DER STANDARD-Kommentar: "Glattrasiert gegen Bart: In der Propagandaschlacht im arabischen Raum herrscht Waffengleichheit" (von Gudrun Harrer) - Erscheinungstag 11.10.2001

Wien (OTS) - Tony Blair hat es schon getan, und George W. Bush
wird es auch tun. Die in Katar ansässige TV-Station al-Jazeera hat bereits um ein Interview beim US-Präsidenten angesucht und wird es wohl bekommen. Die Lufthoheit über Afghanistan haben die Amerikaner nach eigener Aussage bereits, die Schlacht um den Äther im arabischen und islamischen Raum ist gerade entbrannt. Und ganz im Gegensatz zur militärischen Seite in diesem Konflikt herrscht da plötzlich beinahe Waffengleichheit.

Bediente CNN während des Golfkriegs die ganze Welt mit nach westlich/nördlichem Geschmack zusammengebrauten Nachrichten - jedes Abgehen davon wurde dem Sender als Kapitulation vor der irakischen Propaganda ausgelegt -, so funkt diesmal eine andere Stimme lautstark dazwischen. Das wäre ja so schlecht nicht, ist man nach den Golfkriegserfahrungen versucht zu sagen - wenn es nicht ausgerechnet die Stimme Osama Bin Ladens, des Auftraggebers der Massenmorde vom 11. September, wäre. Die erste (halbwegs) freie Fernsehstation in der arabischen Welt wird dazu benützt, die unfreieste aller Botschaften zu verkünden.

Dass sich radikale Islamisten der demokratischen Infrastruktur -Medien, Wahlen, was auch immer - bedienen, die sie bei Erreichen ihrer Ziele sofort abschaffen würden, ist natürlich nichts Neues. Al-Jazeera spielt da eine zwiespältige Rolle, für die der Sender an und für sich vielleicht nicht einmal etwas kann: Es ist eine traurige Tatsache, dass oppositionelle Meinungsäußerungen - und dafür steht al-Jazeera - in der arabischen Welt fast immer israelfeindlich, meistens islamistisch und oft irakfreundlich ausfallen, all das eben, was jene arabischen Regierungen, welche mit dem Westen ein halbwegs gutes Verhältnis pflegen, vordergründig nicht sind. Osama Bin Laden ist nichts anderes als eine schreckliche Überhöhung dieser Tendenz.

Und dann kommt noch der sensationelle journalistische Coup dazu -auch CNN nicht und keine andere unabhängige Fernsehstation hätte die al- Jazeera zugespielten Videobänder einfach dankend abgelehnt. Geschäft ist Geschäft, wenigstens das brauchen Osten und Westen nicht voneinander zu lernen. Al-Jazeera hat auch Exklusivrechte am Krieg in Afghanistan - ganz wie weiland CNN in Bagdad, mit dem Unterschied, dass sich die westlichen Fernsehstationen ihren Ton zu den Jazeera-Bildern schon deshalb selbst produzieren müssen, weil die Originalversion fürs westliche Publikum, gelinde gesagt, etwas irritierend wäre.

Die US-Regierung übt sich derweil in Intervention - nicht zum erstenmal, denn schon 1998 hatte Jazeera-TV Washington verärgert, indem es das Interview mit Bin Laden wieder und wieder ausstrahlte. Heuer brachte es exklusiv die Bilder von der Hochzeit von Bin Ladens Sohn. Mit der in Afghanistan sendenden Voice of America (VoA) hat es die US-Regierung da leichter: Auf Druck des State Departments strahlte die Radiostation im September ein Interview mit Taliban-Führer Mullah Omar nicht aus, sondern brachte nur Zitate in einer längeren Reportage eingebettet.

Die Befindlichkeit von VoA ähnelt übrigens der von Jazeera: nominell unabhängig, aber von der Regierung gesponsert. Dieser Logik folgend versuchte US-Außenminister Colin Powell vorige Woche den katarischen Emir und Jazeera-Finanzier Scheich Hamad in die Pflicht zu nehmen -der die Anstrengung untergrub, indem er seinerseits mit dieser Episode an die Öffentlichkeit ging.

Also wird George W. Bush und anderen westlichen Politikern nichts anderes übrig bleiben, als die Propagandaschlacht mit anderen Mitteln aufzunehmen: Tatsächlich könnten sich die Klagen des Chefs des Jazeera-Büros in Washington, dass es beinahe unmöglich sei, an amerikanische Offizielle zu kommen, bald aufhören.

Wie gesagt, den bärtigen Gesandten Osamas hat am Montag bereits Großbritanniens Premier sein glattrasiertes Antlitz entgegengesetzt. Weitere werden folgen.

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