"Verzetnitschs sieben unnötige Fragen"

Kommentar - WirtschaftsBlatt von Engelbert Washietl

Wien (OTS) - Anton Benya war schon lange vor seiner Ablösung als Präsident des Gewerkschaftsbundes im Jahr 1987 ein Denkmal. Im sozialpartnerschaftlichen Heldenhain harmonierte dasselbe mit dem Denkmal Rudolf Sallinger, und unterhalb der Sockelkante herrschte im Allgemeinen ehrfürchtige Ruhe. Im Banne der unangreifbaren Zwei kuschten zumeist auch die Medien. Monumente sind wenig reformfreudig. Ungeachtet mancher Verdienste versäumten es sowohl Benya als auch Sallinger, ihre Institutionen ÖGB und Bundeswirtschaftskammer, wie die Wirtschaftskammer Österreich damals hiess, organisatorisch auf eine neue Zeit vorzubereiten. Auf beiden Seiten der Sozialfront wurden Besitzstände gesichert, aber nicht die Zukunft. Seither ist zwar viel Wasser die Donau hinuntergeronnen, es hat aber das alte Problemgeschiebe nicht hinweggespült.

Fritz Verzetnitsch gewöhnte sich an viel Schotter und unerträgliche Funktionäre aus alter Zeit. Unruhe erfasste zunächst die Wirtschaftskammer. Auch dort musste es erst einmal einen Aufstand der "Basis" geben - man denke an die fünf Industrie-Revoluzzer Claus Raidl, Thomas Prinzhorn & Co. Auch in der Kammer stiessen Bonzentum, Versorgungsideologie, Bürokratismus und Realitätsferne viele Pflichtmitglieder vor den Kopf. Einiges hat sich in der kurzen Ära des Kammerpräsidenten Christoph Leitl gebessert. Anders im ÖGB. Verzetnitsch ist nicht Chef eines Hauses, sondern eines Dachverbandes, in dem Nebenkönige herrschen. Er verfügt nicht über Pflichtmitglieder, stattdessen laufen ihm viele Unzufriedene davon. Eine wachsende Gruppe von Arbeitnehmern - Werkvertragler, Spezialberufe in der Informatikbranche - wurden bisher nicht erfolgreich integriert, und zuletzt kam der einst politisch so mächtigen Arbeitnehmervertretung nach 30 Jahren sogar die ideologisch zu ihr passende Regierung abhanden: mit Schwarz-Blau hat der ÖGB keine gemeinsame Wellenlänge. In dieser Zwangslage eine Urabstimmung der Mitglieder über sieben No-na-Fragen zu veranstalten, ist ein kapitaler Fehler Verzetnitschs. Es gibt nur eine zentrale Frage, die der ÖGB in der jetzigen Phase stellen kann: die Frage über sich selbst und seine grundlegende Neuorientierung. Im ÖGB ist Feuer am Dach - er braucht einen Löschzug, lädt aber zu einem Kerzerlfest. (Schluss) wash.

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