WirtschaftsBlatt-Kommentar über E-Wirtschaft: Zweimal gestrandet (von Gerald Stefan)

Ausgabe vom 25.7.01

Wien (OTS) - Die österreichische Energiebranche gilt als trockene Materie. Zu Unrecht, denn sie ist reich an faszinierenden Sagen und Mythen. Etwa die Stranded Costs: Viele Milliarden Schilling, die einst in teure Kraftwerke gesteckt wurden und durch den Preisverfall am liberalisierten Markt nicht mehr zu verdienen sind. Gestrandete Investitionen, die die Branche in Form eines Aufschlags auf die Stromrechnung beim Konsumenten eintreiben will. Denn Megaprojekte wie das Kraftwerk Freudenau wurden nicht zuletzt auf Wunsch der Politiker aus dem Boden gestampft. Da bekanntlich das Volk der Souverän der Politiker ist, erschien der Wunsch sogar logisch. Zuletzt glichen die Stranded Costs aber mehr dem Ungeheuer von Loch Ness: Insgesamt acht Milliarden Schilling standen seit Jahren in Brüssel zur Entscheidung darüber an, ob sie denn auch vom Austro-Stromkunden kassiert werden dürfen. Von Zeit zu Zeit erinnerten sich Branche und Journalisten gerne des Themas ohne dass die EU-Kommission eine Entscheidung gefällt hätte. Heute soll es in Brüssel nach langem Warten so weit sein. Und siehe da mit positivem Ausgang. Wirtschaftsminister Martin Bartenstein nützt die Gelegenheit für eine Überraschung: Er kündigt an, die ersehnte Erlaubnis aus Brüssel zur Eintreibung der Milliarden gar nicht mehr ausnützen zu wollen. Zumindest jene fünf Milliarden, die auf die Wasserkraft des Verbunds entfallen, seien zu dessen Überleben wohl nicht mehr notwendig. Denn der unlängst beschlossene Pakt des Verbunds mit dem deutschen Stromriesen E.ON stärke Ersteren beträchtlich - wie sehr, lässt der Minister überprüfen. Diese Absicht hat beim deutschen Riesen zweifellos Begeisterung ausgelöst: E.ON darf also bezahlen, was Österreichs Politiker sich einst an Landschaftsgestaltung an der Donau wünschten. Dass etliche Direktoren dabei sekundierten, tröstet wenig. Vielleicht hilft folgender Gedanke: Österreichs E-Wirtschaft ist immer für eine Überraschung gut (Stichwort: Grosse Stromlösung). Und die zuständigen Politiker stehen der teilverstaatlichten Branche in nichts nach. Wenn jetzt der zuständige Minister vor hat, die Stranded Costs zum zweiten Mal stranden zu lassen - ist das nicht folgerichtig? Einfach der Stoff, aus dem in Österreich Strom-Legenden sind? Eines wäre immerhin neu:
Der Steuerzahler zahlt diesmal nicht. (Schluss) gst

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