Ursachen der Fremdenfeindlichkeit in Österreich: Autoritarismus und Antisemitismus

Innsbruck (OTS) - Seit dem Fall der Berliner Mauer ist in ganz Europa ein Ansteigen von Fremdenfeindlichkeit (Xenophobie), Rassismus, Nationalismus und Ausgrenzungsbereitschaft zu beobachten. Daher untersuchte Ass.Prof. Dr. Günther Rathner von der Universität Innsbruck Fremdenfeindlichkeit und deren Ursachen in einer repräsentativen Stichprobe der österreichischen Bevölkerung. 2000 Österreicherinnen und Österreicher im Alter von 15 bis 75 Jahren wurden persönlich interviewt. Die verwendeten Fragebögen erfaßten einerseits Fremdenfeindlichkeit und Ausländerablehnung, andererseits deren mögliche Ursachen wie Autoritarismus, autoritäre Reaktion, rigides Verhalten, Rechtsextremismus, Pseudopatriotismus, Revanchismus und Nationalismus sowie persönliche und wirtschaftliche Verunsicherung. Gerade in Österreich wurde es für nötig gehalten, die Rolle des Antisemitismus in der Entstehung von Fremdenfeindlichkeit zu berücksichtigen.

Diese Studie zeigte, daß ein Viertel der ÖsterreicherInnen eindeutig nicht fremdenfeindlich ist, ein weiteres Viertel ist "neutral" und fast die Hälfte zeigen eine hohe (22 %) oder sehr hohe (26 %) Fremdenfeindlichkeit. Zählt man die "Neutralen" zu den Nicht-Fremdenfeindlichen, so ergibt sich das Bild einer in der Mitte gespaltenen Gesellschaft: Die eine Hälfte ist fremdenfreundlich bis gemäßigt, die andere Hälfte fremdenfeindlich.

Der Kern des Autoritarismus ist autoritäre Unterordnung ("tun was verlangt wird"), autoritäre Aggression ("nach unten treten") und Konventionalismus. In dieser Studie wurden erstmals bei österreichischen Frauen und Männern die California F-Skala (Adorno) und andere Autoritarismus-Kurzskalen eingesetzt. Zusammengefaßt ist knapp die Hälfte der ÖsterreicherInnen nicht autoritär, ein knappes Drittel ist mäßig autoritär und ein Viertel sehr stark autoritär.

In der Rechtsextremismus-Skala (z.B. "Hitlers Fehler war der Zweite Weltkrieg, ansonsten waren die Nationalsozialisten vernünftige Leute.") ist die Hälfte der Befragten eindeutig nicht rechtsextrem, ein knappes Viertel zeigen einen niedrigen Rechtsextremismus. Allerdings ist fast jeder zehnte Österreicher als rechtsextrem einzustufen: 6 % geben einen hohen und 3 % einen sehr hohen Rechtsextremismus an. Dazu kommen noch einer von sechs Österreichern (17 %), die sich auf dieser Rechtsextremismus-Skala "neutral, untentschieden" zeigen, damit also zum Rekrutierungspotential des Rechtsextremismus gehören, da sie sich "neutral" gegenüber massiv antidemokratischen Einstellungen verhalten. Somit kann jeder vierte Österreicher als rechtsextrem oder als sehr empfänglich für rechtsextreme Einstellungen bezeichnet werden.

Beim Antisemitismus wurden auch subtile Formen erfaßt (z.B. "Durch ihr Verhalten sind die Juden an Verfolgungen nicht ganz unschuldig."), denn offenkundiger Antisemitismus unterliegt heute einer gewissen Verfälschung. Dennoch ist das Bild des Antisemitismus in Österreich über ein halbes Jahrhundert nach dem Holocaust eindeutig: Fast die Hälfte der 15-75jährigen Österreicher sind nicht oder nur leicht antisemitisch. Ein Drittel kann als moderat antisemitisch bezeichnet werden. Jeder fünfte Österreicher ist stark (14 %) oder sehr stark (6 %) antisemitisch.

Dieses Muster von Fremdenfeindlichkeit, Autoritarismus und Antisemitismus ist in größeren Städten weniger häufig anzutreffen. Übersteigerter Nationalstolz, Pseudopatriotismus ("Österreicher sind besser als die Bewohner anderer Länder.") und Revanchismus ("Südtirol sollte wieder zu Österreich kommen.") sind mit Fremdenfeindlichkeit verknüpft.

Die Analyse der Ursachen von Fremdenfeindlichkeit ergab, daß folgende Faktoren in abnehmender Bedeutung Fremdenfeindlichkeit voraussagen: Autoritarismus ist die wichtigste Ursache. Es folgen Antisemitismus, höheres Alter, große persönliche Verunsicherung und die politische Selbsteinstufung eher rechts bis rechts. Die nächsten Faktoren sind Pseudopatriotismus, Rechtsextremismus, geringere Schulbildung und rigides Verhalten. Schließlich ist noch die große wirtschaftliche Verunsicherung zu erwähnen. Diese eindeutigen Ergebnisse bieten verschiedene Ansatzpunkte für eine Veränderung der Situation.

Keine Vorhersagekraft für Fremdenfeindlichkeit haben Gemeindegröße, bevorzugte politische Partei (ein Detail: SPÖ- und ÖVP-Nahe zeigen gleiche Werte auf vielen Skalen!), Beruf, Einkommen, Geschlecht, politische Richtung der Eltern und politische Informiertheit.

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Ass.Prof. Dr. Günther Rathner
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