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"Presse"-Kommentar: Der Euro und die Gänsediebe (von Andreas Unterberger)=
Pressestimmen/Vorausmeldung/Europa
"Presse"-Kommentar: Der Euro und die Gänsediebe (von Andreas
Unterberger)
Ausgabe vom 8. Februar 2002
Man nehme ein Dutzend Gänsediebe und trage ihnen förmlich auf,
jeden aus ihrer Mitte zu ermahnen und bestrafen, der sich wieder am
Gefieder vergreift. Das Ergebnis ist vorhersehbar.
In Europa heißen Abkommen dieser Qualität "Stabilitätspakt". Zur
Sicherung der Stabilität des Euro sollte jede Regierung aus
Euroland, die undiszipliniert wirtschaftet, die zu viele Schulden
macht, von den anderen ermahnt und bei mangelnder Besserung bestraft
werden. Das Ergebnis war vorhersehbar. Und ist nun eingetreten.
Diesen Stabilitätspakt hatte einst Deutschland als Bedingung für
seine Euro-Teilnahme verlangt. Wenn man die D-Mark aufgibt, sollte
sichergestellt sein, daß auch der Euro stark ist. Nun ist es
ausgerechnet Deutschland, das als erster eine solche Mahnung
bekommen sollte. Die Regierung Schröder wird der Krise nicht Herr;
sie kommt zugleich aus den Schulden nicht heraus; sie hat vor allem,
so wie auch schon das Kohl-Team davor, die nötigen harten Sanierungs-
und Strukturmaßnahmen versäumt, die die Deutschen wieder aus ihrem
Wohlstands-Faulbett geholt und gezeigt hätten, daß es eine
Vereinigung mit einem bankrotten Ostdeutschland nicht ohne Schmerzen
geben kann. Die Konjunktur ist Pech, der Rest Eigenverschulden.
Kein Wunder, daß sich nun die (meisten) anderen Regierungen ins
Fäustchen lachen. Großzügig verzichten sie auf eine Ermahnung
Berlins. Und handeln sich dafür die Gewißheit ein, daß künftig auch
sie nicht mehr ermahnt oder bestraft würden. Wenn der einzige
potentielle Sittenwächter auf frischer Tat ertappt wird, feiern die
übrigen Gänsediebe Martini.
Gleichzeitig wird bekannt, daß der oberste Chef der Europäischen
Zentralbank künftig ein Franzose sein wird, also aus einem Land
kommt, dem Geldstabilität immer hinter politischen Opportunitäten
zweitrangig war.
Das alles ist fürs Vertrauen in den Euro eine Katastrophe -
besonders in Zeiten, da jeder, der Geld hat, das ohnedies lieber in
die USA trägt. Die EZB wird nun wohl, um diese Imagekrise zu
mildern, wieder auf schärferen Kurs gehen müssen. Was wieder die
ersten Anzeichen auf eine Wiederbelebung der Konjunktur killen
könnte.
Rückfragehinweis: Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
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