"Mehr Flexibilität wagen" von Wolfgang Unterhuber

Kommentar - WirtschaftsBlatt

Wien (OTS) - Einst wollte Deutschlands Kanzler Willy Brandt mehr Demokratie wagen. Heute wagen unsere Nachbarn mehr Flexibilität in der Wirtschaft. So hat sich das Management bei Volkswagen mit der Gewerkschaft auf ein Tarifmodell geeinigt, das für frischen Wind auf dem Arbeitsmarkt sorgen soll. Völlig neu ist dabei, dass sich die tägliche Arbeitszeit nach einem täglichen Produktionsziel richtet. Werden Stückzahl oder Qualität verfehlt, müssen bei eigenem Verschulden die Arbeitnehmer unbezahlt nacharbeiten. Das stärkt nicht nur die Eigenverantwortung der Arbeitnehmer, sondern auch die Qualität des Produktes. Grundsätzlich erhalten die Arbeitnehmer einen durch verschiedene Boni aufgestockten Fixlohn, der 35 Wochenstunden entspricht. Wird bei gesteigerter Nachfrage länger gearbeitet, werden die so entstehenden Überstunden auf einem Zeitkonto gutgeschrieben, das die Arbeitnehmer in schlechten Zeiten in Anspruch nehmen können. Der Vorteil: Die Zusatzproduktion verursacht keine höheren Kosten durch Überstundenzuschläge, und die Arbeitnehmer müssen bei schwacher Nachfrage nicht gleich gekündigt werden. Und in Österreich? Man stelle sich nur einmal vor, wie die Gewerkschaft auf den Vorschlag reagieren würde, Arbeitnehmer bei schlampiger Arbeit unbezahlt nacharbeiten zu lassen. Interessant wäre auch, wie die Öffentlichkeit reagieren würde, wenn hier jemand die Idee hätte, jungen Menschen ohne Job sukzessive die Arbeitslose zu streichen, wenn sie die ihnen zugeordnete Beschäftigung nicht annehmen. "Arbeitslager-Politik" wäre wohl der harmloseste Vorwurf. In Deutschland gibt es diesen Vorschlag. Und er stammt von der rot-grünen Regierung. So wie dort auch daran gedacht ist, ausländische Spitzenfachkräfte ohne komplizierte Quotenregelungen ins Land zu holen. Das alles soll nicht heissen, dass die Deutschen es uns wieder einmal vormachen. Vieles ist erst im Ideen-Stadium. Und natürlich herrscht auch dort viel Hader und Streit. Aber letztlich gewinnt man den Eindruck, dass Politiker, Arbeitgeber und Gewerkschaften an einem Strang ziehen, weil der Wirtschaftskrise auf Dauer mit Gezänk und gegenseitiger Blockade nicht beizukommen ist. (Schluss) wu

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