• 13.10.2001, 17:14:05
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"Kleine Zeitung"-Kommentar: "Die Folgen des Handstreichs" (Von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 14. Oktober 2001

Graz (OTS) - Morgen geht die Urabstimmung unter den 1,4 Millionen
ÖGB-Mitgliedern zu Ende. Noch vor dem Auszählen der Stimmen steht
bereits fest, dass die Beteiligung von 50 Prozent, die sich Fritz
Verzetnitsch als Latte gelegt hat, erreicht worden ist.

Ganz einfach deshalb, weil fast die Hälfte aller
Gewerkschaftsmitglieder am Arbeitsplatz den Stimmzettel ausfüllen
konnte. Die Eisenbahner haben schon nach einer Woche mitgeteilt,
dass bei ihnen die Urabstimmung mit einer nahezu lückenlosen
Beteiligung abgeschlossen wurde. Ähnliche Erfolgsmeldungen kamen
auch aus straff durchorganisierten Großbetrieben der Industrie.

Nur dort, wo keine Betriebsräte als Stimmeneinsammler auftraten, war
das Interesse flau. Das lag daran, dass alles, was schief gehen
konnte, auch schief gegangen ist. Der Gagenskandal bei der Post war
ein Schuß ins eigene Knie. Nicht allein deswegen, weil sich ein
Klüngel roter und schwarzer Bonzen fette Gehaltserhöhungen
zuschanzte, sondern vor allem wegen des Eindrucks, dass die obersten
Personalvertreter ein Schweigegeld für die geräuschlose Schließung
hunderter Postämter kassieren wollten.

Knapp vor dem Beginn der dreiwöchigen Urabstimmung wurde die Welt
vom Terror in New York erschüttert. Die Schreckensbilder der
brennenden Wolkenkratzer beherrschten das Denken und Fühlen der
Menschen. Alle anderen Themen wurden an den Rand gedrängt. Die
Ambulanzgebühren, über die man sich zuvor geärgert hat, waren
plötzlich zweitrangig.

In die Schlussphase platze schließlich die Nachricht von der
Elefantenhochzeit der Metaller und der Angestellten. Wer den
Fragebogen noch nicht ausgefüllt hatte, musste sich gefrotzelt
fühlen.

Man durfte zwar über die Beibehaltung der Pflichtversicherung oder
den Anspruch auf Abfertigung abstimmen und sich für die Stärkung der
Sozialpartnerschaft aussprechen, wurde aber durch die Vereinigung
der beiden größten Fachgewerkschaften vor vollendete Tatsachen
gestellt. Auch der Gedanke, dass es dem ÖGB-Präsidenten nicht besser
ergangen ist, war kein Trost. Deutlicher konnten Rudolf Nürnberger
und Hans Sallmutter, die im kleinsten Kreis die Fusion ausgeschnapst
hatten, gar nicht ausdrücken, was sie von Verzetnitschs Urabstimmung
halten.

Stünde hinter dem Zusammenschluss wirklich nur das Ziel, alle
Beschäftigten eines Betriebes in einer einzigen Gewerkschaft zu
erfassen, hätten Nürnberger und Sallmutter nicht handstreichartig
vorgehen müssen. Über das Industriegruppenprinzip wird seit vielen
Jahren diskutiert. Durch die Fusion würde aber die Verkäuferin im
Supermarkt und der Buchhalter in der Bank zur Kollegin und zum
Kollegen in der Metallgewerkschaft. Viele Fragen sind unbeantwortet.
Zum Beispiel jene, wie lange es noch getrennte Arbeiter- und
Angestelltenbetriebsräte gibt.

Organisationen und Traditionen, die sich über Jahrzehnte gehalten
haben, wurden über Nacht zu Grabe getragen. Der ÖGB, der einem
schlafenden Riesen glich, muss die Folgen der Fusion erst verdauen.
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Rückfragehinweis: Kleine Zeitung

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