- 26.11.2001, 18:12:46
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"Neue Kärntner Tageszeitung" Kommentar: Harry Potter in infantiler Welt
Ausgabe vom 27.11.2001
Nach dem Rekordstart in den USA und nun auch in Europa bleibt
vorläufig die Frage offen: Schlägt "Harry Potter" (der Film) nun
wirklich sämtliche Rekorde? Alle Anzeichen sprechen ja dafür; die
"Titanic" dümpelt jedenfalls, wenn wir der Filmindustrie Glauben
schenken dürfen, längst schon im Kielwasser des Zauberlehrlings
dahin.
Warum löst ein Kinderfilm einen derart gigantischen Erfolg aus?
Darüber diskutieren die Gelehrten. Erholung von anstrengender
Fachsimpelei bietet ihnen ein zauberhaftes Quidditch-Match. Jawohl:
"Harry Potter" ist nicht nur ein Kinderfilm; er appelliert nicht
weniger stark an das Kind im Manne, in der Frau. Kein Wunder, wird
doch die Gesellschaft - trotz allen Fortschritts oder eben deswegen -
immer infantiler. Beispiel: Sommerlicher Idiotenlook - gestandene
Mannsbilder kreuzen mit halblangen Hosen auf, wie sie Hans im Glück
getragen haben mag. Kevin und Pascal, in einem unserer Kindergärten
residierend, kleiden sich wesentlich seriöser.
Der Potter entschwundener Tage hieß Old Shatterhand, Winnetou, Peter
Pan. Neu ist die oben erwähnte Globalisierung eines Kinderhelden und
eine geradezu monströse, jedes Maß sprengende Vermarktung. Harry
Potter - Bücher wie Film - haben Dauerhits wie "Die unendliche
Geschichte" und "Heidi" um 50 Prozent überflügelt. Unsereins bleibt
eine Art beruhigende Gewissheit: Die zwischen 1812 und 1815 von den
Gebrüdern Grimm herausgegebenen Märchen sind nach wie vor über jeden
"Angriff" erhaben. "Hänsel und Gretel" schlagen also doch alles.
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