Bernd Marin: Selbstbehalt darf keine Glaubensfrage sein

Sozialforscher tritt für sozial verträglichen und fairen Steuerungseffekt im Gesundheitssystem ein

Wien (PWK013) - "Selbstbehalte haben einen Steuerungseffekt. Die Kostenexplosion kann dadurch zwar nicht in den Griff bekommen, aber zumindest gesteuert werden." So der Sozialforscher Prof. Dr. Bernd Marin heute bei der Initiative Gesundheitsplattform der Wirtschaftskammer Österreich zum Thema "Ein sicheres UND finanzierbares Gesundheitssystem - Wunschtraum ohne Realisierungschance?" in der WKÖ.

Für den bekannten Sozialforscher steht außer Zweifel, dass ein etwaiger Selbstbehalt sozial verträglich und fair sein müsse, d. h. sozial Schwächere und chronisch Kranke davon ausgenommen werden sollten. Marin: "Selbstbehalte dürfen keine Glaubensfrage sein." Der Wissenschafter wies besonders auf die Mindesthöhe eines Selbstbehaltes von 20 % hin, um effektiv zu wirken.

Bernd Marin zeigte sich überzeugt davon, dass eine gesunde Gesellschaft weniger Krankenhäuser brauche und daher die Anzahl der Krankenhäuser kein Zeichen für die Qualität eines Gesundheitssystems sei. Ebenfalls hingewiesen hat Sozialforscher Marin auf die wichtigen Einsparungseffekte der Prävention, die aber in Österreich unterentwickelt sei. Ebenso wie für ein gesamtheitliches, klug durchdachtes System an Selbstbehalten trat Marin auch für gerechte Beitragszahlungen von nicht berufstätigen Angehörigen statt der kostenlosen Mitversicherung ein. Dies würde den Krankenkassen über etliche Jahre erhebliche Mehreinnahmen in Milliardenhöhe bescheren. Kritik übte Marin an der derzeitigen Regelung.

Monika Riedel vom Institut für Höhere Studien (IHS) beschäftigte sich in ihrem Beitrag mit dem medizinisch technischen Fortschritt und den Gesundheitsausgaben. Riedel erläuterte dabei den Unterschied zwischen Innovationen im Gesundheitsbereich und anderen Wirtschaftsbereichen, wobei der medizin- technische Fortschritt im Gegensatz zu anderen Sparten nur in einem kleineren Bruchteil der Fälle ausgabensenkend wirke. So würden die meisten Gesundheitsleistungen nicht vom "Konsumenten" direkt bezahlt, sondern über eine Krankenversicherung. Daher hätten die Versicherten nur ein geringes Interesse an der Entwicklung preisgünstigerer Behandlungs- und Therapieformen. Aber auch auf Seiten der Anbieter sei die Attraktivität für Forschung höher, wenn das entwickelte Produkt zumindest kurzfristig eine Monopolsituation hervorrufen könne.

Der Geschäftsführer der Synermed GmbH Dr. Wolfgang Huber zeigte aus Sicht eines Krankenhausmanagers, welche Beiträge zur Optimierung des österreichischen Gesundheitswesens erbracht werden könnten. Gerade die Einführung modernster Managementmethoden führt zu einer Kostenreduktion. Beispielhaft nannte Huber die Konsenskultur, also die gute Zusammenarbeit zwischen Ärzten, Pflege und Management. Hier geht es um ein besseres Kostenbewusstsein, um erfolgreiche Ärzterekrutierung und das "Einweisernetzwerk" sowie um kostensparenden Einsatz der EDV und um Flexibilität gegenüber externen Strukturen. Allerdings wies Wolfgang Huber darauf hin, dass ein Kosteneinsparungspotential nur dann möglich sei, wenn ein Ziel formuliert wird und dieses Ziel, so Huber, "muss die Politik vorgeben". (MW)

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