- 30.05.2001, 18:16:50
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"Die Presse"-Kommentar: "Tiroler Hüttenzauber" (von Ernst Sittinger)
Ausgabe vom 31.5.2001
WIEN (OTS). Gar wundersam und geheimnisvoll wirkt der Tiroler
Hüttenzauber: Am Dienstag schlagen Landeshauptmann Wendelin
Weingartner und sein Parteiobmann Ferdinand Eberle einander noch
beinahe die Köpfe ein, tags darauf herrscht eitel Wonne am Fuß der
Tiroler Berge. Keiner will der Schuldige gewesen sein, der den
Almfrieden ins Wanken brachte.
Wer freilich glaubt, die veritable Führungskrise in der schon lange
nicht mehr mächtigen Landes-ÖVP sei damit ausgestanden, der irrt. In
alter und wenig bewährter Weise hat man die Differenzen unter den
Teppich gekehrt und eine Kompromißformel gefunden, die bestenfalls
die Symptome, aber sicher nicht die Ursachen der Rivalität bekämpft.
Hinter den Kulissen sieht es wenig erfreulich aus: Weingartner, der
seinen ungeliebten Kronprinzen am liebsten ganz von der politischen
Bühne verbannen will, mußte am Mittwoch fast eine halbe Stunde lang
mühsam überredet werden, um überhaupt an der außerordentlichen
Parteivorstandssitzung teilzunehmen. Dort durfte er sich zwar
darüber freuen, daß Konkurrent Eberle seiner Tirolbank-These wie
weiland Galileo Galilei abschwören mußte. Gleichzeitig mußte der
Landeshauptmann aber einsehen, daß seine Macht im Parteivorstand
nicht mehr ausreicht, um den Widersacher auszuhebeln.
So sind beide, Weingartner und Eberle, bis auf weiteres aufeinander
angewiesen und müssen auch noch so tun, als wären sie gute Freunde.
Denn anstatt die Krise offen einzubekennen, wird nach außen getarnt
und getäuscht: Da schloß Bauernbundchef Steixner schon vor
Sitzungsbeginn eine Personaldiskussion aus. Da faßte der
Parteivorstand - natürlich einstimmig! - den Beschluß, Eberle sei
als Obmann "unbestritten". Und Eberle selbst muß eine Banken-Lösung
mittragen, an die er eigentlich nicht glaubt. Ganz nach dem Motto:
Parteidisziplin macht glücklich, wenn man rechtzeitig drauf schaut,
daß man sie hat, wenn man sie braucht.
Dabei müßte es die Tiroler ÖVP besser wissen. Sie hat erst vor knapp
einem Jahr mit 93 Prozent Zustimmung jenen Obmann gewählt, der nun
so "unbestritten" ist, daß sich die Balken biegen.
Rückfragehinweis: Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
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