Handel, die Nächstenliebe, die Geduld und die
Frömmigkeit.
Da die Christen glauben, Gott habe sich den Menschen in Gestalt
Jesu Christi selbst geoffenbart, habe man in Europa
fälschlicherweise angenommen, Mohammed nehme im Islam eine
vergleichbare Rolle ein. Tatsächlich wird er als ein Prophet
verehrt, der ganz menschlich ist. Jesus wird im Islam als Prophet
und als Vorgänger Mohammeds hoch geachtet und im Koran und in der
muslimischen Tradition wird des öfteren auf seine Heiligkeit
Bezug genommen. Trotzdem gilt er den Moslems als ein Mensch. Dem
Moslem offenbart sich Gott nicht durch eine Person, sondern durch
die Worte des Heiligen Koran.
Mit einer Jesus-Erzählung aus der islamischen Tradition kam Prinz
Hassan bin Talal zum Schluss seines Vortrages: Jesus habe einen
Mann getroffen und ihn gefragt, was er tue. - "Ich diene Gott",
habe der Mann geantwortet. Jesus habe weitergefragt: "Wer sorgt
für Dich?" - Und als der Mann antwortete: "Mein Bruder", habe
Jesus gesagt: "Dein Bruder dient Gott mehr als Du".
Die drei abrahamitischen Religionen, Judentum, Christentum und
Islam haben sehr vieles gemeinsam, resümierte Prinz Hassan bin
Talal. Alle drei verehren Abraham und beanspruchen ihn für sich.
Vielleicht ist es Zeit, sich an das Beispiel des weisen Mannes
Noah zu erinnern - dessen Geschichte wir ebenfalls gemeinsam
haben - um herauszufinden, wie es zu schaffen ist, ein sicheres
Heim für jede Art von Lebewesen, ein sicheres Schiff auf den
Wellen zu bauen. (Schluss)
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