"Neue Kärntner Tageszeitung" Kommentar: Harry Potter in infantiler Welt

Ausgabe vom 27.11.2001

Nach dem Rekordstart in den USA und nun auch in Europa bleibt vorläufig die Frage offen: Schlägt "Harry Potter" (der Film) nun wirklich sämtliche Rekorde? Alle Anzeichen sprechen ja dafür; die "Titanic" dümpelt jedenfalls, wenn wir der Filmindustrie Glauben schenken dürfen, längst schon im Kielwasser des Zauberlehrlings dahin.

Warum löst ein Kinderfilm einen derart gigantischen Erfolg aus? Darüber diskutieren die Gelehrten. Erholung von anstrengender Fachsimpelei bietet ihnen ein zauberhaftes Quidditch-Match. Jawohl:
"Harry Potter" ist nicht nur ein Kinderfilm; er appelliert nicht weniger stark an das Kind im Manne, in der Frau. Kein Wunder, wird doch die Gesellschaft - trotz allen Fortschritts oder eben deswegen -immer infantiler. Beispiel: Sommerlicher Idiotenlook - gestandene Mannsbilder kreuzen mit halblangen Hosen auf, wie sie Hans im Glück getragen haben mag. Kevin und Pascal, in einem unserer Kindergärten residierend, kleiden sich wesentlich seriöser.

Der Potter entschwundener Tage hieß Old Shatterhand, Winnetou, Peter Pan. Neu ist die oben erwähnte Globalisierung eines Kinderhelden und eine geradezu monströse, jedes Maß sprengende Vermarktung. Harry Potter - Bücher wie Film - haben Dauerhits wie "Die unendliche Geschichte" und "Heidi" um 50 Prozent überflügelt. Unsereins bleibt eine Art beruhigende Gewissheit: Die zwischen 1812 und 1815 von den Gebrüdern Grimm herausgegebenen Märchen sind nach wie vor über jeden "Angriff" erhaben. "Hänsel und Gretel" schlagen also doch alles.

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