ÖGB-Zukunftskonferenz beschäftigt sich mit dem Thema Bildung

Erstes Referat zu "Herausforderungen für das österreichische Bildungssystem"

Salzburg (ÖGB). 150 TeilnehmerInnen fanden sich heute, Donnerstag im Salzburger Brunauer-Zentrum ein, um im Rahmen der dritten Konferenz der ÖGB-Veranstaltungsreihe "startschuss.zukunft" über das Thema Bildung zu diskutieren. Als erster Programmpunkt des Tages stand nach der Begrüßung der KonferenzteilnehmerInnen durch ÖGB-Präsident Fritz Verzetnitsch und Vizepräsident Fritz Neugebauer, der den Vorsitz dieser Konferenz übernahm, ein Referat von Kurt Mayer vom Institut für Höhere Studien zum Thema "Bildung für die Wissensgesellschaft - Herausforderungen für das österreichische Bildungssystem" am Plan.++++

Mayer meinte einleitend, die wesentlichen Problemlagen der österreichischen Bildungspolitik und des Bildungssystems seien vor dem Hintergrund fundamentaler sozioökonomischer und gesellschaftspolitischer Veränderungen zu sehen, die mehr oder weniger in allen OECD Staaten Platz greifen. "Seit den späten 70er Jahren zeichnet sich ein Umbruch von der 'fordistischen' Industriegesellschaft hin zu einer wissensbasierten Gesellschaft ab, deren politische und ökonomische Eckpunkte jedoch noch weitgehend unbestimmt und umkämpft sind. Fest steht allerdings, dass Bildungssysteme und die Bildungspolitik angesichts dieses Übergangs vor völlig neuen Herausforderungen stehen", so Mayer.

Vor dem Hintergrund von Internationalisierungsprozessen und in Zusammenhang mit der rasanten Entwicklung und Verbreitung der Informations- und Kommunikationstechnologien, seien in den 80er und 90er Jahren der Umgang mit Information und ihrer Verwandlung in Wissen durch permanente Innovations- und Lernprozesse zu zentralen Aspekten des wirtschaftlichen Erfolgs einerseits und der gesellschaftlichen Integration andererseits geworden. "In der Wissensgesellschaft steht Innovation im Zentrum der Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen. Korrespondierend dazu stehen Lernkompetenz, Grundkompetenzen und die Fähigkeit und Möglichkeit zu lebenslangem Lernen im Zentrum der Beschäftigungsfähigkeit und der Lebenschancen als Individuen", erklärte Mayer.

Diese neuen Anforderungen and Qualifikations- und Kompetenzentwicklung würden auch die Bildungssysteme vor völlig neue Herausforderungen stellen, erstens auf Ebene des direkten Lernprozesses, zweitens auf Ebene der im Bildungssystem tätigen Akteure (Schulen, Universitäten, Firmen, halböffentliche und private Bildungsträger) und drittens auf Ebene der institutionellen und rechtlichen Rahmenbedingungen.

Das österreichische Bildungssystem weist für Mayer unumstritten Stärken auf: einen hohen Grad an Inklusion und einen geringen Anteil der Bevölkerung ohne Berufsausbildung; insbesondere auf Ebene der mittleren Qualifikationen mit der Lehre als wesentlichen Bestandteil; flächendeckender Ausbau des Ausbildungssystems mit klaren Karrierepfaden; hohe Transparenz der Abschlüsse in der Erstausbildung; hoher Konsens über die öffentliche Verantwortung von Bildung und Ausbildung insbesondere im Bereich der Jugendlichen und eine starke Einbindung der Sozialpartner in die Lehrlingsausbildung.

Diesen Stärken stehen für Mayer jedoch unzweifelhaft Schwächen gegenüber. Wesentliche Schwächen liegen dabei im Bereich der Beziehungen zwischen dem betrieblichen Innovationsverhalten und dem Qualifizierungssystem (für eine innovationsorientierte Bildungspolitik muss die Frage der Kooperation zwischen dem Bildungswesen und den Unternehmen eine Schlüsselfrage darstellen). Weiters scheint das System der Lehrlingsausbildung nicht in der Lage zu sein, aus sich heraus die mit dem Übergang zur Wissensgesellschaft verbundenen Prozesse der Höherqualifizierung zu generieren. Durch die starke Umschichtung der Qualifikationsentwicklung von der Lehre zu den BHS droht die Lehre noch stärker an den unteren Rand der Hierarchie in der oberen Sekundarstufe zu driften.

Weitere Probleme sieht Mayer in den langen Planungs- und Dispositionsspielräumen seitens der Schulverwaltung im Bereich der BHS, in den geringen Anreizen von finanziellen und rechtlichen Restriktionen der Schulen bei der Entwicklung von eigenständigen Schulprofilen und den gravierenden quantitativen und qualitativen Problemen auf Hochschulebene. Mayer: "Zwei Lösungsstrategien sollten hier diskutiert werden. Erstens der Ansatz der Modularisierung auf Ebene des Dualen Systems um den Anforderungen der Wissensgesellschaft nach flexiblen Berufsprofilen nachzukommen und der Marginalisierung der Lehre angesichts der massiven Drift zu den BHS gegenzusteuern. Und zweitens das Modell der 'lernenden Organisation' der Schule auf Ebene der oberen Sekundarstufe um einerseits Flexibilitätsreserven und Gestaltungsressourcen auf Ebene der einzelnen Schulen besser zu nutzen und andererseits einer möglichen neoliberal inspirierten Privatisierung des Schulwesens ein aktives Alternativmodell entgegenzuhalten." (aw)

ÖGB, 29. November 2001
Nr. 1028

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