"Presse"-Kommentar: Friedens-Missionare für Nahost (von Thomas Vieregge)

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"Presse"-Kommentar: Friedens-Missionare für Nahost (von Thomas Vieregge)

Ausgabe vom 4. Dezember 2001

Wien (OTS). Mit der Parole, die "Pforte zur Hölle" aufzustoßen, haben die Hamas-
Terroristen neues Unheil über das "heilige Land" gebracht. Sie haben ihr Versprechen wahr gemacht: Ein Inferno der Gewalt überzieht den schmalen Streifen zwischen Mittelmeer und dem Jordan - und könnte langfristig den gesamten Nahen und Mittleren Osten in Brand stecken. Doch was tun Ariel Scharon, Jassir Arafat und Konsorten? Sie zeigen die wohlbekannten Reflexe aus Droh-tiraden und Beteuerungen und drehen die Spirale der Gewalt weiter. Von einer neuen Attentatswelle durchgeschüttelt, schwört Israel blutige Rache. Es ist leicht absehbar, daß es damit nur Haß säen wird: Neue Anschläge werden die Früchte des Zorns sein, die Vergeltungsaktionen und Abriegelung der Palästinensergebiete unter den - zu allem entschlossenen -Aktivisten der radikalen islamistischen Gruppen hervorrufen werden. Selbstmordattentate, das sollten die Israelis aus leidvoller Erfahrung wissen, lassen sich so nicht verhindern. Im Gegenteil: Sie bereiten nur den Nährboden für neuen Terror.
Gewiß, angesichts der Eskalation fällt es schwer, kühlen Kopf zu bewahren anstatt eine Politik der heißen Herzen zu betreiben. Doch die Stimme der Vernunft dringt ohnedies seit langem nicht mehr zu den Verantwortlichen durch, die gefangen sind in einer manichäischen Weltsicht aus Gut und Böse, und die einander mit Schuldzuweisungen zu überschütten pflegen. Wo politische Phantasie gefragt wäre, dominieren bloß Ressentiments. Hardliner in der Regierung in Jerusalem haben wieder einmal vorgeschlagen, den ungeliebten Palästinenser-Präsidenten zu stürzen. Aber Wunschdenken ersetzt nun einmal nicht eine politische Perspektive - das gilt umgekehrt auch für die Gegenseite. Zu vertrackt ist die Situation, als daß Israelis und Palästinenser eine Lösung für ihre Völker finden könnten. Bleibt also nur die Hilfe von außen. Wie lange will die Welt noch dem Gemetzel im Nahen Osten zusehen? Wer zählt noch die Toten, die der tägliche Blutzoll fordert; all die bewaffneten "Zwischenfälle" zwischen Soldaten und Siedlern auf der einen Seite und palästinensischen Extremisten auf der anderen; die Kinder, die beim Spielen auf eine Mine treten? Sind all die Lippenbekenntnisse nach dem Schock des verhängnisvollen 11. September nur noch Schall und Rauch? Sie versprachen doch endlich ein beherztes Engagement für den virulenten Konflikt? Wer war da nicht aller in die Region gepilgert -allen voran die Europäer Tony Blair und Joschka Fischer, die mit salbungsvollen Reden Balsam auf die Wunden legten.
Wer allerdings die realen Kräfteverhältnisse kennt, weiß, daß nur die USA in der Lage sind, genug Druck auf die widerborstigen Partner auszuüben. Und US-Präsident George W. Bush sollte um den Ernst der Lage im Nahost-Konflikt eigentlich Bescheid wissen - er müßte nur die Reden seiner Ghostwriter studieren. Oder sich an der Politik seines Vaters ein Beispiel nehmen, die er ja sonst oft und gerne kopiert.
Unter dem Postulat einer neuen Weltordnung hatte Bush senior nach dem Golfkrieg 1991 die Streitparteien in Madrid an den Verhandlungstisch gezwungen - und der ersten Intifada die Spitze genommen. Die Gespräche mündeten im Friedensprozeß von Oslo - und dem Beginn der palästinensischen Selbstverwaltung. Es wäre jetzt auch wieder hoch an der Zeit für einen großen Wurf, für einen internationalen Kraftakt, kurzum: für eine Nahost-Konferenz auf neutralem Boden. Eine Kompromißpapier läge schon auf dem Tisch: der Mitchell-Bericht. Es braucht nur noch die rechten Missionare, die mit Engelszungen die Ungläubigen zum Frieden bringen. Normale Emissäre hat der Nahe Osten nämlich zur Genüge gesehen.

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