ORF-Dreharbeiten zu Doderer-Verfilmung "Die Wasserfälle von Slunj":

Peter Patzak verfilmt ein Stück "Literatur seiner Jugend"

Wien (OTS) - Schloss Enzesfeld, etwa 40 Kilometer südlich von
Wien: Dort findet seit 6. August 2001 der Großteil der Dreharbeiten zur ORF-Verfilmung des Heimito-von-Doderer-Romans "Die Wasserfälle von Slunj" statt, die Peter Patzak im Auftrag der ORF-Hauptabteilung Kultur inszeniert. Der 1963 erstmals erschienene Gesellschaftsroman Doderers zählt zu den größten der österreichischen Nachkriegszeitliteratur und erzählt von einer ausgehenden Epoche und großem Aufbruch.

Peter Patzak: "Literatur meiner Jugend"
Die Hauptrollen hat Regisseur Peter Patzak mit hochkarätigen Darstellern besetzt: Karl Markovics, Edgar Selge, Karin Giegerich und Alan Cox - Sohn des schottischen Hollywood-Schauspielers Brian Cox, der selbst auch schon mit internationalen Größen wie Vanessa Redgrave und Hugh Grant spielte - stehen noch bis Anfang September vor der Kamera. "Die 'Wasserfälle von Slunj' gehören zur Literatur meiner Jugend" erzählt Patzak bei einem Pressetermin am Set, der gestern, Mittwoch, 29. August 2001, stattfand. "Das war die aktuelle Literatur der sechziger Jahre, die ich mit viel Freude über die Sprache und die feine Detailarbeit gelesen habe. Ich musste sie auch gar nicht selbst entdecken, weil sie mir direkt ins Haus gebracht wurde, und zwar vom Maler Albert Paris Gütersloh, der ab und zu zu Gast war", erinnert sich Patzak an seine Jugendzeit. "Die Achse Güterloh/Doderer ist ja allgemein bekannt."
Zur Verfilmung von Doderers Werk, das der Dichter selbst - trotz "Strudlhofstiege" - als seinen gelungensten Roman ansah, sagt Patzak:
"Man muss Doderers Vorlage benutzen wie einen Steinbruch: Das heißt, die einzelnen Steine sammeln und zusammentragen und die zahlreichen Handlungsstränge zu einem Ganzen zusammenbauen und verdichten. Auf Grund der beachtlichen Vielschichtigkeit des Romans besteht die Gefahr, nicht an die Sache selbst heranzukommen und diese in der richtigen Qualität rüberzubringen. Das Herausschälen des Kernthemas -den Aufbruch in die Industrialisierung, den man als Aufbruch in die Globalisierung verstehen muss -, das ist die große Herausforderung für mich an dieser Verfilmung." Das Drehbuch zum Film, der laut Patzak kein Historienfilm werden soll, stammt vom Wiener Autor Alfred Paul Schmidt. "Von der Erzählenergie her wird das ein sehr moderner, sehr heutiger Film, nicht im Salonrhythmus. Die Details sind zwar historisch genau, die Fakten stimmen, auch die Kostüme, die Frisuren, die Maske. Dennoch darf man sich keinen Historienfilm erwarten", so Patzak.

Verzaubert von Doderer
Mit der Besetzung ist der Regisseur höchst zufrieden, schließlich hat er mit allen Hauptdarstellern auch schon einmal erfolgreich zusammengearbeitet. Edgar Selge und Alan Cox spielen Vater und Sohn -Robert und Donald Clayton -, zwei Industrielle aus England, die sich in Wien niedergelassen haben. Für Selge war Doderer schon immer ein Begriff, zumal er Germanistik studierte und gerne österreichische Literatur der Moderne liest. Cox hingegen kam im Rahmen dieser Rolle zum ersten Mal in Kontakt mit dem Wiener Dichter. Karl Markovics, der den loyalen und hoch begabten Wirtschafter und Prokuristen der Firma Clayton - Josef Chwostik - gibt, hat schon vor vielen Jahren die große Liebe zu Doderer entdeckt: "Früher war ich regelmäßig im Wiener Café Brioni, nahe dem Franz-Josefs-Bahnhof, frühstücken", erinnert sich der Schauspieler, der am 29. August 2001 seinen 38. Geburtstag feiert. "Ein Freund erzählte mir, dass das einst eines der Stammkaffeehäuser Doderers war. Da musste ich dann natürlich auch etwas von ihm lesen. Das erste Doderer-Werk, das ich überhaupt las, war 'Ein Mord, den jeder begeht'. Das hat mich bereits mit dem ersten Satz gefangen genommen, den ich mir bis heute eingeprägt habe. Er handelt von dem starken Thema Kindheit, das ja auch in den 'Wasserfällen' sowie auch in anderen Doderer-Werken vorkommt", so Markovics.
Für Karin Giegerich, die die Technikerin Monica Bachler spielt - jene Frau, die zwischen Vater und Sohn Clayton steht -, war die Lektüre der "Wasserfälle von Slunj" ein verzauberndes Erlebnis: "Es war meine erste Begegnung mit Doderer und es bedurfte einer Engelsgeduld, sich hineinzulesen, aber dann war ich verzaubert. So ins Detail zu gehen, wie Doderer, und die Psychologie der Charaktere so fein zu beschreiben, ohne dabei zu psychologisieren, ist eine wahre Gabe."

ORF-Sendetermin: 2002
Gedreht wird "Die Wasserfälle von Slunj" bis voraussichtlich 3. September 2001 vorwiegend auf Schloss Enzesfeld, ein zeitlicher und auch budgetärer Vorteil für die Produktion. "Auf Grund der Vielzahl der Filmschauplätze hätten wir sehr viel Zeit für die Umzüge verbraucht. So sind wir ein einem Ort, was die Arbeit sehr vereinfacht", erklärt Peter Patzak. "Wir sind hier recht abgeschieden und dadurch ungestört von Passanten, Besuchern und Lärm. So können wir auch sehr viel Originalton verwenden." Patzak kennt das Schloss noch aus früheren Zeiten: Mit dem bereits verstorbenen Besitzer war er zufällig in den siebziger Jahren befreundet. "Das war früher eine alte Backgammon-Höhle, in der ich zahlreiche Stunden verbracht habe, auch mit prominenten Kollegen aus der Branche, wie zum Beispiel Curd Jürgens", erinnert er sich.

"Die Wasserfälle von Slunj" ist eine ORF-Produktion, mit deren Herstellung die Wiener epo-film beauftragt ist. Unterstützt wird sie vom Land Niederösterreich. Der Sendetermin des Films ist derzeit für 2002 geplant.

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