DER STANDARD - Kommentar vom 21.07.2001 Die Mächtigen auf dem Mond Der Gipfel in Genua und die untrüglichen Zeichen der Weltveränderung Von Gerfried Sperl

Wien (OTS) - Optisch trifft jeder jeden. Der "mitfühlende" Konservative George Bush ist schon zum zweiten Mal in Europa. Wladimir Putin reist vom Pekinger Freundschaftstreffen nach Genua, um die G-8 zu komplettieren. Die Europäer kennen einander sowieso. Hallo.

Diese Liste ließe sich verlängern. Zum Beispiel um Shimon Peres und Yassir Arafat, die sich, zwei Nobelpreisträger, vergeblich in Kairo trafen. Auch hier viel Etikette. Obwohl es längst kein Bussi-Bussi-Klima mehr gibt, tun alle weltweit so, als seien sie miteinander irgendwie verfreundet. Alles Schönfärberei.

Es gibt untrügliche Zeichen der Veränderung. Mit Clintons Abgang von der Spitze der USA hat sich die internationale Szenerie schlagartig verändert. Sie sieht völlig anders aus als vor einem Jahr.

George Bush, der dezidierte Klimaschutz-Gegner, macht mit der von den Republikanern seit den Reagan-Zeiten geplanten Raketenabwehr Ernst. Was Putin veranlasst hat, jede russische Rakete für diesen Fall mit Mehrfachsprengköpfen auszurüsten. Im Nahen Osten wächst mit jedem Tag trotz gegenteiliger Beteuerungen die Kriegsgefahr. Und die Abschwächung der Konjunktur verstärkt

die Verteilungskämpfe. Was letztlich die Gegner der Globalisierung stärkt.

Wo liegen die Ursachen?

Bush knüpft eindeutig dort an, wo Ronald Reagan aufgehört hat - bei einem internationalen Thatcherismus, der dem Wohl der Industrie und der großen Konzerne alles andere unterordnet. Auch den Klimaschutz. Und der verbal keinen Pessimismus zulässt. Die Amerikaner würden demnächst 40 Milliarden Dollar an Steuerrückvergütungen erhalten. Das müsse die Konjunktur wieder ankurbeln, verkündete er in einem internationalen Interview vor seiner Abreise in die Alte Welt.

Der amerikanische Präsident vertraut im Unterschied zu seinem Vorgänger auch dem militärischen Komplex faktisch uneingeschränkt. Und bringt damit die Europäer noch einmal gegen sich auf. Denn die sehen fast nur die Verstörung der Russen, haben Angst um die kontinentale Balance und vergessen, dass es aufseiten von Bush immerhin ein gewichtiges Argument für die Raketenabwehr gibt: Der internationale Terrorismus (Stichwort: Bin Laden) und schwer kontrollierbare Diktaturen der Dritten Welt haben das Potenzial, Angriffswaffen zu beschaffen. Dasselbe Bedrohungsschema gilt übrigens für Europa.

Das unter Clinton ziemlich intakte Dreieck USA-Europa -Russland ist jedenfalls am Zerbrechen, Peking baut das Zweckbündnis mit Moskau aus. Die Irritationen steigern die Unsicherheiten im Nahen Osten und in der asiatischen Inselwelt. Und ermuntern die Extremisten aufseiten der Kritiker der Globalisierung. Die Schwäche der Mächtigen wird zur Stärke der Ohnmächtigen. Denn die mediale Kraft ist ohnehin auf ihrer Seite: Mann beißt Hund schlägt Hund beißt Mann.

Zudem stecken hinter dem erbarmungslosen Gipfel-Tourismus des "Volks von Seattle" mindestens zwei plausible Forderungen: die Besteuerung internationaler Finanztransfers und ein neues System zur Entschuldung der armen Länder. Dass sich mittlerweile auch prominente Kardinäle inhaltlich diesen Argumenten anschließen, zeigt, wie groß das Echo ist.

Insofern wäre es hoch an der Zeit, die traditionellen Steuerungsinstrumente der internationalen Politik um neue Elemente zu ergänzen: in der Umweltfrage durch effizienten Klimaschutz, in der Geldwirtschaft durch Transferregeln, in der Drogenproblematik durch wirksame Vorsorge.

Aber weil der Konsens weiterhin nur aus den gemeinsamen Familienfotos bestehen wird und aus nichts sagender Rhetorik, werden die Proteste größer und die Gipfeltreffen immer exklusiver: von Schlössern auf Schiffe, von Schiffen in die Wüste hinein oder auf Berge hinauf.

Bleibt zum Schluss nur noch der Mond. Aber vielleicht leben die Führenden dieser Welt ohnehin schon dort. Weil sie die Wirklichkeit in ihrer Härte nicht wahrnemen.

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