"Gelebte Nachbarschaft" in der Grenzregion Burgenland - Ungarn

Dieses Projekt wurde dankenswerterweise unterstützt von Herrn Landeshauptmann Hans Niessl, Arbeiterkammer Burgenland, Österreichische Lotterien. Diese Projekt wird von der Europäischen Kommission gefördert

Wien (OTS) - Wir bedanken uns sehr herzlich für die Unterstützung der Bürgermeister und den Bürgern der Gemeinden, ohne deren Mitarbeit unser Projekt nicht verwirklicht hätte werden können.

Bgm. Abg. z. Landtag Matthias GELBMANN Andau
Bgm. Alfred GRAFL Schattendorf
Bgm. Franz KERN St. Martin / Raab
Bgm. Johann KOTZENMACHER Pamhagen
Bgm. Ökonomierat Hermann KRUTZLER Deutsch-Schützen/Eisenberg Bgm. Abg. z. Landtag Hans NIESSL Frauenkirchen
Bgm. Johann SCHMIDT Eberau
Bgm. Rudolf SUCHY Zurndorf
Bgm. Johann WALDSICH Pama
Bgm. Ing. Gerhard ZAPFL Nickelsdorf

Bgm. Dr. Peter BIRO Kapuvar
Gemeindenotarin Dr. Zsuzsanna HARAMASZ Szentgotthard
Vizebgm. Tamas HAUER Koszeg
Bgm. Jozsef HIRSCHL Szentpeterfa
Bgm. Jozsef HONFI Körmend
Gemeindenotarin Annika VARGA-MIKLOSNE Halaszi
Bgm. Zoltan VINCZE Hegyeshalom

Auftraggeber: Österreichische Gesellschaft für Europapolitik (ÖGfE), Postfach 122, 1014 Wien
Tel.: +43/1/533 49 99, Fax: 533 49 40,
e-mail: europa@euro-info.net, http://www.euro-info.net

Umfragen: Sozialwissenschaftliche Studiengesellschaft (SWS),
1090 Wien

Autoren: Dr. Gerhard H. Bauer, Mag. Stefan Schaller

Wien, 15. August 2001
(C) Copyright: ÖGfE 2001. Nachdruck mit Quellenangabe erwünscht. Belegexemplar erbeten.

Gelebte Nachbarschaft in der Grenzregion Burgenland - Ungarn

Die bevorstehende Erweiterung der Europäischen Union ist in Österreich seit Jahren zentraler Bestandteil der öffentlichen Diskussion. Das Thema ist in hohem Ausmaß emotional besetzt. Vielfach wird der Darstellung negativer Szenarien mehr Aufmerksamkeit geschenkt, über die konkreten Folgen einer Erweiterung herrscht ein recht unklares Bild.

Was denken nun die von einer Erweiterung der EU am ehesten Betroffenen, die Bewohner der Grenzregionen? Die Österreichische Gesellschaft für Europapolitik (ÖGfE) hat sich mit dem Projekt "Gelebte Nachbarschaft in der Grenzregion" das Ziel gesetzt, die Einstellung der Burgenländer und Burgenländerinnen zum Nachbarland Ungarn näher zu beleuchten und über das Ausmaß und die Entwicklung überregionaler kommunaler Zusammenarbeit in der burgenländisch-ungarischen Grenzregion Aufschluss zu gewinnen.

Zu diesem Zweck hat die ÖGfE in Zusammenarbeit mit der Sozialwissenschaftlichen Studiengesellschaft (SWS) zwei gleichlautende Meinungsumfragen durchgeführt: Zum einen eine burgenlandweite Telefonumfrage (N = 500) 1) in der burgenländisch-ungarischen Grenzregion, zum anderen (ebenso in der Grenzregion) eine Umfrage in zehn Gemeinden, bei der die Befragten ihre Fragebögen selbst ausfüllten und im verschlossenen Kuvert bei der Gemeinde abgaben (N = 347) 2).

Ein weiterer Schritt umfasste Gespräche mit Bürgermeistern und Gemeindevertretern aus dem Burgenland (6 Gesprächspartner) und Ungarn (7 Gesprächspartner). Hierbei wurden folgende Themen erörtert: Folgen der Grenzöffnung für die Gemeinde und die Region (hinsichtlich Sicherheit, Kriminalität und Arbeitsmarkt), Stimmungslage in der Bevölkerung, Ausmaß der Kontakte zur Nachbarregion auf kulturellem, wirtschaftlichem und politischem Gebiet.

Ergebnisse der Umfragen

1. Allgemeiner Vergleich Telefonumfrage - Gemeindeumfrage

In der Gemeindeumfrage ist die Zahl der "weiß nicht / keine Angabe" - Antworten durchwegs höher als in der Telefonumfrage. Deutliche Abweichungen sehen wir bei drei Fragen (Fragen 1a - 1d bzw. Fragen 4 und 5). Die Antworten der Gemeindeumfragen sind generell nicht negativer. Die Abweichungen liegen meist im zulässigen Konfidenzintervall (+/- 5 %).

Grundsätzlich kann festgehalten werden, dass positivere Antworten mit steigender Bildung und höherem Alter korrelieren. Männer zeigen höhere Deklarationsbereitschaft als Frauen.

Kernaussagen der Umfragen

Aus den Ergebnissen der beiden Umfragen lassen sich folgende grundlegenden Tendenzen erkennen:

  • Die Burgenländer beurteilen die Grenzöffnung des Jahres 1989 positiv.
  • Die Burgenländer meinen mehrheitlich, dass
  • sie persönlich,
  • ihre Gemeinde
  • und das Burgenland aus der Grenzöffnung mehr Vor- als Nachteile gezogen haben bzw. hat.
  • Ein EU-Beitritt Ungarns wird mehrheitlich begrüßt.
  • Die Burgenländer vermuten Informationsdefizite bei Westösterreichern und Westeuropäern.
  • Mehr als die Hälfte der Burgenländer hat selten oder nie Kontakt zu ungarischen Bürgern.
  • Vor allem ältere Burgenländer verfügen noch über freundschaftliche und verwandtschaftliche Beziehungen zu Ungarn.
  • Ungarn wird als Ausflugs- und Einkaufsziel gesehen, nicht aber als potentieller Arbeitsplatz.

Achtung!

Die Grafiken zu unseren Umfragen sind ab Dienstag, 21. August 2001, auf unserer Homepage http://www.euro-info.net unter den Rubriken Studien und Pressekonferenzen abrufbar!

2. Ergebnisse

- Die Burgenländer beurteilen die Grenzöffnung des Jahres 1989 positiv.

Frage 1: "War die Öffnung der Grenze zu Ungarn eine gute Sache oder eine schlechte Sache?"

1a) Für die Burgenländer

gute Sache schlechte Sache weder noch w.n./k.A. Tel SWS 121 66 % 16 % 16 % 3 % Gemeinde-FB 54 % 20 % 17 % 9 %

1b) Für die Ungarn
gute Sache schlechte Sache weder noch w.n./k.A. Tel SWS 121 92 % 2 % 1 % 5 % Gemeinde-FB 85 % 1 % 3 % 11 %

1c) Für alle Österreicher
gute Sache schlechte Sache weder noch w.n./k.A. Tel SWS 121 58 % 19 % 11 % 12 % Gemeinde-FB 41 % 11 % 24 % 24 %

1d) Für ganz Europa
gute Sache schlechte Sache weder noch w.n./k.A. Tel SWS 121 62 % 11 % 12 % 16 % Gemeinde-FB 43 % 8 % 18 % 31 %

Siehe Grafik 1 - 1d!

Die Burgenländer meinen mehrheitlich, dass sie persönlich, ihre Gemeinde und das Burgenland mehr Vor- als Nachteile aus der Grenzöffnung gezogen haben bzw. hat.

Frage 2: "Hat die Öffnung der Grenze nach dem Fall des "Eisernen Vorhangs" mehr Vorteile oder mehr Nachteile gebracht?"

2a: für Sie persönlich
mehr Vorteile mehr Nachteile weder noch w.n./k.A. Tel SWS 121 38 % 12 % 49 % 2 % Gemeinde-FB 36 % 12 % 50 % 2 %

2b: für Ihre Gemeinde
mehr Vorteile mehr Nachteile weder noch w.n./k.A. Tel SWS 121 45 % 15 % 31 % 10 % Gemeinde-FB 41 % 17 % 30 % 12 %

2c: für das Burgenland
mehr Vorteile mehr Nachteile weder noch w.n./k.A. Tel SWS 121 58 % 19 % 15 % 9 % Gemeinde-FB 52 % 22 % 16 % 10 %

Siehe Grafik 2 - 2c!

Ein EU-Beitritt Ungarns wird mehrheitlich begrüßt.

Frage 3: "Wie stehen Sie persönlich zu einem EU-Beitritt Ungarns? Würden Sie einen EU-Beitritt Ungarns begrüßen, ablehnen oder wäre er Ihnen egal?"

begrüßen egal ablehnen w.n./k.A. Tel SWS 121 55 % 13 % 29 % 4 % Gemeinde-FB 43 % 15 % 35 % 8 %

Siehe Grafik 3!

Die Burgenländer vermuten Informationsdefizite bei Westösterreichern und Westeuropäern.

Frage 4: "Glauben Sie, dass die Bewohner unserer westlichen Bundesländer genug über die Frage des Beitritts Ungarns zur EU wissen, um mitentscheiden zu können?"

sie wissen genug sie wissen nicht genug w.n./k.A. Tel SWS 121 21 % 64 % 15 % Gemeinde-FB 21 % 55 % 24 %

Siehe Grafik 4!

Frage 5: "Glauben Sie, dass die anderen Europäer genug über Ungarn wissen, um über einen Beitritt Ungarns zur EU mitentscheiden zu können?"

sie wissen genug sie wissen nicht genug w.n./k.A. Tel SWS 121 17 % 64 % 19 % Gemeinde-FB 18 % 53 % 29 %

Siehe Grafik 5!

Mehr als die Hälfte der Burgenländer hat selten oder nie Kontakt zu Ungarn.

Frage 6: "Haben Sie persönlich Kontakt zu Menschen aus Ungarn?"

sehr häufig häufig selten nie Tel SWS 121 9 % 30 % 29 % 32 % Gemeinde-FB 12 % 26 % 49 % 12 %

Vor allem ältere Burgenländer verfügen noch über freundschaftliche und verwandtschaftliche Beziehungen zu Ungarn.

Siehe Grafik 6!

Frage 7: "Welche Kontakte haben Sie zu Menschen aus Ungarn?" (Mehrfachangaben möglich):

Treffen im Beruf gesellschaftlich geschäftlich mit Freunden mit Kollegen (Feste und Veranstaltungen)
Tel SWS 121 48 % 31 % 28 % 20 % Gemeinde-FB 26 % 24 % 27 % 15 %

Siehe Grafik 7!

Mehr als zwei Drittel der Burgenländer halten sich seltener als 1 mal im Monat in Ungarn auf.

Frage 8: "Wie oft halten Sie sich in Ungarn auf?"

Täglich mindestens mindestens seltener nie 1 mal/Woche 1 mal/Monat
Tel SWS 121 1 % 5 % 24 % 53 % 17 % Gemeinde-FB 1 % 5 % 20 % 61 % 13 %

Siehe Grafik 8!

Ungarn wird als Ausflugs- und Einkaufsziel gesehen, nicht aber als potentieller Arbeitsplatz.

Frage 9: "Welchem Zweck dienen diese Aufenthalte?" (Mehrfachangaben möglich)

Einkauf Besichtigungen, Freizeit, Ausflüge Unterhaltung Tel SWS 121 47 % 37 % 32 % Gemeinde-FB 41 % 28 % 27 %

Besuch von Freunden, Urlaub Arbeit Verwandten
Tel SWS 121 30 % 14 % 3 % Gemeinde-FB 29 % 6 % 4 %

Siehe Grafik 9!

Kernaussagen der Bürgermeistergespräche

Burgenländische und ungarische Bürgermeister stimmen überein:

  • Durch den Fall des Eisernen Vorhangs wurde die willkürliche Trennung aufgehoben - langfristig ist eine gemeinsame Region im Entstehen.
  • Ende der Randlage - Hoffnung auf Betriebsansiedlungen, Belebung der Region
  • Grenzüberschreitende Kontakte waren nie völlig abgerissen und wurden gleich nach Fall des "Eisernen Vorhangs" intensiviert.

Welche Gemeindekontakte gibt es?

  • "Verordnete" Partnerschaft (aus der Zeit vor 1989)
  • Offizielle Städtepartnerschaft
  • "Spontane" - Gelebte Partnerschaft

Welche Gemeindepartnerschaften funktionieren?

  • Partnerschaft darf nicht "von oben" verordnet werden
  • Offizieller Charakter behindert oft Projekte
  • Partnerschaft muss "gelebt" werden - Projekte sollen spontan entstehen
  • Individuelles Engagement ist von großer Bedeutung
  • Ohne EU-Förderungen wären viele Projekte nicht finanzierbar
  • Oft gibt es noch eine Hemmschwelle, Kontakte ins Nachbarland aufzunehmen, ist die Initiative aber einmal gesetzt, entwickeln sie sich von selbst.

Zusammenarbeit ist vielfältig, es gibt sie in folgenden Bereichen:
- Wirtschaft
- Kultur
- Tourismus
- Schulen
- Sport
- Kommunal
- Informationsaustausch
- Vereinsebene

Je nach Gemeinde schwankt die Intensität und die Art der Kooperation:

  • Von Kontakten auf Vereinsebene zu einem dichten Netz an Kooperationen.
  • Einzelne Gemeinden oder mehrere Gemeinden gemeinsam bilden Kooperationen.

Aussagen burgenländischer Bürgermeister

  • Die Kriminalität ist durch die Grenzöffnung zu Ungarn in keinem besonderen Maße gestiegen
  • Im Südburgenland wird das Schlepperwesen als Problem bezeichnet
  • In Teilen der Bevölkerung herrscht die Sorge, dass ein EU-Beitritt Ungarns gleichbedeutend mit dem Wegfall aller Grenzkontrollen ist
  • Aufklärung ist nötig!

Deshalb vor einem EU-Beitritt Ungarns:

  • Annäherung des Lohnniveaus muss erfolgen
  • Dem Sicherheitsgefühl der Bevölkerung muss Rechnung getragen werden
  • Übergangsfristen sind in manchen Bereichen wünschenswert, sollen aber flexibel gehandhabt werden
  • Die Berufsperspektiven, die sich durch die neuen Ballungszentren in der Region Gyor-MosonmagyarOvar-Szombathely-Bratislava ergeben könnten, werden von österreichischer Seite (noch) ignoriert, was sich auf lange Sicht nachteilig auf die wirtschaftliche Entwicklung der burgenländischen Region auswirken könnte
  • "Die Chancen werden verschwiegen"
  • Kleingewerbe, Handwerk und Dienstleistungsbetriebe könnten schon jetzt profitieren, da sie den ungarischen Kollegen gegenüber konkurrenzfähig sind. In Westungarn besteht eine deutlich stärkere Kaufkraft als in den anderen Landesteilen und daher auch eine entsprechende Nachfrage.
  • Keine Angst vor einer "Überschwemmung" durch ungarische Arbeitskräfte. In manchen Bereichen (Landwirtschaft, Gastronomie, Dienstleistungen, Handwerk) sind ungarische Arbeitskräfte unverzichtbar.
  • Mit vermehrtem Pendlerverkehr ist zu rechnen (Tagespendler).
  • In niedrig qualifizierten Branchen könnten österreichische Arbeitskräfte gefährdet sein
  • Auch wenn sich dadurch bessere Berufsperspektiven ergeben könnten, ist die Bereitschaft, die ungarische Sprache zu erlernen gering.

Aussagen ungarischer Bürgermeister

  • Ein EU-Beitritt soll möglichst rasch erfolgen
  • EU soll Ungarns Beitritt nicht verzögern, sondern Ungarn etwa bei der Sicherung seiner "Außengrenze" unterstützen
  • Übergangsfristen sind etwa im Bereich der Landwirtschaft bzw. des Grunderwerbs durch Ausländer auch in ungarischem Interesse (Problem der sog. "Taschenverträge")
  • In manchen Bevölkerungsschichten gibt es große Informationsdefizite über die EU und auch Ängste, die nationale Identität zu verlieren
  • Die Haltung Österreichs bezüglich eines EU-Beitritts Ungarns wird zwiespältig beurteilt: Teils ist man mit der Unterstützung zufrieden, teils vermutet man eine Verzögerungstaktik, die ökonomisch motiviert ist.
  • Österreichische Ängste vor einer "Überschwemmung" durch ungarische Arbeitskräfte sind unrealistisch.
  • Die Ungarn sind nicht sehr mobil.
  • Trotz höherer Arbeitslosigkeit in Ostungarn und höherer Löhne in Westungarn gibt es kaum eine Binnenwanderung.
  • Westungarische Komitate haben sich seit 1989 sprunghaft entwickelt
  • Viele internationale Betriebe haben sich in Westungarn niedergelassen.
  • Ausländische Investoren sind willkommen, ihnen werden Anreize geboten.
  • Man hofft, dass sich in Zukunft nicht nur typische "Niedriglohnfirmen" ansiedeln, da die Steuerleistung an die Gemeinde gering ist.
  • In den besuchten Gemeinden in Westungarn ist die Arbeitslosigkeit sehr niedrig (ca. 5 %).
  • In manchen Branchen herrscht bereits Arbeitskräftemangel (insbes. Facharbeiter)
  • Manche Betriebsansiedlungen sind aufgrund des Arbeitskräftemangels nicht realisiert worden.

(C) Copyright: ÖGfE 2001. Nachdruck mit Quellenangabe erwünscht. Belegexemplar erbeten.

1) Tel SWS 121, November 2000, N = 500.
2) ÖGfE Gemeindeumfrage, März 2001, N = 347.

Folgende Gemeinden waren dankenswerterweise zur Teilnahme an der Umfrage bereit: Andau, Deutsch-Schützen / Eisenberg, Eberau, Frauenkirchen, Nickelsdorf, Pama, Pamhagen, Schattendorf, St. Martin an der Raab und Zurndorf.

Rückfragen & Kontakt:

Herr Dr. Gerhard Bauer oder
Frau Schreiber
Tel.: 533 49 99
Fax: 533 49 40
Mail: europa@euro-info.net

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